Selenskyj will einen schnellen Frieden im Ukraine-Krieg und bauchpinselt Trump. Zudem bringt er eine politische Komponente ins Spiel. Doch die Zeit rennt.
Kiew/Washington, D.C. – Für Donald Trump könne es „keinen größeren Triumph“ geben, als ein Ende des Ukraine-Kriegs, glaubt Wolodymyr Selenskyj. „Für sein Vermächtnis ist das die Nummer 1“, sagte der ukrainische Präsident in einem Interview mit The Atlantic. Inzwischen weiß Selenskyj, wie er dem US-Präsidenten schmeichelt.
Einst noch bei einem Washington-Besuch vorgeführt und belächelt, verstehen sich die beiden Männer heute besser. Inzwischen setzt Selenskyj gezielt da an, wo man Donald Trump am ehesten für sich gewinnt: seinem großen Ego. Doch jetzt bringt der ukrainische Staatschef auch eine politische Komponente ins Spiel.
Ukraine-Erfolg für Trump: Selenskyj weist auf die anstehenden Midterms hin
„Ja, er möchte, dass es weniger Todesfälle gibt. Aber wenn wir uns wie Erwachsene unterhalten, ist das für ihn nur ein Sieg, ein politischer Sieg“, führte Selenskyj aus. Der Clou: Würde ein Frieden im Ukraine-Krieg noch vor November gelingen, könnte sich Trump als Heilsbringer inszenieren und damit Wahlkampf machen. Nun liegt Trumps MAGA-Basis nicht sonderlich viel an Außenpolitik, doch es wäre zweifelsohne der größte Erfolg in Trumps Präsidentschaft – der ersten Amtszeit eingeschlossen.
Denn am 3. November stehen in den USA die sogenannten Midterms an. Bei den Zwischenwahlen geht es um die Kontrolle im US-Repräsentantenhaus und im US-Senat (den beiden Kammern des US-Kongresses). Sollten die Demokraten hier die vielen Trump-Skandale nutzen können, könnte Trump zur „lame duck“ (lahmen Ente) werden. Zweifelsohne ist Trump zuzutrauen, dass er sich über den Kongress hinwegsetzen würde, doch möglich wäre das – eigentlich – nicht. Jüngste Umfragen zu den Midterms deuten jedenfalls auf einen Erfolg der Demokraten hin.
Das weiß auch Selenskyj. Eine Friedensvermittlung im Ukraine-Krieg wäre daher noch „vor den Zwischenwahlen“ für Trump am günstigsten, betonte er.
Russlands Staatsmedien rechnen bereits mit Trumps „Ukraine-Aufgabe“
Allerdings wissen die Ukrainer auch, dass Trump ein Mann der Widersprüche ist. So gerne sich der US-Präsident auch bauchpinseln lässt, am Ende wirken seine Entscheidungen oft willkürlich. Der Mann dahinter bleibt unberechenbar. Doch die Zeit rennt. In Selenskyjs engstem Kreis sei man besorgt, dass das Zeitfenster für einen Deal langsam schließt, berichtet The Atlantic. Eine Klatsche bei den Midterms könnte ungeahnte Folgen für Trumps Republikaner nach sich ziehen. „Wir haben es eilig, den Krieg zu beenden“, sagte Selenskyj.
Auch in Russland blieb das Selenskyj-Interview nicht unbemerkt. „Trump könnte in den kommenden Wochen die Ukraine-Einigung aufgeben“, titelt etwa die Tass. Die russische Staatsagentur bezieht sich dabei auf folgenden Absatz aus The Atlantic: „In den kommenden Wochen, wenn die Wahlkampfsaison Trumps Aufmerksamkeit zunehmend in Anspruch nimmt, könnte er zu dem Schluss kommen, dass die Verhandlungen für ihn zu einem politischen Verlust geworden sind. Er könnte sich dann zurückziehen und die Schuld für das Scheitern der Diplomatie der Unnachgiebigkeit einer oder beider Konfliktparteien zuschreiben.“
Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Auch Putin hofft auf Trump
Die Verhandlungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs laufen schleppend. Erstmals kam es vor wenigen Wochen wieder zu direkten Gesprächen zwischen der Ukraine und Russland in Abu Dhabi – vermittelt von der Trump-Regierung. Kiew hat bereits mehrfach Zugeständnisse signalisiert, unter anderem Neuwahlen bei einem Frieden in der Ukraine, doch Wladimir Putin pocht auf seine Maximalforderungen.
Es ist gut möglich, dass man in Moskau die Zeit lieber aussitzt und auf Trumps schwindendes Interesse hofft. Dazu passt, dass Selenskyj nun an Trumps Ego appelliert und dem US-Präsidenten ein prächtiges Vermächtnis verspricht. (Quellen: The Atlantic, Kyiv Post, Tass, dpa) (nak)