Nach dem verheerenden Crans-Montana-Brand werden die Bar-Betreiber vernommen. Ein Überwachungsvideo soll Jessica Moretti bei der Flucht zeigen.
Crans-Montana – Nach dem Unglück in der Silvesternacht im Schweizer Ort Crans-Montana, bei dem 40 Menschen starben und 121 weitere verletzt wurden, stehen die französischen Besitzer des Nachtclubs „Le Constellation“ heute vor der entscheidenden Vernehmung durch die Schweizer Staatsanwaltschaft. Jacques und Jessica Moretti müssen sich erstmals als Beschuldigte den Fragen der Ermittler stellen.
Die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Beatrice Pilloud, hatte bereits angekündigt, dass die Ermittlungen einen Wendepunkt erreicht hätten. Am Freitag (9. Januar) werden die Morettis nicht mehr als Zeugen, sondern als Beschuldigte wegen fahrlässiger Tötung, Brandstiftung und Körperverletzung vernommen.
Brand-Unglück in „Le Constellation“: Staatsanwältin deutet Wende in den Ermittlungen gegen Betreiber an
Die Vernehmung findet nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP in den Räumen der Staatsanwaltschaft in Sion (Sitten) statt. Jacques und Jessica Moretti, denen 50 Prozent der Anteile an der Bar gehören, haben sich erstmals öffentlich geäußert, wie Blick berichtet. Sie kündigten ihre vollständige Kooperation mit den Behörden an. „Wir werden in keiner Weise versuchen, uns diesen Dingen zu entziehen“, so das Paar in einer Erklärung. Sollten sie dennoch unvollständig oder falsch antworten, könnten die Anklagen erweitert und die beiden verhaftet werden. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Ihre bisherige Anklage auf freiem Fuß hat international Kritik hervorgerufen – hauptsächlich wegen der Fluchtgefahr und der Gefahr der Beweismittelmanipulation. Der Mailänder Anwalt Valentino Giola, dessen 16-jähriger Sohn Giuseppe bei dem Brand verletzt wurde und sich derzeit im Krankenhaus Niguarda befindet, fordert bei rainews.it eine Bestrafung, die ein Beispiel konstituiert.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es an einem so international renommierten Ort so gravierende Sicherheitsmängel geben könnte“, so Giola. „Wir haben hohe Standards erwartet. Jetzt erwarten wir eine exemplarische Bestrafung, sonst würde der Ort das wenige Ansehen verlieren, das ihm noch geblieben ist.“
Gemeinde gerät nach Brandkatastrophe in die Kritik
Die Untersuchungen haben bereits erschreckende Details über die Sicherheitssituation im „Le Constellation“ zutage gefördert. Die Ermittler konzentrieren sich auf mehrere zentrale Aspekte: die Identität der anderen Eigentümer sowie das Ausbleiben behördlicher Kontrollen seit 2020. „Wir bereuen das bitterlich“, so Gemeinderatspräsident Nicolas Féraud bei einer Pressekonferenz.
Bei der letzten Kontrolle 2019 wurden mehrere Änderungen angeordnet. Derzeit wird geprüft, ob die Fluchtwege in der Bar den Vorschriften entsprachen und die Schaumstoffdämmung an der Kellerdecke den Brandschutzvorschriften entsprach. Ehemalige Angestellte sprechen von verschlossenen Ausgängen und fehlenden Feuerlöschern.
Neue Vorwürfe in Crans-Montana – Video von Silvesternacht könnte Jessica Moretti schwer belasten
Neben der Schweiz haben auch Frankreich, Belgien und Italien eigene Ermittlungsverfahren eingeleitet. Italien nutzt dabei eine besondere Rechtsgrundlage für Straftaten gegen italienische Staatsbürger im Ausland. Der römische Staatsanwalt Francesco Lo Voi hat ein Verfahren wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung und Brandstiftung eröffnet, berichtet Rai.
Jacques Moretti war zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht im Club anwesend, sondern in einem anderen Betrieb des Paares tätig. Laut Le Parisien wurde er 2008 in Frankreich wegen Anstiftung zur Prostitution, Betrug und Entführung vorbestraft. Seine Frau Jessica befand sich in der Unglücksnacht hingegen am Kassensystem und trug bei dem Brand leichte Verletzungen davon. Ein Überwachungsvideo, das in den Medien kursiert, soll Jessica Moretti dabei zeigen, wie sie unmittelbar nach Brandausbruch mit der Tageseinnahme das brennende Lokal verlässt.
Die Behörden haben diese Informationen bislang nicht offiziell bestätigt. Die Authentizität des Videos und die Identität der gezeigten Person müssen noch eindeutig geklärt werden. Sollten sich die Vorwürfe jedoch erhärten, könnte dies die Anklage erheblich verschärfen und zu zusätzlichen Straftatbeständen wie unterlassener Hilfeleistung und Vernachlässigung der Fürsorgepflicht führen. (Quellen: AFP, Blick, rainews.it, Le Parisien) (jaka)