"Was ist bei euch los?" Welt lacht wegen Berliner Stromausfall über Deutschland

Deutschland war einst der Maßstab – für Präzision, für Verlässlichkeit, für ein weltweit anerkanntes Garantieversprechen: Wenn Deutschland etwas baut, plant oder organisiert, dann funktioniert es. 

Dieses Versprechen ist brüchig geworden. Und was mich daran besonders schmerzt: Ich erlebe diesen Verlust nicht als Außenstehender, sondern als jemand, der dieses Land bewusst aufgrund dieser Qualität als meine Heimat gewählt hat. 

Häme nach Stromausfall in Berlin: "Was ist bei euch los?" 

Seit Tagen erreichen mich Anrufe und Nachrichten aus Israel, aus arabischen Ländern, aus dem Ausland. Nicht aus Sensationslust, sondern aus ehrlicher Verwunderung. Ein Stromausfall in Berlin, ausgelöst durch einen gezielten Sabotageakt, und er ist nicht binnen kurzer Zeit behoben. „Was ist bei euch los? Warum kriegt Deutschland so vieles nicht mehr hin?“ fragen sie. „Wie kann so etwas so lange dauern?“ 

Ich habe darauf keine Antwort, ich bin enttäuscht und ich bin genau so verwundert wie sie. Denn während Israel seit Jahren unter massivem Beschuss steht, mit gezielten Angriffen auf Energie-, Wasser- und Kommunikationsinfrastruktur, gelingt es dort selbst unter Kriegsbedingungen, Ausfälle oft innerhalb von Minuten oder wenigen Stunden zu beheben. 

Nicht aus Heldentum, sondern als Ergebnis gezielter Vorbereitung, strukturierter Planung, eingeübter Resilienz und eindeutiger Zuständigkeiten. In Deutschland erleben wir immer häufiger das Gegenteil. Eine kritische Infrastruktur, die auf Kante genäht ist, veraltet, verletzlich, schlecht geschützt. 

Hier funktioniert etwas nicht mehr so, wie man es von Deutschland erwartet

Dazu kommen endlose Abstimmungsschleifen, unklare Zuständigkeiten, eine Bürokratie, die lähmt. Der Stromausfall ist kein Einzelfall. Er reiht sich ein in ein größeres Muster: wiederholte Brandanschläge auf Bahnstrecken und Stellwerke, Sabotageakte an Strom- und Funkinfrastruktur, Angriffe auf Energieanlagen, die ganze Regionen lahmlegen. Eine Infrastruktur im Dauerreparaturmodus, Baustellen ohne Ende. 

Behörden, die in sicherheitsrelevanten Bereichen mit Denkweisen und Strukturen aus dem letzten Jahrhundert arbeiten, Großprojekte, bei denen längst nicht mehr gefragt wird, wann sie fertig werden – sondern ob überhaupt. All das sendet ein Signal. Nicht nur nach innen, sondern nach außen. Und dieses Signal lautet: Hier funktioniert etwas nicht mehr so, wie man es von Deutschland erwartet. 

All das zeigt auch, wie verwundbar dieses Land geworden ist. Angriffe auf die Infrastruktur sind dabei selten die Spitze radikaler Ideologien. Sie sind oft ihr Anfang. In der Extremismusforschung gilt Sabotage als klassische Einstiegsform politischer Gewalt. Sie senkt die Hemmschwelle, erzeugt Aufmerksamkeit, testet staatliche Reaktionsfähigkeit. 

Wer einmal erlebt hat, dass man mit einem Kabelbrand oder einem Stromausfall ein Land vorführen kann, stellt sich irgendwann andere Fragen. Was ist als Nächstes möglich? Und was bleibt folgenlos? Natürlich ist nicht alles schlecht. Berlin ist nicht die ganze Republik. Und ja, es gibt technische Erklärungen, Witterungseinflüsse, Komplexität. 

Es zählt die Wahrnehmung

Aber in einer globalisierten, medial überhitzten Welt zählt nicht nur die Erklärung. Es zählt die Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung entscheidet über Vertrauen, bei Partnern, Investoren, Verbündeten. Auffällig ist auch, worüber wir kaum sprechen. Über Kabel, Netze und Reparaturzeiten wird nun ausführlich diskutiert. 

Über die ideologischen Milieus hingegen, in denen Sabotage als legitimer Protest gilt, deutlich weniger. Gewiss, Stromnetze können resilienter gemacht, Brücken saniert und Leitungen geschützt werden. Aber wenn man die Radikalisierung in den Köpfen ignoriert, bleibt jedes System verwundbar. Denn jede verharmlose Sabotage ist eine Einladung zur Nachahmung. 

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Am frühen Morgen des 3. Januar 2026 erschütterte ein gezielter Brandanschlag die Stromversorgung Berlins: Zunächst Unbekannte legten Brandsätze an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal nahe dem Heizkraftwerk Lichterfelde. Die Folge: Fünf Hochspannungskabel und mehrere Mittelspannungskabel wurden zerstört – ein massiver Eingriff in die kritische Infrastruktur der Hauptstadt. Inzwischen bekannte sich die linksextreme "Vulkangruppe" zu dem Anschlag. Der Staatsschutz bewertet ihr Schreiben als glaubhaft. Getty Images

„Made in Germany“ war einmal ein Versprechen

Ein Staat, der seine Infrastruktur nicht schützt, sendet ein Signal der Schwäche. Eine Gesellschaft, die politische Gewalt verharmlost, statt sie klar zu verurteilen, ist eine Einladung. In Krisen braucht ein Land keine Beschwichtigung, sondern Verantwortung. Keine Symbolpolitik, sondern Vorbereitung. Vertrauen entsteht nicht durch Worte, sondern durch sichtbare Kompetenz. 

„Made in Germany“ war einmal ein Versprechen. Wenn wir nicht aufpassen, wird es zur nostalgischen Erinnerung oder zum Gegenstand des Spotts. Und doch gibt es Hoffnung. Diese liegt nicht in Pressekonferenzen oder wohlformulierten politischen Erklärungen begründet. Auch nicht am katastrophalen Krisenmanagement. Es sind die Menschen vor Ort, die Grund zur Hoffnung geben. 

In Berlin zeigt sich in diesen Tagen, was Zusammenhalt bedeutet: Nachbarn helfen einander, übernehmen Verantwortung, organisieren Hilfe oft schneller und gezielter als staatliche Strukturen und Abläufe es vermögen. Und doch kann Solidarität nicht staatliche Verantwortung ersetzen. Ich habe in meiner Arbeit gelernt: Vertrauen verschwindet nicht über Nacht. Es beginnt dort zu bröckeln, wo Prioritäten falsch gesetzt werden, wo Scheitern gerechtfertigt und Erwartungen systematisch gesenkt werden. Noch ist es nicht zu spät. Aber Zeit lässt sich nicht verwalten. Man muss sie nutzen, bevor andere es tun.

Über Ahmad Mansour

Ahmad Mansour ist Diplom-Psychologe und Autor aus Berlin. Geboren 1976 in Kfar Saba besitzt er die israelische und die deutsche Staatsangehörigkeit. 2018 gründeten Mansour MIND prevention (Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention), die Workshops zur Extremismusprävention durchführt. Dabei arbeitet er mit Insassen von  Justizvollzugsanstalten und mit Geflüchteten.

Mansour engagiert sich zudem beharrlich gegen Antisemitismus. 2015 erschien sein Buch "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen", im August 2018 folgte "Klartext zur Integration – Gegen falsche Toleranz und Panikmache". Jüngst erschien sein neues Buch „Operation Allah: Wie der politische Islam unsere Demokratie unterwandern will“.