Der Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ging für eine Stunde Tennisspielen, als sich die Stromausfalllage zuspitzte. Darüber gibt es sehr viel Empörung - wieso? Weil Krisen kein normales Zeitfenster haben. Sie verschieben Maßstäbe, Erwartungen und Sensibilitäten.
Nicht das Tennisspielen an sich ist das große Problem. Das große Problem ist Wegners fehlende Sensibilität für die Wirkung seiner Aktion. Wer inmitten der großen Kälte ein Signal der Abwesenheit sendet, der darf sich über gefrorenes Vertrauen nicht wundern.
Wenn Wohnungen kalt bleiben, Aufzüge stehen und Menschen nicht wissen, wie sie durch die nächsten Tage kommen sollen, erwartet niemand perfekte Abläufe – aber zumindest Haltung und das Bemühen, die Situation zu retten. Eine öffentlich erzählte Sport-Auszeit wirkt da nicht wie Selbstmanagement, sondern wie Distanz.
Betroffene suchen nach Entscheidern, die die Lage ernst nehmen
Natürlich ist eine Stunde Sport an sich nicht falsch, aber jede Form von empathischer Symbolik hätte in diesem Moment Vorrang gehabt. Denn in solchen Momenten zählt weniger, was erlaubt ist, sondern was angemessen wirkt.
Was passiert psychologisch bei den Betroffenen? Krisen aktivieren ein Grundbedürfnis: Sicherheit. Menschen suchen nach Orientierung, nach Entscheidern, die die Lage ernst nehmen und sie emotional mittragen.
Fehlt dieses Gefühl, entsteht ein Bruch. Der Gedanke lautet dann: „Der ist nicht da, wenn es darauf ankommt.“
Das ist keine sachliche Bewertung, sondern eine emotionale. Und genau diese Emotion entscheidet darüber, ob Vertrauen hält – oder ob es reißt.
Der Vergleich mit Helmut Schmidt während der Hamburger Sturmflut hat einen Grund
Warum fällt so oft der Vergleich mit früheren Führungspersönlichkeiten? Weil sich Führung in Krisen ins kollektive Gedächtnis einbrennt. Der Vergleich mit Helmut Schmidt während der Hamburger Sturmflut kommt nicht aus Nostalgie, sondern aus einem klaren Bedürfnis: Präsenz.
Buchempfehlung (Anzeige)
-
Bildquelle: Christoph Maria Michalski
Buchempfehlung (Anzeige)
"Streiten mit System: Wie du lernst, Konflikte zu lieben" von Christoph Maria Michalski.
Schmidt war sichtbar, ansprechbar, entscheidungsbereit. Er stand dort, wo die Lage eskalierte. Das machte ihn nicht unfehlbar, aber glaubwürdig. Und genau diese Glaubwürdigkeit fehlt, wenn Führung in kritischen Stunden abwesend wirkt.
Was Wegners Satz auslöste? Die da oben leben nach anderen Regeln
Warum ist die kommunikative Wirkung so verheerend? Weil Menschen Führung nicht anhand von Abläufen beurteilen, sondern anhand von Eindrücken. Wegners Sätze wie „ich war erreichbar“ mögen korrekt klingen, aber sie wirken kalt.
Sie sprechen die Sprache der Verwaltung, nicht die der Betroffenen. In Krisen reicht das nicht. Wer jetzt falsch kommuniziert, verstärkt ein altes Gefühl: Die da oben leben nach anderen Regeln.
So wird aus einem einzelnen Moment ein Symbol – und aus einem Symbol langfristiger Vertrauensverlust.
Krisen verlangen nach Bereitschaft, sich dem Unangenehmen auszusetzen
Was sagt Wegners Verhalten über politische Prioritäten? Es zeigt eine gefährliche Schieflage zwischen Außenwirkung und innerer Substanz. Viel Energie fließt in Bilder, Auftritte und Inszenierung. Deutlich weniger in die Frage, wie Handlungen bei den Menschen ankommen.
Dabei ist genau das entscheidend: Krisen lassen sich nicht schönreden, nicht wegmoderieren und nicht wegstylen. Sie verlangen ein feines Gespür für Wirkung – und die Bereitschaft, sich dem Unangenehmen auszusetzen.
Wer kein Gespür für Krisenmanagement hat, sollte sich besser beraten lassen
Was wäre die einzig sinnvolle Lehre aus diesem Vorgang? Sich professionelle Unterstützung zu holen. Krisenmanagement und Krisenkommunikation sind eigene Disziplinen. Wer dafür kein sicheres Gespür hat, sollte das nicht überspielen, sondern ausgleichen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.
Das ist wichtiger als jedes perfekt ausgeleuchtete Foto und jede optimierte Außendarstellung.
Christoph Maria Michalski, bekannt als „Der Konfliktnavigator“, ist ein angesehener Streit- und Führungsexperte. Mit klarem Blick auf Lösungen, ordnet er gesellschaftliche, politische und persönliche Konflikte verständlich ein. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.