- Im Video oben: Berliner Blackout: Fataler Behördenbericht warnte noch vor Chaos – jetzt ist es da
Leise rieselt der Schnee um Otto-Suhr-Institut, Zentral-Bibliothek und Henry-Ford-Bau der Freien Universität (FU) Berlin. An den Fassaden der edlen Einfamilienhäuser dieser Gegend blinken verführerisch Lichter aufgehängter Weihnachtskränze, Fenster Dahlemer Villen gewähren Einblick in mollig warme Stuben.
Der kleine Container am Teltow-Kanal, in dem Unbekannte am frühen Samstagmorgen Starkstromkabel kurzschlossen und in Brand gesetzt haben, ist nur drei Kilometer Luftlinie vom vornehmsten Teil Berlins entfernt. Dazwischen frieren am vierten Tag in Folge noch immer Zehntausende Einwohner in rund 25.000 Haushalten, weil nach dem Blackout, der dem Anschlag folgte, Strom und Heizungsanlagen nicht gehen..
Linke Studenten stehen Attentätern kritisch gegenüber
Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen "Terrorverdachts" gegen die ominöse "Vulkangruppe". Die als linksradikal eingestufte Truppe, die schon länger immer wieder mal mit vereinzelten ähnlichen Sabotageakten von sich reden macht, hat auch für den jüngsten Anschlag, der weite Teile der Bezirke Zehlendorf, Lichterfelde, Wannsee und Nikolassee vorübergehend bei frostigem Winterwetter in eine kleine Eiszeit zurückkatapultierte, die Verantwortung übernommen.
Doch wer glaubt, dass linke Studenten, die an der FU stark vertreten sind, unisono in den Kanon der "Vulkangruppe" miteinstimmen würden, für Dinge wie Kampf gegen Kapitalismus und für Klimaschutz lebenswichtige Infrastruktur zu zerstören, wird am Dienstagmittag eines Besseren belehrt.
FU-Student Paul: "Es geht darum, Gesellschaft zu verunsichern"
Dass der Brandanschlag eine "gemeinwohlorientierte Aktion" sei, wie die angeblichen Urheber im Bekennerschreiben erklärten, wollen die Politikstudenten Paul und Simon nicht glauben. "Ich weiß, man muss sehr vorsichtig sein, solche Dinge zu behaupten, und Beweise habe ich nicht. Aber zumindest wirkt es auf mich so, dass es hier nicht in erster Linie um Kritik an fossilen Energiequellen geht, sondern darum, die Gesellschaft zu verunsichern", sagt Paul, der sich selbst politisch als "eher links" verortet.
Paul, Anfang 20, findet, dass die Art des Anschlags in Bezug auf die Verunsicherung, die er ausgelöst habe, in "auffallender Weise viel besser" zu anderen Aktionen passt. Was er meint: Drohnen-Spähflüge über dem Münchener Flughafen, verstopfte Auto-Auspuffen als Protest gegen den einstigen grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck oder die Bettwanzen-Panik in Frankreich. Dahinter wiederum steckten nach offiziellen Erkenntnissen nicht irgendwelche Radikale aus Deutschland, sondern ein anderer Staat, dem großes Interesse nachgesagt wird, hierzulande Unsicherheit zu streuen: Russland.
Wenn dies weiter dazu führe, dass immer mehr Menschen der AfD Glauben schenkten, die Russland ständig verharmlose, dann, ist sich Paul "sicher, dass wir so unsere Sicherheit, Freiheit und Demokratie aufs Spiel setzen". Simon stimmt ihm nickend zu.
Jura-Student Leonhard: "Anschlag war Schuss in Ofen für Linke"
Klare Worte findet auch Leonhard Schulte zu Sodingen. "Dieser Anschlag war ein Schuss in den Ofen für linke Politik. Das schadet ihr auf jeden Fall", sagt der Jura-Student, der gerade vor dem Bibliotheksgebäude mit einem Freund unterwegs ist.
Die Erklärung der Urheber, man habe mit dem Anschlag keine Stromausfälle verursachen, sondern gegen fossile Energiewirtschaft protestieren wollen, hält der 20-Jährige für fadenscheinig.
Was könne man denn erwarten, wenn man Stromkabel anzünde, mit denen ein Gaskraftwerk die Stadt mit Energie versorge? "Wer von Dingen wie Elektrizität nichts versteht, sollte generell die Finger davonlassen", meint der angehende Rechtswissenschaftler, der seine politische Orientierung als "mitte-links" bezeichnet. Ein solches Verhalten "schadet der Gesellschaft extrem".
Junger Marxist wünscht sich "tiefergehende Ermittlungen" zu Anschlag
Sein Freund möchte lieber nicht namentlich erwähnt werden, sagt aber, er könne gern als "Marxist" bezeichnet werden. "Mir ist das alles ein bisschen zu schnell mit der Einschätzung eines 'authentischen' Bekennerschreibens gegangen. Bislang wissen die Ermittler doch so gut wie überhaupt nichts über diejenigen, die hinter diesen Anschlägen stecken", sagt der 20-Jährige.
Er hält nichts von der These, dass es sich um irgendwelche Linksradikale bei den Urhebern handele, die nicht gewusst hätten, was sie tun. "Es hat ja schon andere Anschläge davor gegeben. Wie bei dem jetzigen war auch schon vorher klar, dass die Verantwortlichen offenbar ganz wussten, was sie wo wann warum getan haben. Für mich deutet das auf Profis hin."
Was er sich wünsche, seien "viel tiefergehende Ermittlungen von den Behörden", um solche Anschläge künftig verhindern und die Urheberschaft klar benennen zu können."
Techniker zum Anschlag: "Täter wussten ganz genau, was sie taten"
Unterdessen gehen die Reparaturarbeiten an dem oberirdischen Starkstromkabel der Kabelbrücke auf der nordwestlichen Seite des Teltowkanals direkt gegenüber dem Gaskraftwerk Lichterfelde fieberhaft weiter.
Ein Dutzend Mitarbeiter vom "Stromnetz Berlin" war auch am Dienstagnachmittag damit beschäftigt, die Schäden des Anschlags, der zu dem großflächigen Stromausfall geführt hatte, weiter zu beheben. Offizielle Informationen von Ort zum Stand der Arbeiten gab es nicht. "Es dauert noch ein bisschen, weil wir mit aller Sorgfalt vorgehen und wollen, dass die Reparaturen auch solide ausgeführt werden", erklärte ein Mitarbeiter jedoch zwei Passanten, die sich vor Ort nach dem Stand der Dinge erkundigten.
Dass bei dem Anschlag auf das Stromnetz Kriminelle am Werk waren, die nicht wirklich gewusst hätten, was sie da eigentlich tun, glaubt jedenfalls auch von den Mitarbeitern am Teltow-Kanal niemand, meinte der Mitarbeiter. "Die Täter wussten ganz genau, was sie hier taten."