Wer an diesem Montagmittag durch das vornehme Zehlendorf schlendert, merkt sofort, dass irgendetwas hier anders ist als sonst. Wie überall in Berlin liegt Schnee in der Stadt. Aber immer wieder sind Menschen zu sehen, die Trolleys zu ihren Autos ziehen. Oder große Rucksäcke auf dem Rücken tragen. Oder neben auffallend großen Einkaufstüten auch noch Gasflaschen zu ihren Wohnungen schleppen.
Wo immer sich Personen begegnen, bleiben sie stehen, zeigen zu einem der umliegenden Häuserblöcke und fangen an zu reden. Immer wieder fallen gestresste Gesichter mit stark geröteten Nasen und manchmal verweinten Augen auf. Und dann läuft plötzlich ein Polizist an zwei Anwohnern vorbei, verlangsamt seinen Schritt und sagt mit gedämpfter, mitfühlender Stimme: "Halten Sie durch, halten Sie durch!"
Temperaturen in Berlin sinken weiter, Stimmung wird angespannter
So wie hier in der Sundgauer Straße ist es derzeit an vielen Orten in Berlins Südwesten. Nach einem Brandanschlag auf einen Stromverteiler am frühen Samstagmorgen am Teltowkanal, zu dem sich eine linksextremistische Gruppe bekannt hat, sind in Zehlendorf, Wannsee und Nikolassee sowie Teilen Lichterfeldes zeitweise 45.000 Haushalte ohne Strom und Heizung. Die Temperaturen in den Wohnungen sinken und sinken, die Stimmung wird angespannter von Tag zu Tag.
Einer von den Betroffenen heißt Max von Hammerstein. Der 40-Jährige merkte am Samstagmorgen schon früh, dass irgendetwas nicht stimmt. "Ich bin um 6.30 Uhr aufgewacht und habe sofort gesehen, dass es draußen dunkler war als sonst. Als ich zum Fenster gegangen bin und rausblickte, sah ich, dass es überall komplett dunkel auf den Straßen und in den Wohnungen war. Auf dem Parkplatz haben einige Leute mit Taschenlampen hantiert. Da war mir klar, dass es sich um einen Stromausfall handeln musste."
"In einigen Wohnungen ist die Temperatur bereits einstellig"
Der 40-Jährige lebt allein in einer Wohnung im fünften, obersten Stockwerk eines Reihenhauses und versuchte, schnell zu eruieren, was Sache war. "Ich ahnte zwar, dass nicht die ganze Stadt betroffen sein konnte, da man am Horizont die Lichtglocke von benachbarten Bezirken sehen konnte. Aber Informationen einzuholen, war zunächst gar nicht so einfach."
Sein Handy funktionierte zunächst nicht. Und auch später, als es wieder ging, habe er Warnmeldungen über Apps wie 'Nina' vermisst. "Ich habe dann erfahren, dass auch viele Freunde betroffen sind. Bei einigen von ihnen ist die Temperatur in der Wohnungen inzwischen einstellig geworden. Das ist natürlich ziemlich hart."
"Als ich meinen Atem gesehen habe, dachte ich: Jetzt wird's kritisch"
Zunächst ist Max von Hammerstein relativ gut mit der Situation zurechtgekommen. "Ich habe einen Gasherd, kann also wenigstens kochen und warme Getränke zubereiten. Und je kälter es dann in der Wohnung wurde, desto mehr Kleiderschichten habe ich nach dem Zwiebelprinzip angezogen", berichtet von Hammerstein.
Bis Samstagabend sei die Wohnungstemperatur auf 16 Grad gesunken. "Meine Schwester ist zu mir gekommen, wir haben Suppen gekocht, Spiele gespielt und so die Zeit rumbekommen." Geholfen hätten zudem Kerzen, die Licht spenden und die Temperatur ebenfalls etwas nach oben treiben.
Doch am Sonntag sei dann für ihn Schluss gewesen: "Als ich gestern meinen eigenen Atem in der Wohnung gesehen habe, habe ich gedacht: Das ist spooky, jetzt wird es kritisch. Das Thermometer war unter die 15-Grad-Marke gefallen, da habe ich die Reißleine gezogen und beschlossen, vorübergehend mit meiner Schwester zu meinem Vater zu ziehen. Ich bin eigentlich nur hier, um zu kontrollieren, ob alles in der Wohnung ok ist."
Nicht der erste Anschlag: "Da macht sich Endzeitstimmung breit"
Zwei Dinge bereitem dem 40-Jährigen, der im Bereich Marketing arbeitet, jedoch weiterhin große Sorgen. Das eine betrifft die Reparatur des Stromnetzes. "Es heißt, bis Donnerstag soll alles repariert sein und der Strom wieder fließen. Aber was ist, wenn sie das nicht schaffen?"
Leute wie er, die noch jung sind, könnten mit 14, 15 Grad zwar ein paar Tage irgendwie zurechtkommen. Aber wie sieht das aus, wenn die Wohnungstemperatur einstellig wird? "Da macht sich schon ein bisschen Endzeitstimmung breit. Bei uns im Haus werden bereits Witze darüber gemacht. 'Da müssen wir wohl bald Feuertonnen auf den Straßen aufstellen, wenn wir hier überleben wollen', ist einer dieser Sätze, den man hört."
Die andere Sache betrifft die Urheberschaft des Anschlags. "Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass es solche Anschläge hier in Berlin und Umgebung gibt. Da fragt man sich immer öfter, wer eigentlich hinter diesen Zerstörungen steckt und was genau damit bezweckt werden soll."
Für ihn steht mit dem Anschlag der linksextremistischen "Vulkangruppe" jedenfalls fest, dass hier "klar eine Grenze überschritten wurde", was die Ausmaße der Folgen angeht. "Was ist, wenn als Folge möglicherweise ältere Menschen sterben, die vielleicht nicht so gut mit der Nachbarschaft hier vernetzt sind, um von der Feuerwehr Generatoren aufbauen zu lassen wie ein paar Meter weiter die Straße hinunter?" Max von Hammerstein hofft, dass die Drahtzieher erwischt werden "und eine angemessene Strafe bekommen".
Keine öffentlichen Infos über Blackout, aber über sensible Stromkabel?
Am Ende kommt der 40-Jährige noch einmal auf die "schlechte Informationspolitik der Senatsverwaltung" zu sprechen. "Polizei und Feuerwehr geben sich wirklich Mühe, um den Menschen zu helfen." Sie wiesen Bedürftige, die nicht bei Freunden oder Familienmitgliedern unterkommen können, darauf hin, wo Notunterkünfte errichtet wurden.
Aber er könne es einfach nicht glauben, warum es so schwer sein soll, online aktuelle Informationen bereitzustellen, welche Straßen denn nun genau vom Blackout betroffen sind und welche nicht – und wie es mit den Reparaturen vorangehe. "Das ist umso absurder, wenn man bedenkt, dass die neuralgischen Informationen über die Schwachstelle des Stromnetzes, die die Extremisten ausgenutzt haben, öffentlich frei verfügbar waren."