Experte analysiert Bekennerschreiben: „Als wäre es für Gleichgesinnte geschrieben”

Nach den Stromausfällen im Berliner Südwesten tauchte ein außergewöhnlich umfangreiches Bekennerschreiben auf. Veröffentlicht wurde es auf der Plattform Indymedia; nach Angaben der Verfasser war der Text zuvor an mehrere große Medienhäuser versandt worden. 

In dem Schreiben wird die Sabotage des Gaskraftwerks Berlin-Lichterfelde für sich reklamiert. Die Autoren schildern detailliert Vorgehen, Motivation und politische Zielsetzung der Tat.

Doch wie belastbar ist dieses Bekenntnis wirklich? Handelt es sich um die tatsächlichen Täter, oder um eine Inszenierung, Trittbrettfahrerei oder gezielte Irreführung?

Im Internet wird viel spekuliert: Wer steckt wirklich hinter dem Text?

Seit der Veröffentlichung überschlagen sich Spekulationen. In sozialen Netzwerken, Foren und Kommentarspalten reicht das Spektrum von einem möglichen False-Flag-Szenario über rechtsextreme Provokation bis hin zu externer Einflussnahme durch lose gesteuerte Akteure oder sogenannte Wegwerfagenten. Belege gibt es dafür bislang nicht.

Auffällig ist jedoch: Die Debatte kreist weniger um technische Details der Tat, sondern zunehmend um den Text selbst. Genau hier setzt forensische Textanalyse an.

Was kann forensische Linguistik klären - und was nicht?

Für forensische Linguisten ist der Text selbst der Tatort. Er wird untersucht auf Plausibilität und Passung: Wirkt die Sprache stimmig, konsistent und milieutypisch, oder zeigen sich Hinweise auf Täuschung? 

Die Analyse möglicher Verstellungsmerkmale gehört dabei zum Standardrepertoire der forensischen Textarbeit.

„Genau dort folgen wir unbewussten Gewohnheiten“

„Sprache folgt weitgehend unbewusst ablaufenden Gewohnheiten“, sagt der Sprachprofiler Patrick Rottler. 

„Wir machen uns vielleicht Gedanken darüber, was wir ausdrücken wollen, manchmal auch über einzelne Begriffe. Aber fast nie über die grammatikalischen und psychologischen Konstruktionen dahinter. Genau dort folgen wir unbewussten Gewohnheiten.“

„Bei längeren Schreiben fallen Täter häufig aus dem zuvor gewählten Muster heraus”

Versuche, einen fremden Stil nachzuahmen, lassen sich deshalb oft erkennen. „Verstellungsmerkmale sind meist weder wirklich systematisch stimmig noch über den gesamten Text hinweg konsistent. Gerade bei längeren Schreiben fallen Täter häufig aus dem zuvor gewählten Muster heraus, besonders gegen Ende, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt.“

Patrick Rottler hat das aktuelle Bekennerschreiben der Vulkangruppe unter die Lupe genommen und kommt zu folgendem Befund:

Der Text liest sich, als wäre er für Gleichgesinnte geschrieben

Der Text folgt konsequent einem links-militanten Diskurs. Begriffe wie „imperiale Lebensweise“, „Herrschende“, „internationale Solidarität“ oder die Rahmung von Sabotage als „Notwehr“ gehören zu einem fest etablierten ideologischen Vokabular.

Auffällig ist die Selbstverständlichkeit dieser Sprache. Obwohl Medien adressiert werden, bleibt der Duktus milieuintern. „Bei Imitationen sehen wir häufig Übererklärungen oder Vereinfachungen“, so erklärt es Rottler. Hier passiert das nicht. Der Text liest sich, als wäre er für Gleichgesinnte geschrieben.

Gewalt wird sprachlich entkriminalisiert

Zentral ist die sprachliche Entkriminalisierung der Tat: Gewalt gegen Infrastruktur wird moralisch aufgewertet und politisch legitimiert. Diese Argumentationslogik ist aus dem links-militanten Spektrum seit Jahrzehnten bekannt.

„Solche Texte versuchen nicht, Zweifel zu säen, sondern Gewissheit zu erzeugen, vor allem nach innen“, sagt Rottler. „Das ist typisch für Milieus, die ihre Handlungen vor sich selbst und dem Rest der Welt rechtfertigen.“

Warum eine False-Flag-These sprachlich wenig überzeugt

Gegen eine einfache False-Flag-Inszenierung spricht die Diskurssicherheit. Der Text grenzt sich nicht nur von „den Reichen“ ab, sondern explizit auch von Parteien, selbst von „den Grünen oder den Linken“. Diese Binnenkritik ist typisch für außerparlamentarische Milieus und für Außenstehende schwer zu treffen.

„False-Flag-Texte verraten sich oft durch Karikatur oder falsche Begriffsnutzung“, so Rottler. „Hier sehen wir das Gegenteil: stabile Terminologie, konsistenten Ton, keine Brüche.“

Empathie als Echtheitsindikator?

Bemerkenswert sind Entschuldigungen und Bedauern gegenüber unbeteiligten Betroffenen sowie Solidaritätsaufrufe. Für eine kalkulierte Irreführung wären diese Passagen nicht notwendig. Sie wären sogar kontraproduktiv, da sie das Ziel, einen Sündenbock zu inszenieren, abschwächen würden.

„Wer täuschen will, schärft Fronten“, sagt Rottler. „Wer sich rechtfertigt, spricht meist aus dem eigenen moralischen Koordinatensystem heraus.“

Gesamtbewertung: Plausibles Gesamtbild statt gezielter Inszenierung

In der Gesamtschau ergibt sich ein in sich schlüssiges Bild. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: die verwendete Sprache, das Selbstbild der Autoren und der konkrete Handlungskontext. 

Dazu gehören der klare lokale Bezug auf Berlin, Verweise auf Landespolitik, die Parallelen zu Störaktionen in der Vergangenheit, sowie vergleichbare Bekennerschreiben.

Zusammengenommen spricht all das eher dafür, dass das Schreiben aus einem bekannten, gewachsenen Milieu heraus entstanden ist, und weniger für eine von außen gesteuerte oder künstlich konstruierte Inszenierung. 

Ob das Bekennerschreiben den tatsächlichen Tätern eindeutig zugeordnet werden kann, bleibt Aufgabe der Ermittlungsbehörden. Die Sprache liefert jedoch bereits jetzt einen wichtigen Hinweis: Sie passt zu dem Umfeld, dem sie sich selbst zuschreibt.

Leo Martin, Ex-Geheimagent, Kriminalist und SPIEGEL-Bestsellerautor, gibt exklusive Einblicke in die Welt der Nachrichtendienste und schreibt über Vertrauen, Menschenführung und Kommunikation in Extremsituationen. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.