Donald Trump droht, Grönland zu annektieren. Die Folgen wären verheerend: das Ende der NATO, Wirtschaftskrise und totale Isolation. Ein Gedankenspiel, das hoffentlich nie Realität wird.
Washington – Donald Trump spielt mit dem Feuer. Der US-Präsident schließt einen Militäreinsatz gegen Grönland weiterhin nicht aus. Sprecherin Karoline Leavitt stellte klar: Das amerikanische Militär stehe dem Staatsoberhaupt „selbstverständlich” zur Verfügung. Was zunächst wie politisches Säbelrasseln wirkt, könnte die gesamte westliche Sicherheitsordnung zum Einsturz bringen.
Denn Grönland gehört zu Dänemark. Kopenhagen ist NATO-Mitglied. Jeder Angriff auf die Arktis-Insel wäre damit automatisch ein Angriff auf das Bündnis selbst. Die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute Sicherheitsarchitektur würde zerbrechen. Die Konsequenzen reichten jedoch weit über das Militärische hinaus. Wir zeigen auf, wie dramatisch sich die Lage im schlimmsten Fall entwickeln könnte.
Dänemark-Insel Grönland: NATO-Gebiet, aber kein Teil der EU
Die größte Insel der Welt genießt weitreichende Autonomie, bleibt aber Teil des dänischen Königreichs. Bis 1953 war Grönland eine Kolonie und bis heute entscheidet Kopenhagen über Außen- und Verteidigungspolitik. Auch Washington hat in mehreren Abkommen anerkannt, dass die Insel zu Dänemark gehört.
Durch die Zugehörigkeit zum Königreich ist Grönland automatisch NATO-Territorium. Der Europäischen Union gehört die Insel hingegen nicht an. 1982 stimmten die Grönländer für den Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der heutigen EU.
Ein Verteidigungsabkommen zwischen Washington und Kopenhagen aus dem Jahr 1951, zuletzt 2004 erneuert, regelt die Sicherheit der Insel. Doch dieses Dokument ist kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern lediglich ein sogenanntes Executive Agreement. Trump könnte es mit einem Federstrich aufkündigen – ohne Zustimmung des Senats.
Donald Trump hätte 60 Tage Zeit für die Annexion
Sollte Donald Trump tatsächlich Truppen entsenden, müsste er den Kongress binnen 48 Stunden informieren. So schreibt es der War Powers Act von 1973 vor. Ohne formelle Kriegserklärung oder Autorisierung durch die Abgeordneten dürften amerikanische Soldaten maximal 60 Tage im Einsatz bleiben, zuzüglich 30 Tage für den Abzug.
Beide Varianten – eine offizielle Kriegserklärung oder eine Ermächtigung zum Militärschlag – erscheinen derzeit unwahrscheinlich. Doch 60 Tage könnten genügen, um die dünn besiedelte Insel unter Kontrolle zu bringen. Zudem hat die Vergangenheit gezeigt: Der War Powers Act wurde mehrfach ignoriert. US-Präsidenten, die militärisch vorgehen wollten, hielt das Gesetz selten auf.
Artikel 5: Das unlösbare Paradoxon
Völkerrechtlich wäre ein Angriff auf Grönland eindeutig rechtswidrig. Es wäre ein Überfall auf dänisches Staatsgebiet, auf NATO-Territorium. Artikel 5 des Nordatlantikvertrags legt fest: Ein bewaffneter Angriff gegen ein Mitglied gilt als Angriff gegen alle. Die Verbündeten wären zum Beistand verpflichtet.
Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird
Doch was geschieht, wenn der Aggressor selbst zum Bündnis gehört? Darauf gibt es keine Antwort. Ein Angriff eines NATO-Staates auf einen anderen NATO-Staat wäre in jedem Fall historisch beispiellos, erklärte der Völkerrechtler Markus Beham dem Münchner Merkur. „Dazu enthält der NATO-Vertrag keine explizite Bestimmung.“
[…] sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen […] Beistand leistet, […] um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten.
Die Allianz wurde gegründet, um Europa vor der Sowjetunion zu schützen – nicht vor den Vereinigten Staaten. Ein unauflösbares Paradoxon: Alle NATO-Staaten müssten dem Opfer gegen den Angreifer beistehen – und damit selbst ein Bündnismitglied attackieren.
Zersplitterung statt Einheit – Moskau und Peking als Profiteure
Ein amerikanischer Angriff würde die NATO unweigerlich zum Kollabieren bringen. Die bekannte Weltordnung wäre Geschichte. Statt eines geschlossenen westlichen Blocks gäbe es plötzlich die USA auf der einen Seite, die EU auf der anderen – und dazwischen Länder wie Großbritannien oder die Türkei, die zwar NATO-Mitglieder sind (beziehungsweise dann waren), aber nicht zur Europäischen Union gehören.
Russland und China könnten ihr Glück kaum fassen. „Der Umgang Trumps mit Grönland könnte zum Beispiel Putin ermutigen, seine aggressive Territorialpolitik noch weiter zu eskalieren“, warnt der Politologe und Nordeuropa-Kenner Tobias Etzold, der seit Jahren zu internationaler Verteidigungspolitik forscht.
Ohne NATO gäbe es auch keine amerikanischen Stützpunkte in Europa mehr. Ramstein in Deutschland, Aviano in Italien, Lakenheath in Großbritannien – mehr als 120 Basen müssten schließen. Die Fähigkeit Washingtons, Macht im Nahen Osten oder Afrika zu projizieren, verschwände über Nacht. Israel verlöre seine Schutzmacht. Das Gleichgewicht in der arabischen Welt geriete gefährlich ins Wanken.
Der Wirtschaftskrieg: Die ökonomische Atombombe
Dann käme der finanzielle Gegenschlag. Die Europäische Union ist der größte Binnenmarkt der Welt. Brüssel würde ihn als Waffe einsetzen. Europa könnte US-Staatsanleihen abstoßen und Dollar-Reserven auf den Markt werfen. Der Wert der amerikanischen Währung würde abstürzen.
Amerikanische Konzerne stünden vor dem Aus: Apple, Google, Microsoft, McDonald‘s, Tesla – sie alle haben die Nähe zur Trump-Regierung gesucht. Im Worst-Case-Szenario würden ihre Vermögen beschlagnahmt, ihre Geschäfte verboten.
Washington würde selbstverständlich mit gleicher Münze zurückzahlen. Europäische Firmen flögen aus dem US-Markt. Von deutschen Autobauern bis zu spezialisierten mittelständischen Unternehmen – sie alle verlören den oftmals überlebenswichtigen Absatzmarkt USA.
Es wäre der Beginn der vermutlich schwersten Weltwirtschaftskrise aller Zeiten.
Transatlantischer Luftraum: Wenn plötzlich keine Flieger mehr starten
Der Himmel über dem Atlantik würde verstummen. Passagiermaschinen zwischen Europa und den USA blieben am Boden – zwei Kontinente im Kriegszustand verbände kein Linienflug. Doch damit nicht genug: Ein beispielloser Boykott der Luftfahrtindustrie setzte ein. Europäische Airlines strichen Boeing-Jets aus ihren Flotten, amerikanische Carrier verbannten jeden Airbus. Ersatzteile, Triebwerke, Wartungskomponenten – über Nacht wären sie unerreichbar. Russland durchlebt dieses Szenario bereits seit dem Angriff auf die Ukraine.
Die Folgen träfen jeden Einzelnen. Touristen und Geschäftsreisende säßen in Paris oder New York fest – ohne Aussicht auf Heimkehr. Schlimmer noch: Die globalen Lieferketten kollabierten. Smartphones aus Asien, Medikamente aus Indien, Rindfleisch aus Argentinien – der transatlantische Warenverkehr käme als Kollateralschaden des Konflikts zum Erliegen. Ein Dominoeffekt, der die ohnehin drohende Wirtschaftskrise zur Katastrophe eskalieren ließe.
Vom Sportplatz bis zur Bühne: Totale kulturelle Eiszeit
Die Isolation griffe weit über Politik und Wirtschaft hinaus. Das Internationale Olympische Komitee und der Weltfußballverband FIFA stünden vor einer historischen Entscheidung – und träfen sie vermutlich wie im Fall Russlands: Ausschluss des Aggressors von allen Wettbewerben. Keine US-Athleten bei Olympia, keine amerikanische Nationalmannschaft bei der WM – und natürlich auch keine WM 2026 in den USA.
Der Kulturbetrieb würde ebenfalls erstarren. Taylor Swift gäbe keine Konzerte mehr in London, die Berliner Philharmoniker spielten nicht mehr in der Carnegie Hall. Hollywood-Studios verlören ihre europäischen Co-Produzenten, gemeinsame Filmproduktionen endeten abrupt. Oscar-Verleihungen ohne europäische Nominierte, Filmfestspiele ohne amerikanische Beiträge – eine kulturelle Mauer durchzöge den Atlantik.
Für Millionen US-Bürger würde es persönlich. Die visafreie Einreise nach Europa endete mit sofortiger Wirkung. Amerikaner, die in Berlin, Madrid oder Amsterdam lebten und arbeiteten, verlören ihren Aufenthaltsstatus. Aus geschätzten Nachbarn würden unerwünschte Ausländer – Abschiebung oder gar Internierung drohten. Angesichts der aktuellen Härte der US-Einwanderungsbehörde ICE dürfte Washington mit Europäern nicht zimperlicher umspringen.
Zerstörtes Vertrauen lässt sich nicht per Dekret wiederherstellen
Am schwersten wöge der psychologische Schaden. Vertrauen, über Jahrzehnte aufgebaut, zerbräche in Stunden – und ließe sich nicht kitten. Kein Präsident könnte nach der nächsten Wahl erklären: „Das war alles ein Missverständnis.“ Ein Überfall auf einen demokratischen Verbündeten hinterließe Narben, die Generationen überdauerten.
Europa würde die Vereinigten Staaten fortan nicht mehr als Partner betrachten, sondern als unberechenbare Bedrohung. Der alte Kontinent würde eigene Verteidigungsstrukturen aufbauen, alternative Finanzsysteme schaffen und neue Allianzen schmieden – bewusst ohne Washington. Trumps Vermächtnis wäre kein mächtiges Amerika, sondern ein isoliertes. Und womöglich der wirtschaftliche Niedergang zweier Kontinente, die einst die engsten Verbündeten der Welt gewesen waren. Dass all das wirklich so weit kommt, ist natürlich unwahrscheinlich – und Trump dürfte sich ganz genau überlegen, ob er das Risiko eingeht.