In Italien gilt bereits eine Helmpflicht auf Skipisten. Auch auf den Pisten und Rodelstrecken in Bayern passieren immer wieder teils schwere Unfälle. Wäre auch hier eine Helmpflicht sinnvoll?
Bad Tölz-Wolfratshausen – In Italien besteht seit November eine Helmpflicht für alle Skifahrer, Snowboarder und Schlittenfahrer. Verstöße werden mit Geldstrafen von bis zu 150 Euro sowie dem Entzug des Skipasses geahndet. Auch auf den Skipisten und Rodelstrecken im Tölzer Land sind in dieser Wintersportsaison bereits viele – teils schwere – Unfälle passiert. Wie berichtet, hatte allein die Bergwacht in den Weihnachtsferien rund 80 Einsätze auf den Pisten im Brauneckgebiet. Zuletzt kam es auch am Blomberg beim Rodeln zu einigen Unfällen mit zum Teil Schwerverletzten. Wäre also eine Helmpflicht auch auf bayerischen Pisten sinnvoll?
Helm schützt vor Kopfverletzungen
Der Tölzer Kinderarzt Dr. Tobias Reploh ist auch Bergwacht-Notarzt. Er sagt: „Es steht außer Frage, wie wichtig und sinnvoll ein Helm beim Skifahren ist. Wir hatten auch zuletzt einige Patienten, bei deren Unfällen ein Helm Schlimmeres verhindert hat.“ Dennoch steht er einer Helmpflicht verhalten gegenüber. „Ein hoher Prozentsatz trägt ohnehin beim Skifahren und Snowboarden einen Schutzhelm.“ Seiner Einschätzung nach würden über 90 Prozent der Skifahrer am Brauneck zum Helm greifen. Diese hätten sich so etabliert, „dass schwere Kopfverletzungen nach Stürzen deutlich reduziert sind“.
Ich gehe nicht davon aus, dass man die wenigen Ausnahmen, die immer noch ohne Helm fahren, damit erreicht.
Die Bergwacht Bayern – deren stellvertretende Landesleitung Reploh innehat – spreche sich daher nicht für eine Helmpflicht aus. „Ich gehe nicht davon aus, dass man die wenigen Ausnahmen, die immer noch ohne Helm fahren, damit erreicht.“ Überdies gibt er zu bedenken: „Sobald die Regelung greift, muss es auch jemanden geben, der das kontrolliert.“ Wichtiger sei es der Bergwacht, an ein adäquates Verhalten auf den Pisten zu appellieren. „Skifahren ist und bleibt eine Risikosportart, aber durch aktive Sicherheit, sprich angepasstes Fahren, können viele Unfälle verhindert werden.“
Nicht nur Alpin-Skifahrer setzten sich beim Sport einer Unfallgefahr aus. Auch beim Rodeln kommt es immer wieder zu Verletzungen. Die Bergwacht Bad Tölz war, wie berichtet, zuletzt bei einigen Rodelunfällen am Blomberg im Einsatz. Bereitschaftsleiter Horst Stahl sagt: „Ich persönlich trage sowohl beim Skifahren als auch Schlittenfahren einen Helm und würde das jedem empfehlen.“ Für eine Helmpflicht spricht er sich dennoch nicht aus. „Beim Alpin-Skifahren würde ich da noch mitgehen, aber beispielsweise beim Tourengehen stellt sich schon die Frage, wo fängt die Pflicht an und wo hört sie auf? Muss man auch beim Hochgehen schon einen Helm tragen?“ Generell sei er kein Fan davon, alles zu reglementieren. „Aber man muss klar sagen, dass beim Rodeln auch was passieren kann und es absolut wichtig wäre, Helm zu tragen.“ Sturzhelme seien beim Schlittenfahren allerdings nicht etabliert. „Ein Großteil leiht sich am Blomberg die Rodel aus. Da sind auch viele Urlauber dabei, die das spontan machen. Dann müsste es fast einen zusätzlichen Helmverleih geben.“ Zu schweren Kopfverletzungen würde es beim Rodeln vor allem dann kommen, wenn sich die Menschen mit dem Kopf nach vorne auf die Schlitten legen.
Verletzungspotenzial beim Rodeln hoch
Passiert auf den Pisten der Region ein Unfall, kommen viele Patienten nach der Erstversorgung durch die Bergwacht in die Tölzer Asklepios-Klinik. Dr. Harald Rieger ist der Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie. Parallel arbeitet er fünf bis sechs Wochenenden pro Jahr in der Klinik in Brixen und ist somit sehr häufig mit Skiverletzungen befasst. „Schon vor der Helmpflicht in Italien haben etwa 95 Prozent der Skifahrer einen Helm getragen“, lautet seine Einschätzung. Man könne auch sagen, dass seither die Anzahl schwerer Kopfverletzungen zurückgegangen ist. „Es steht nicht zur Debatte, dass ein Helm beim Sport schützt.“ Das gelte fürs Skifahren gleichermaßen wie fürs Radfahren oder Reiten. Ein Großteil der Verletzungen auf den Pisten entstehe durch Kollisionen, erklärt Rieger weiter. „Das liegt zum einen daran, dass auf den Pisten sehr viel los ist, und zum anderen an der Geschwindigkeit. Jeder Buckel wird weggemacht, daher bekommen die Leute mit ihren Carving-Skiern schnell ein hohes Tempo.“
Schwere Kopfverletzungen oft beim Schlittenfahren
Ob in Brixen, auf dem Brauneck oder dem Blomberg: Rieger ist ein Fürsprecher einer allgemeingültigen Helmpflicht. Sowohl was Ski- und Snowboarder betrifft, als auch Schlittenfahrer. „Rodeln ist gefährlicher als Skifahren. Die schweren Kopfverletzungen passieren oft beim Schlittenfahren, da es hier überhaupt nicht geläufig ist, einen Helm zu tragen“, sagt er. „Noch dazu wird oft abends beim Rodeln Alkohol getrunken. Das in Kombination mit Fahren ohne Helm hat ein hohes Verletzungspotenzial.“