Die Gipfel weiß, die Orte leer. Ein Skigebiet in den Dolomiten öffnet trotz bester Bedingungen nicht. Dauerkartenbesitzer toben, Geschäftsleute bangen.
Belluno – Perfekte Winterbedingungen im Italien-Urlaub. Schnee glitzert in der Wintersonne, die Temperaturen sind ideal zum Skifahren – doch am Nevegal bei Belluno herrscht gespenstische Ruhe. Während andere Skigebiete in den italienischen Alpen Hochbetrieb haben, stehen die Lifte am traditionsreichen Berg still. Für die Geschäftsleute vor Ort wird der Traum-Winter zum Albtraum.
Lucia Moro steht in ihrem leeren Supermarkt am Piazzale Nevegal und blickt auf verschneite, aber verwaiste Pisten. „Es ist nicht klar, was sie vorhaben, aber wenn es so weitergeht, bin ich gezwungen zu schließen, weil ich mit Touristen arbeite und im Moment nicht einmal die Schulden zurückzahlen kann, die ich für die Eröffnung des Geschäfts gemacht habe“, klagt die 2024 eingestiegene Geschäftsfrau gegenüber der Lokalzeitung Il Dolomiti.
Skigebiet in Italien bleibt trotz Traumwetter zu – Kein Touristen, Ansässige fürchten den Ruin
Fünf Jahre lebt sie bereits am Nevegal, drei Saisons arbeitete sie für die Vorbesitzer – damals liefen die Geschäfte noch gut. Doch seit sie den Laden mit einem Kredit übernahm, herrscht Flaute.
„Die Temperaturen sind ideal, aber die Pisten sind noch geschlossen“, schrieb Moro verzweifelt in der Facebook-Gruppe „Noi amiamo il Nevegal“ (deutsch: Wir lieben Nevegal). Das Dilemma liegt auf der Hand: „Das Problem ist, dass die Leute nicht kommen, wenn die Pisten geschlossen sind, also ist es ein Teufelskreis“, erklärt die Geschäftsfrau.
Viele Skifahrer hätten ihr berichtet, dass Verwandte und Freunde gerne zum Skifahren gekommen wären – wenn sie denn gekonnt hätten. Immerhin: Mitte Januar sperrte das Skigebiet endlich auf, öffnete fast alle Pisten. Bis dahin war der Schaden aber schon angerichtet. Touristen blieben weg, Dauerkartenbesitzer gingen auf die Barrikaden. „Es wäre ja noch in Ordnung“, sagt einer, „wenn die Pisten im November wegen bürokratischer Hürden nicht schneebedeckt wären, aber jetzt, wo die Temperaturen gesunken sind, hätten wir erwartet, den Rückstand aufholen zu können.“ Im Januar erlebte Italien so schneereiche Tage, dass manche Regionen schier von Touristen überrannt wurden.
Betreiber erklärt, warum Skigebiet nicht öffnete: „Gleichgewicht zwischen Besucherzahlen und Betriebskosten“
Die Betreibergesellschaft Dolomiti Ski Line Nevegal versucht über soziale Medien zu erklären, warum trotz perfekter Bedingungen so lange nicht geöffnet wurde. „Die Verwaltung einer modernen Skistation erfordert verantwortliche Entscheidungen, die auf realen Daten basieren, insbesondere auf dem Gleichgewicht zwischen Besucherzahlen und Betriebskosten“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mit der Gemeinde Belluno. Es sei eine „strenge Abstimmung zwischen tatsächlichen Besucherzahlen und Betriebskosten“.
Die Kosten für Personal, Energie, Sicherheit und Wartung seien fix und würden auch bei geringer Besucherzahl nicht sinken, argumentiert das Unternehmen laut Il Gazzettino. Der Fall beschäftigt inzwischen auch die Politik. Die örtliche Patrito Democratico (PD) fordert ein dringendes Gespräch mit der Betreibergesellschaft, um Klarheit über das dreijährige Projekt zu schaffen, dem die Gemeinde faktisch zugestimmt hatte.
Das Nevegal galt jahrzehntelang als wichtiger Ausbildungsort für Skifahrer in der Region Venetien. Die aktuellen Probleme bedrohen nicht nur einzelne Geschäfte, sondern die gesamte touristische Infrastruktur der Ortschaften am Berg. (Verwendete Quellen: Il Dolomiti, Il Gazzettino, Facebook) (moe)