Politiker und Feuerwehr fordern ein Tempolimit auf der A 95. Doch das Bundesverkehrsministerium lehnt ab. Die Polizei sieht keine Unfallhäufung.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Mit der Forderung nach einem Tempolimit auf der Autobahn 95 hat Iffeldorfs Bürgermeister Hans Lang (SPD) kürzlich eine bekannte Diskussion neu angestoßen. Unterstützung bekommt der Rathauschef nun aus der Landespolitik: Landtagsabgeordneter Florian Streibl (FW) sympathisiert mit dem Anliegen, „mindestens abschnittsweise Tempolimits einzuführen“. Das geht aus einer Pressemitteilung seines Büros hervor. Hintergrund dessen sei die Zunahme von raserbedingten Unfällen auf dieser Strecke, heißt es darin. „Leider hat sich die A 95 in bestimmten Kreisen als Geheimtipp etabliert“, sagt Streibl, „hier könne grenzenlos gerast werden.“ Das ziehe auch Touristen aus dem Ausland an, die hochmotorisierte Mietwagen etwa am Flughafen mieten „und dann das Gaspedal bis unter die Zugspitze durchdrücken“.
Unbeteiligte werden in Unfälle verwickelt
Die damit einhergehenden Schwierigkeiten beträfen die Menschen vor Ort: Unbeteiligte, die in Unfälle verwickelt würden, Rettungsorganisationen aus den Anliegergemeinden und Verkehrsteilnehmer, die aufgrund von Raserunfällen im Stau stünden. Streibl stelle sich an die Seite der Bürgermeister, heißt es in der Mitteilung. Er habe sich an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder gewandt, der sich für mehr Sicherheit und weniger Raserei stark machen solle.
Auf fruchtbaren Boden fällt diese Forderung unter anderem bei Christoph Lechner, Kommandant der Feuerwehr Münsing – wenn auch aus anderen Gründen. Seine Mannschaft hat direkt mit den Unfällen auf der A 95 zu tun. 30 bis 40 Mal pro Jahr rücken die Ehrenamtlichen zur Autobahn aus, erklärt Lechner. Zieht man fünf bis zehn Fehlalarme durch automatisch ausgelöste E-Calls ab, bleiben zwischen 20 und 35 Verkehrsunfälle. Hohe Geschwindigkeiten sind dafür aus Lechners Sicht nicht immer ausschlaggebend: „Die meisten Einsätze haben wir, wenn es schlagartig regnet.“ Autofahrer gerieten dann von schönem Wetter überraschend in Unwetterfronten – und in der Folge in Aquaplaning-Situationen. „Viele dieser Unfälle würden auch dann passieren, wenn die Fahrer mit 120 oder 130 km/h in die Wetterfront fahren würden“, meint Lechner.
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Für die Einsatzkräfte mache es aber einen großen Unterschied, ob die Autos an der Unfallstelle mit 120 oder mit 180 km/h vorbeirauschen. „Wir sperren ab und daneben fahren die Autos vorbei wie die Irren“, kritisiert der Kommandant. Obwohl es im Einzugsbereich der Münsinger schon länger keine Hochgeschwindigkeitsunfälle mit hochmotorisierten Autos mehr gegeben habe, spricht sich Lechner deshalb für ein Tempolimit aus: „Ich bin prinzipiell für eine Begrenzung.“
Die Einschätzung des Kommandanten bestätigt auf Anfrage die Verkehrspolizei Weilheim. Polizeihauptkommissar Bastian Straif berichtet von gut 100 Unfällen pro Jahr, die sich 2024 und 2025 auf den rund 36 Streckenkilometern der A 95 im Landkreis ereignet haben. Rund ein Drittel davon gehe auf nicht angepasste Geschwindigkeiten zurück. Genau diese Unfälle seien aber fast ausschließlich bei Nässe oder Glätte passiert. Im Umkehrschluss bedeute das, dass Unfälle mit nicht angepasster Geschwindigkeit bei trockener Fahrbahn „keine Rolle spielen“, erklärt Straif.
Kaum Chancen auf ein Tempolimit
Für Unfälle bei Nässe und Glätte gebe es aber bereits eine Vorgabe in der Straßenverkehrsordnung: Die Geschwindigkeit sei insbesondere den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen anzupassen. Fahrer dürften nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird. „Die Verursacher von Verkehrsunfällen mit diesen Ursachen verstoßen bereits jetzt gegen ein Tempolimit und werden von uns deshalb auch mit Ordnungswidrigkeitsanzeigen verfolgt“, betont Straif.
Neben der Gefährdung von Verkehrsteilnehmern und der Belastung für Anwohner und Gemeinden argumentiert der Landtagsabgeordnete Streibl derweil auch mit dem Lärm und dem Verkehrsfluss. Er betont: „Ich bin kein Freund von generellen Tempolimits. Aber auf der A95 ist es erforderlich, Geschwindigkeitsbeschränkungen einzuführen.“
Während ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Autobahnen eine politische Frage sei, sei für örtlich beschränkte Geschwindigkeitsbegrenzungen jedoch die Unfallkommission zuständig, erklärt Hauptkommissar Straif. Dieses Gremium bespricht gemeinsam mit der Autobahn GmbH konkrete Unfallhäufungspunkte. Gegebenenfalls würden für solche Bereiche Tempolimits installiert, sollten sonstige Maßnahmen fehlschlagen. Aber: Auf der A 95 im Landkreis „bestehen keine Unfallhäufungspunkte im Sinne der Richtlinien“, sagt Straif.
Große Chancen kann sich auch der Iffeldorfer Bürgermeister folglich nicht ausrechnen: Vor wenigen Tagen erhielt Lang eine gemeinsame Antwort von Bundesverkehrsministerium und Autobahn GmbH: eine Absage an ein Tempolimit. Es gebe dafür keine rechtliche Grundlage. Raserei und illegale Autorennen würden ein Tempolimit nicht rechtfertigen, schreibt das Referat für Bundesfernstraßen. Diese Autofahrer, heißt es, würden sich erfahrungsgemäß nicht an Verkehrsregeln halten. Wirksame Maßnahmen könnten nur durch polizeiliche Überwachung und Ahndung erfolgen. Lang will trotzdem weiter für ein Tempolimit kämpfen. nap