Die A95 ist die zweitschlimmste Raserautobahn Deutschlands. Bürgermeister fordern ein Tempolimit, doch die Behörde sieht keinen Handlungsbedarf.
Ohlstadt - Freie Fahrt, vor allem mit hohem Tempo, scheint von Bürgern, die sich im Besitz PS-starker Boliden befinden, in Deutschland noch immer als Grundrecht angesehen zu werden. Ihrer Leidenschaft frönen können sie vor allem auf Autobahnen, auf denen es quasi keine Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt. Eine davon ist die A95. Die etwas mehr als 67 Kilometer lange Verbindung zwischen München und Eschenlohe hat einen schlechten Ruf, vor allem unter den Anrainergemeinden, weil sie als Raserstrecke verrufen ist. Bislang war es häufig bei den Bürgern von Großweil oder Ohlstadt nur ein diffuses Gefühl, wenn wieder Motoren donnerten und sie des Nachts aus ihrem Schlaf gerissen wurden. Jetzt haben sie’s allerdings schwarz auf weiß. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat Daten des Navigationsanbieters TomTom für das gesamte Jahr 2024 ausgewertet und eine Autobahn-Raser-Rangliste erstellt: Auf Platz zwei liegt die A95 hinter der A19 auf dem Teilstück zwischen Wittstock/Dosse und Rostock. Dort war jedes zehnte Auto mit mindestens 160 Stundenkilometern unterwegs, auf der A 95 betrug das Tempo 158 km/h.
Mit einer derartig hohen Geschwindigkeit hat Christian Scheuerer gerechnet. Der parteifreie Ohlstädter Bürgermeister kennt die Analyse des „Spiegel“, und sie bestätigt ihn in der Meinung, dass auf der A 95 Geschwindigkeitsbegrenzungen „dringend geboten sind“. Mittlerweile gibt es eine Initiative von Bürgermeistern zwischen Münsing und Eschenlohe unter der Federführung des Iffeldorfer Rathauschefs Hans Lang (SPD), der dieses Thema vor Monaten wieder in den Fokus gerückt hatte, die dieses Ziel verfolgt. Scheuerer zufolge ist demnächst ein Treffen geplant. In diesem Rahmen soll ein Brief erstellt werden, dessen Inhalt die Probleme, darunter der dröhnende Lärm, vor allem bei Regen, und die hohen Belastungen der Blaulichtorganisationen durch häufige Unfälle, schildern und Forderungen nach einem Tempolimit stellen wird. „Unsere Adressaten sind zunächst das bayerische Verkehrsministerium und die zuständigen Stellen, wie etwa die Autobahn GmbH Südbayern“, sagt Scheuerer.
Autobahn GmbH sieht keine Notwendigkeit
Dort dürfte das Schreiben auf wenig fruchtbaren Boden fallen. Die Behörde, die von Michael Kordon, dem früheren Chef des Staatlichen Bauamts Weilheim, geleitet wird, sieht keine Notwendigkeit, tätig zu werden. Auf Tagblatt-Anfrage lässt ein Sprecher wissen, dass nach der Straßenverkehrsordnung Geschwindigkeitsbegrenzungen nur angeordnet werden dürfen, „wenn aufgrund besonderer örtlicher Verhältnisse eine deutlich über dem allgemeinen Risiko liegende Gefahrenlage besteht“. Und die scheint nicht vorzuliegen. Die Unfallkommission der Autobahn GmbH, die sich unter anderem aus Vertretern der Verkehrsbehörde sowie der Polizei zusammensetzt, werte das Unfallgeschehen regelmäßig aus. „Im aktuellen Betrachtungszeitraum ergaben sich auf der A95 keine Unfallhäufungsbereiche“, erklärt der Sprecher. Die Unfälle seien breit verteilt und treten überwiegend bei Tageslicht auf. „Es liegt keine bauliche Sondersituation vor, die eine Maßnahme rechtfertigen würde.“
Man werde die Unfallentwicklung an der A95 weiterhin beobachten. „Derzeit besteht keine rechtliche Grundlage für sogenannte verkehrsbeschränkende Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit, aus Gründen der Verkehrssicherheit.“ Raser oder illegale Autorennen rechtfertigten keine Geschwindigkeitsbegrenzungen. „Erfahrungsgemäß halten sich diese Personen nicht an Verkehrsregeln. Wirksame Maßnahmen können nur durch polizeiliche Überwachung und Ahndung erfolgen.“ Grundsätzlich gelte – Zitat: „Wir – die Autobahn GmbH – dürfen keine Kontrolle der Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung sowie der Mindestabstände vornehmen.“
Eine Argumentationskette, die Scheuerer als „haarsträubend und an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnet. Er sieht sich dadurch aufgefordert, „in dieser Angelegenheit, um im Bild zu bleiben, noch mehr auf Gas zu drücken“. Die Bedürfnisse der Bürger nach mehr Ruhe, sich und die Bürgermeisterkollegen betrachtet er als zu wenig gewürdigt und fordert die Autobahn GmbH auf, das Gespräch mit den betroffenen Gemeinden zu suchen und sich „endlich einmal“ deren Sicht der Dinge anzuhören. „Das ist das Mindeste, was ich erwarte.“