Unglaubliche Rentenlücke: Frauen haben fast 14.000 Euro weniger – was sich ändern muss

Der Gender Pay Gap ist an sich nichts Neues. Aber: Eine neue Auswertung der Soziologin Carla Rowold macht das Ausmaß der Ungleichheit sichtbar: Frauen in Westdeutschland erhalten im Ruhestand im Schnitt 61 Prozent weniger Rente als Männer. Das umfasst gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge. In Euro bedeutet das: 13.500 Euro weniger pro Jahr.

Zum Vergleich: In Ostdeutschland liegt die Lücke bei gerade einmal 17 Prozent – ein Unterschied, der sich durch Jahrzehnte unterschiedlicher Rollenmodelle erklären lässt.

Wie konnte es so weit kommen? Die Ursachen liegen im System

1. Westdeutsche Rollenverteilung wirkt bis heute nach

Während im Osten das Modell der Vollzeit erwerbstätigen Mutter selbstverständlich blieb, orientierte sich der Westen lange am klassischen Einverdienermodell. Das zeigt sich bis heute:

48 Prozent der westdeutschen Frauen arbeiten in Teilzeit, 14 Prozentpunkte mehr als im Osten. Erwerbsunterbrechungen und Minijobs drücken Einkommen und Rentenansprüche dauerhaft.

Die Forschung von Rowold macht klar: „Der Sozialstaat ist auf unbezahlte Sorgearbeit angewiesen – und die leisten überwiegend Frauen.“

2. Mutter-Bestrafung am Arbeitsmarkt

Sobald Frauen Kinder bekommen, geht laut Forschungsstand die Lohnschere massiv auf. Die Ökonomin Alexandra Niessen-Ruenzi von der Uni Mannheit erklärt dazu: „Mütter verdienen weniger als Männer. Mit dem ersten Kind öffnet sich die Lohnschere.“ 

Der Effekt zieht sich durch das gesamte Erwerbsleben und landet am Ende als massive Rentenlücke auf dem Konto.

3. Finanzsozialisation: Jungen reden über Geld, Mädchen eher nicht

Schon in der Kindheit werden Weichen gestellt. In Familien wird häufiger mit Söhnen über Finanzen gesprochen als mit Töchtern. Mädchen haben seltener Vorbilder oder Zutrauen in eigene Geldentscheidungen. Viele Frauen investieren gar nicht: Nur 18 Prozent der Frauen, aber 32 Prozent der Männer legen Geld am Kapitalmarkt an. 

Weniger Vermögensaufbau bedeutet weniger private Vorsorge – ein weiterer Verstärker der Rentenlücke.

4. Finanzwerbung verstärkt Stereotype – mit realen Folgen für die Altersarmut

Ein Studie von Niessen-Ruenzi zeigt deutlich: In 84 Prozent der Finanzwerbung ist der Mann die Hauptfigur. Frauen werden passiv dargestellt und selten mit Expertise. Das senkt das Selbstbild und führt dazu, dass viele Frauen Finanzprodukte meiden. 

Niessen-Ruenzi warnt: „Diese Stereotype halten Frauen davon ab, zu investieren – und erhöhen das Risiko von Altersarmut.“

Die Folgen: Millionen Frauen droht Altersarmut

Finanzberaterin Renate Fritz macht immer wieder auf die damit einhergehenden Probleme aufmerksam: „2,7 Millionen Frauen sind trotz 40 Jahren Arbeit von Altersarmut bedroht.“ 

Nicht nur Geringverdienerinnen sind betroffen – auch Frauen mit soliden Erwerbsbiografien fallen durchs Raster, wenn Erwerbsunterbrechungen, Teilzeit und fehlende Finanzbildung zusammenkommen.

Die Folgen – für alle!

Und warum ist das überhaupt ein Problem, ließe sich zynisch fragen? Zum Einen: Armut macht einsam, und Einsamkeit ist ein großer Risikofaktor für Depressionen und körperliche Erkrankungen, also auch ein Faktor für das Gesundheitssystem. Und das Problem verstärkt sich im Prinzip selbst, denn: Armut verschlechtert den Zugang zu Gesundheitsleistungen, besonders bei älteren Frauen, die überdurchschnittlich oft allein leben.

Viele Frauen arbeiten über das Rentenalter hinaus, weil die Rente nicht reicht. Aber wer pflegt wärhenddessen eigentlich Angehörige, kümmert sich um Enkel und nicht zuletzt: um sich selbst?

Das Geld für ungeplante Ausgaben, Stichwort: kaputte Waschmaschine, fehlt. Viele ältere Frauen verzichten auf notwendige Ausgaben oder verschulden sich.

Wenn Mütter oder Großmütter arm sind, hat das Folgen: weniger finanzielle Unterstützung der Kinder zum Beispiel bei Ausbildung, Wohnung, Enkel;  geringere Vermögensweitergabe und sie verstärkt die soziale Ungleichheit und die Feminisierung der Armut. Dieser Generationeneffekt ist belegt und wird im OECD-Bericht „Pensions at a Glance“ klar beschrieben.

Kurzum: Altersarmut von Frauen ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Risiko, auch für die öffentlichen Haushalte. Denn: Frauen mit sehr niedrigen Renten müssen häufiger Grundsicherung im Alter beziehen.

Das bedeutet: mehr staatliche Ausgaben für Wohnen, Lebensunterhalt, Krankenversicherung, steigende kommunale Sozialkosten, höhere Belastung der Renten-, Pflege- und Gesundheitssysteme. Wenn Millionen Frauen keine ausreichende Altersvorsorge haben, zahlt die Allgemeinheit – dauerhaft.

Was muss sich ändern, damit Frauen nicht weiter verlieren?

1. Ganztagsbetreuung und Abschaffung von Minijobs

Nur wenn Frauen vollzeitnah arbeiten können, schließen sich Einkommens- und Rentenlücken dauerhaft.

2. Pflichtfach Finanzen in allen Schulen

Niessen-Ruenzi ist eindeutig: „Finanzbildung muss Teil des Lehrplans werden.“  Das würde den Gender Investment Gap deutlich verringern.

3. Reform des Ehegattensplittings

Es belohnt bis heute das Modell, das die Rentenlücke überhaupt erst erzeugt.

4. Mehr weibliche Vorbilder und neutrale Finanzwerbung

Die Finanzindustrie spricht Männer an und lässt Frauen als Zielgruppe weitgehend liegen. Das muss sich ändern, wenn Frauen Vertrauen in Anlageentscheidungen entwickeln sollen.

5. Politische Neubewertung von Sorgearbeit

Unbezahlte Kinderbetreuung und Pflege müssen stärker rentenwirksam werden.

Was Frauen heute selbst tun können: die wichtigste Empfehlung

Alle Expertinnen sagen übereinstimmend: So früh wie möglich investieren – und dranzubleiben.

Denn Frauen schneiden laut Studien langfristig sogar stabiler und erfolgreicher ab als Männer, weil sie weniger spekulieren und breiter streuen. „Eine beständige Rendite von 7,5 Prozent pro Jahr schützt das Geld vor Inflation – und die fahren Frauen eher ein“, erklärt Niessen-Ruenzi. Wichtig zu wissen: Selbst kleine Beträge reichen, wenn sie über Jahrzehnte angelegt werden.