"Wirtschaft liegt danieder": Warum mehr als 3,5 Millionen Deutsche ohne Job sind

Im Video oben: Die Arbeitslosen-Hotspots in Deutschland - doch es gibt einige Lichtblicke

Experten erwarten in den nächsten Monaten keinen Rückgang bei den Arbeitslosenzahlen in Deutschland. Eine Trendumkehr sei nicht in Sicht. Grund ist die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre. Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland befindet sich auf dem höchsten Stand seit 2014. 

23.900 Unternehmen werden nach Hochrechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bis zum Ende des laufenden Jahres Insolvenz angemeldet haben. Das wären über acht Prozent mehr als im Vorjahr.  

Das ist der höchste Wert seit elf Jahren: 2014 hatten nach amtlichen Angaben fast 24.100 Unternehmen hierzulande aufgegeben. Zum Vergleich: 2021 lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen noch bei 14.000.  

Insolvenzen in Deutschland: Experten sprechen von "Rekordniveau"

Das Softwarehaus DATEV sammelt jährlich Tausende Daten von Firmen und Angestellten in Deutschland und wertet sie aus. Demnach befinden sich die Insolvenzen auf einem "Rekordniveau", heißt es auf Anfrage von FOCUS online. 

Bei den kleinen und mittleren Unternehmen gab es von Oktober 2024 bis Oktober 2025 bei den Insolvenzen sogar einen Anstieg von 17,3 Prozent. Die Betriebsaufgaben bei den kleinen und mittleren Unternehmen stiegen um 13,3 Prozent an. "Fast drei Jahre Umsatzrückgänge und steigende Kosten nagen an der Substanz", sagt Robert Mayr, CEO von DATEV.

Die Hauptgründe haben sich nach seiner Auffassung nicht verändert. Bei geplanten Geschäftsaufgaben bleiben persönliche Motive und fehlende Nachfolge die meistgenannten Ursachen. 

Mangelnde Rentabilität komme als Grund nun verstärkt hinzu. "Wenn sich das Unternehmertum nicht mehr lohnt, hat der Wirtschaftsstandort ein Problem:  Auch die überbordende Bürokratie hemmt die Wirtschaft", erklärt DATEV-CEO Robert Mayr. 

Viele Insolvenzen: "Unternehmen produzieren lieber im Ausland"

"Die Wirtschaft liegt danieder. Gerade kleineren Firmen fehlt in schwierigen Zeiten der Optimismus. Sie haben im Moment schlechte Rahmenbedingungen", erklärt Alexander Kubis im Gespräch mit FOCUS online die hohen Zahlen. Er ist Arbeitsmarktexperte am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). 

Mit schlechten Rahmenbedingungen meint der Wissenschaftler unter anderem die deutsche Bürokratie, die nicht weniger wird, sowie steigende Energiekosten. "Unternehmen produzieren lieber im Ausland und das schwächt die deutsche Wirtschaft weiter", sagt Kubis. Dazu sorgen Ukraine-Krieg und der von Donald Trump ausgelöste Zollstreit für Verunsicherung.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bestätigt den Trend: Wenn ein Unternehmen aufgrund einer Insolvenz den Lohn nicht mehr zahlen kann, können betroffene Angestellte dort ein sogenanntes Insolvenzgeld beantragen. 

Und die Anzahl dieser Anträge geht stetig nach oben. Wie die Agentur FOCUS online auf Anfrage mitteilt, wurden im Oktober dieses Jahres 8092 Anträge gestellt. Im Oktober des vergangenen Jahres lag die Zahl noch bei 7554 und 2023 bei 7000 Anträgen.

IT engineer working on computer
Die KI verändert den Arbeitsmarkt immens. Getty Images

Laut der Bundesagentur für Arbeit gibt es bei den Menschen ohne Job hierzulande eine hohe Dunkelziffer, auch aufgrund der Insolvenzen: Die reinen Arbeitslosenzahlen gingen in den vergangenen Monaten zwar leicht zurück. 

Waren im September noch 2,955 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet, sind es im November 2,885 Millionen gewesen. Die meisten davon sind Bürgergeld-Empfänger.

3,5 Millionen Menschen in Deutschland ohne Job

In der Statistik der Arbeitslosen fehlen aber diejenigen, die sich gerade in einer Arbeitsmarktmaßnahme befinden, erkrankt sind oder erst vor kurzem arbeitslos wurden. 

Die Bundesagentur geht davon aus, dass die Gesamtzahl der Menschen ohne Job bei 3,544 Millionen liegt. Und die Dunkelziffer ist in Wahrheit offenbar noch höher. Die Betroffenen, die sich gerade in Kurzarbeit befinden, sind in dieser Zahl noch nicht eingerechnet. 

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Arbeitsmarktexperte Kubis erklärt, dass auch die reinen Arbeitslosenzahlen für 2025 "überhaupt nicht berauschend" sind. Vor drei Jahren waren im Oktober 2022 noch 2,4 Millionen arbeitslos gemeldet. Ein deutlich geringerer Wert also. Kubis rechnet vor: "Damals gab es auf dem Arbeitsmarkt zwei Millionen offene Stellen, jetzt sind es eine Million. Ein deutlicher Rückgang und ein Zeichen einer Konjunkturschwäche."  

Zu den schon erwähnten Gründen erkennt der Experte auch einen Strukturwandel auf dem Jobmarkt. "In der Informatikbranche werden die Einsteigertätigkeiten durch KI ersetzt. Wir sehen hier einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen." 

Arbeitsmarktexperte: "Die Trendumkehr schaffen wir aber jetzt nicht"

Kubis macht sich Sorgen um die Automobilbranche und die Veränderungen dort: "Ein E-Motor hat 400 Bauteile, ein Dieselmotor 1600. Das schmerzt die Zulieferbetriebe, die weniger zu tun haben."

Der Experte glaubt aber nicht, dass die Arbeitslosenzahlen künftig weiter steigen werden. Die Umsetzung des 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögens für Infrastruktur und die Extraausgaben für die Bundeswehr werden demnächst für Belebung auf dem Arbeitsmarkt sorgen, meint er, ergänzt aber: "Wir haben eine Talsohle erreicht, einen Stopp. Die Trendumkehr schaffen wir nicht."