Luxus oder Nutzen? Die wissenschaftliche Wahrheit hinter Kollagenpräparaten

Ein typischer Tag im Internet: Irgendwo taucht immer Kollagen auf. Im Latte im Hipster-Café, im pinken „Beauty-Drink“, in Pulvern, die „Glow von innen“ versprechen. Wer das alles glaubt, könnte meinen: Wer kein Kollagenpulver trinkt, ist selber schuld an seinen Falten.

Bevor man sich aber den nächsten Eimer Pulver bestellt, lohnt ein Blick darauf, was Kollagen überhaupt ist. Und was die neue, ziemlich unbequeme Studie dazu sagt.

Kollagen ist so etwas wie das Gerüstprotein des Körpers. Ein Großteil unseres Bindegewebes besteht daraus: Haut, Knochen, Knorpel, Sehnen, Bänder, Blutgefäße - überall steckt Kollagen drin. In der Haut sorgt es dafür, dass sie nicht wie ein schlaffer Lappen herunterhängt, sondern fest und elastisch bleibt. Gebildet wird es von Zellen in der Lederhaut. Mit dem Alter wird diese Produktion langsam zurückgefahren, etwa um ein Prozent pro Jahr. Gleichzeitig schädigen Sonnenstrahlung und Rauchen die vorhandenen Kollagenfasern. Das Ergebnis kennt jeder: dünnere, trockenere Haut, weniger Spannkraft, mehr Falten.

Jessica Klein ist Ernährungsberaterin und bindungsorientierte Familienbegleiterin. Sie unterstützt Familien bei pflanzenbasierter Ernährung, Stillen, Schlaf und Beikost – fundiert, empathisch und alltagsnah. Sie ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen ihre persönliche Auffassung auf Basis ihrer individuellen Expertise dar.

Kollagen in Ernährung und Supplements

In der Ernährung kommt Kollagen vor allem in tierischen Produkten vor: in Haut, Knochen, Knorpel, also in genau den Teilen, die viele Menschen eher nicht so gern essen. Aus Knochen und Bindegewebe lässt sich Gelatine gewinnen, die man wiederum in Gummibärchen oder Wackelpudding findet. Nahrungsergänzungsmittel gehen noch einen Schritt weiter: Das Kollagen wird enzymatisch „vorgekaut“, in kleinere Bruchstücke zerlegt, sogenannte Kollagenhydrolysate oder Kollagenpeptide. Die sollen besonders gut aufgenommen werden, und genau hier setzen die aktuellen Produkte an.

Die Versprechen klingen verführerisch: weniger Falten, mehr Hautfeuchtigkeit, bessere Elastizität, stärkere Gelenke, alles möglichst „natürlich“ und „von innen heraus“. Instagram ist voll mit Vorher-nachher-Fotos und Influencern, die im perfekt ausgeleuchteten Bad ihren Collagen-Shot hochhalten. Und es stimmt: Es gibt Studien, in denen Menschen nach einigen Wochen Kollageneinnahme messbar glattere oder besser hydratisierte Haut hatten. Genau diese Studien tauchen dann in Werbematerialien auf.

Studienlage – der Hype unter der Lupe

Spannend wird es, wenn man sich das Gesamtbild ansieht, denn da kommt die neue Studie ins Spiel, sie kürzlich im „American Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Die Autoren haben systematisch nach allen randomisierten, kontrollierten Studien gesucht, in denen Menschen Kollagensupplemente bekamen und in denen Hautfeuchtigkeit, Elastizität oder Falten objektiv gemessen wurden. Am Ende blieben 23 Studien mit zusammen 1474 Teilnehmerinnen und Teilnehmern übrig, meist Frauen, meist über acht bis zwölf Wochen behandelt.

Zuerst haben die Forscher das gemacht, was alle früheren Übersichtsarbeiten auch tun: alle Studien in einen Topf werfen und schauen, ob sich im Durchschnitt etwas tut. Ergebnis: Ja, im Mittel sah die Haut unter Kollagen etwas besser aus. Feuchtigkeit, Elastizität und Falten verbesserten sich statistisch signifikant. Bis hierher könnte man sagen: Na also, die Drinks bringen doch was.

Die Autoren haben aber nicht aufgehört, als der erste positive Wert im Computer auftauchte. Sie haben zwei kritische Fragen gestellt: Wer hat die Studien bezahlt? Und wie gut sind sie gemacht? Denn aus anderen Bereichen der Medizin weiß man: Studien, die von Herstellern finanziert werden, fallen häufiger zugunsten des Produkts aus. Und Studien mit schwacher Methodik überschätzen gern Effekte.

Also haben die Forscher getrennt ausgewertet: einmal die Studien mit Geld von Supplement- oder Pharmafirmen, einmal die ohne. Und sie haben jede Studie mit etablierten Werkzeugen auf Qualität geprüft. Das Ergebnis lässt den Hype deutlich schrumpfen. In den unabhängigen Studien, also ohne Geld vom Hersteller, zeigte Kollagen keinen klaren Vorteil für Hautfeuchtigkeit, keine überzeugende Verbesserung der Elastizität und keinen verlässlichen Effekt auf Falten. In den Studien, die die Industrie mitfinanziert hatte, sah die Welt sehr viel rosiger aus: Dort war fast alles besser mit Kollagen.

Ganz ähnlich sah es aus, wenn man nur die methodisch saubersten Studien betrachtete. Wo die Qualität hoch war, verschwanden die eindeutigen Effekte. Wo die Studien schwächer waren, waren die „Wow“-Ergebnisse am größten. Zusätzlich fanden die Autoren Anzeichen für Publikationsbias. Vereinfacht gesagt: Positive Studien schaffen es eher in die Fachzeitschriften als neutrale oder negative.

Ihr Fazit formulieren sie ungewöhnlich deutlich: Nach heutigem Stand gibt es keine belastbare klinische Evidenz, Kollagensupplemente zur Vorbeugung oder Behandlung von Hautalterung zu empfehlen. Übersetzt heißt das: Für den typischen Menschen, der sich jünger aussehen lassen will, ist der Nutzen so unsicher, dass man daraus keine seriöse Empfehlung ableiten kann.

Ganz sicher wird das in manchen Marketingabteilungen für schlechte Laune gesorgt haben. Wer gerade ein neues „Glow-Elixir“ mit „klinisch getesteten Collagen-Peptiden“ auf den Markt bringt, liest so eine Meta-Analyse ungefähr so gern wie einen Kontoauszug nach dem Weihnachts-Shopping. Man darf davon ausgehen, dass einige Hersteller:innen versuchen werden, die Studie kleinzureden, die Statistik anzuzweifeln oder darauf hinzuweisen, dass „unsere Spezialpeptide natürlich ganz anders sind“.

Fazit – Luxusprodukt statt Wundermittel

Heißt das jetzt, Kollagen sei völliger Quatsch? So einfach ist es nicht. Biologisch ist es plausibel, dass bestimmte Peptide aus Kollagen im Körper als Signal wirken und die Bildung von neuem Kollagen anregen. Es gibt tierexperimentelle Daten, Zellstudien und auch klinische Arbeiten, die in diese Richtung deuten. In Spezialsituationen wie der Wundheilung nach schweren Verbrennungen oder bei bestimmten Gelenkbeschwerden könnte eine Kollagensupplementierung durchaus sinnvoll sein. Aber das sind medizinische Themen, über die Ärztinnen und Ärzte entscheiden sollten, keine Beauty-Trends.

Für die große Mehrheit der Menschen, die einfach „bessere Haut“ wollen, bleibt das Bild deutlich nüchterner. Wer ausreichend Eiweiß isst, dazu viel Obst und Gemüse (für Vitamin C und andere Mikronährstoffe), nicht raucht, seine Haut vor Sonne schützt und abends eine Pflege mit Retinol oder ähnlichen Anti-Aging-Wirkstoffen nutzt, tut sehr viel mehr für sein Kollagengerüst als mit einem teuren Pulver im Kaffee. Kollagenpräparate sind unter normalen Umständen eher ein Luxusprodukt mit unklarem Mehrwert als ein unverzichtbares Anti-Aging-Tool.

Wenn Sie Ihr Kollagenpulver mögen und es Ihnen subjektiv guttut, spricht wenig dagegen. Es ist im Grunde ein Protein aus Tiergewebe. Dennoch sollten Sie wissen: Der wissenschaftliche Stand ist deutlich weniger spektakulär als die Werbung. Anders gesagt: Der Hype um Kollagen altert im Moment schneller als Ihre Haut.