Neue Kassenleistung kann ab April Zehntausende Krebs-Todesfälle verhindern

Die Prognose für Patienten mit Lungenkrebs ist oft schlecht – nur ein Viertel der Frauen und noch weniger Männer leben noch mindestens fünf Jahr nach der Diagnose weiter. Das Kernproblem: Die Krebserkrankung wird häufig spät erkannt und ist dann häufig schon weit fortgeschritten.

Ändern soll das schon bald ein neues Lungenkrebs-Screening. Starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren können dieses ab Frühjahr 2026 alle zwölf Monate in Anspruch nehmen. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Sommer 2025 beschlossen.

Stand jetzt sollen die Teilnehmenden anhand ihres Alters und der Rauchhistorie für die Früherkennung ausgewählt werden. Würde man aber noch weitere Kriterien, etwa Vorerkrankungen und Familiengeschichte hinzuzählen, ließen sich deutlich mehr Krebsfälle frühzeitig entdecken – das sagt zumindest ein deutsches Forschungsteam.

Krebs-Screening durchleuchtet Lunge mit wenig Strahlenbelastung 

Bei der geplanten Lungenkrebsfrüherkennung soll eine spezielle Röntgenuntersuchung zum Einsatz kommen, die Niedrigdosis-Computertomographie (NDCT). Diese durchleuchtet die Lunge mit möglichst wenig Strahlenbelastung und soll dennoch kleine Tumoren sichtbar machen, die mit anderen Methoden oft übersehen werden. Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten und ist schmerzfrei. 

Teilnahmeberechtigt sind laut G-BA "Versicherte, die mindestens 25 Jahre geraucht haben – wobei der Zigarettenkonsum noch andauert oder vor weniger als zehn Jahren beendet wurde. Der Umfang muss rechnerisch mindestens 15 Packungsjahre ergeben". Ein Packungsjahr entspreche dabei 20 Zigaretten, die täglich über ein Jahr lang geraucht wurden. 

Die Dauer und den Umfang des Zigarettenkonsums sollen Mediziner abfragen – Versicherte werden dann über das Lungenkrebs-Screening informiert. Das Screening soll wie folgt ablaufen:

  • Teilnahmeberechtigte erhalten eine Überweisung an eine radiologische Praxis. Die Radiologen fertigen die NDCT-Aufnahme an und werten sie aus.
  • Gibt es keine Auffälligkeiten, erhalten sie einen Befundbericht, der dies attestiert.
  • Erscheint der Befund jedoch kontroll- oder abklärungsbedürftig, wird eine Zweitbefundung veranlasst. Besteht dann ein kontrollbedürftiger Befund, aber kein konkreter Krankheitsverdacht, wird ein neuer Screening-Termin vereinbart.
  • Besteht Abklärungsbedarf aufgrund einer Wahrscheinlichkeit von Lungenkrebs, besprechen die Mediziner weiteren Maßnahmen und Schritte mit den Betroffenen.

Kritik am Screening: "Nach diesen Kriterien einige Menschen übersehen"

Doch an der Auswahl der Teilnahmeberechtigten gibt es Kritik: "Unsere Daten zeigen, dass wir nach diesen Kriterien einige Menschen übersehen, die ebenfalls ein hohes Lungenkrebsrisiko haben und vom Früherkennungsprogramm profitieren würden“, sagt Jens Vogel-Claussen von der Charité Universitätsmedizin Berlin. Er hat die im November 2025 veröffentlichte Hanse-Studie geleitet, die untersucht, wie man Menschen am besten für ein solches Lungenkrebs-Screening auswählt.

Um das zu zeigen haben die Forscher zwischen 2021 und 2022 über 5000 Menschen mittels Niedrigdosis-CT untersucht. Teilnehmen konnten Männer und Frauen zwischen 55 und 79 Jahren, die aktuell rauchen oder früher einmal Raucher waren

Die Forscher verglichen zwei Varianten an Einschlusskriterien: Die "NELSON-Kriterien" schauen genau wie das geplante Screening vor allem auf das Alter und wie viel und wie lange jemand geraucht hat. Die andere Methode, das "PLCOm2012-Modell", berechnet das persönliche Risiko für Lungenkrebs anhand insgesamt elf Faktoren. Neben dem Alter und der Rauchhistorie einer Person berücksichtigt es etwa auch 

  • ihren Bildungsstand,
  • das Gewicht,
  • das Vorliegen einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD),
  • vergangene Krebserkrankungen
  • und ob es in der Familie Lungenkrebsfälle gegeben hat.

Alle Personen, denen anhand einer der beiden Scores ein hohes Lungenkrebsrisiko attestiert wurde, erhielten im Abstand von einem Jahr zweimal ein Niedrigdosis-CT. 

Es zeigte sich: Das neue Modell wäre insgesamt effizienter

Nach dem Einschlusskriterien des PLCOm2012-Score wurden am Ende rund 4200 der rund 5000 Personen gescreent – in 108 Fällen fanden die Forscher tatsächlich Lungenkrebs. Nach den Nelson-Einschlusskriterien wurden zwar nur 3900 Personen gescreent, aber auch nur 85 Krebsfälle entdeckt.

"Wenn wir mehr Faktoren berücksichtigen als nur das Alter und die Rauchhistorie, entdecken wir knapp 20 Prozent mehr Lungenkrebsfälle“, kommentiert Vogel-Claussen die Ergebnisse. So müsse man zwar etwa sechs Prozent mehr Personen screenen, würde aber auch deutlich mehr Lungenkrebsfälle finden. "Das macht das Screening effizienter, wir müssen also weniger CT-Untersuchungen durchführen, um einen Fall von Lungenkrebs zu diagnostizieren", resümiert Martin Reck von der LungenClinic Grosshansdorf, ebenfalls Autor der Studie.

Frauen fallen häufiger durchs Raster

Von einem erweiterten Kriterienkatalog würden insbesondere Frauen profitieren, berichten die Forscher. Zum einen seien sie häufiger betroffen, zum anderen würden sie aus dem eng gefassten Raster häufiger herausfallen. Viele der Frauen würden zwar aktiv rauchen, die geltende Einschluss-Schwelle aber nicht erreichen. Auch hätten sie beispielsweise häufiger Lungenkrebs in der Familie, eine eigene Krebsvorgeschichte oder eine zusätzliche COPD-Diagnose. 

"Wir gehen davon aus, dass diese Risikofaktoren bei Frauen schwerer ins Gewicht fallen als bei Männern. Leider werden sie von dem aktuell geltenden Kriterienkatalog nicht abgefragt", sagt Sabine Bohnet, Leiterin des Lungenkrebszentrums am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die ebenfalls beteiligt war. 

In der Studie plädiert das Team daher dafür, dass die weiter gefassten Einschlusskriterien für das Screening umgesetzt werden.