„Die stille Last“: Warum so viele Menschen mit MS Suizidgedanken entwickeln

Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Sie trifft Menschen mitten im Leben, verläuft unvorhersehbar und kann zu massiven körperlichen Einschränkungen führen. Doch neben den sichtbaren Symptomen gibt es eine stille, oft übersehene Gefahr: die erhöhte Suizidalität.

Immer mehr wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass Betroffene nicht nur mit Lähmungen oder Fatigue kämpfen, sondern auch mit der Verzweiflung, die Krankheit aushalten zu müssen.

Dr. med. Mimoun Azizi ist Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Neurogeriatrie im KVSW und Facharzt für Neurologie. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

Erhöhtes Risiko – was zeigen die Studien?

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 zeigt: Rund 22,6 Prozent der Menschen mit MS entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung Suizidgedanken – deutlich mehr als in der Allgemeinbevölkerung.

Auch das tatsächliche Risiko eines Suizids ist erhöht. Bereits eine große epidemiologische Studie belegte: Männer mit MS begehen häufiger Suizid als gleichaltrige Männer ohne die Erkrankung. Eine Meta-Analyse von Shen et al. (2019) bestätigte diese Tendenz und sprach von einem „signifikant erhöhten Risiko“.

Die Spannbreite der Zahlen ist groß. Während eine Übersichtsarbeit von Kouchaki et al. (2020) etwa 13 Prozent suizidaler Gedanken fand, kommen andere Untersuchungen auf deutlich höhere Werte. Die Unterschiede hängen unter anderem von Kultur, Diagnosezeitpunkt und methodischer Herangehensweise ab.

Doch die Kernaussage bleibt: Menschen mit MS sind verletzlicher, wenn es um suizidale Krisen geht.

Warum gerade MS-Betroffene?

Die Gründe für das erhöhte Risiko sind vielfältig. Depressionen und Angststörungen gelten als wichtigste Risikofaktoren – und treten bei MS deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.

Hinzu kommen chronische Schmerzen, Fatigue und der Verlust von Selbständigkeit, die den Alltag massiv belasten. In einer Studie zeigte sich, dass ausgeprägte Fatigue eng mit Suizidgedanken verknüpft ist.

Besonders belastend sind die ersten Jahre nach der Diagnose. Hier steigt das Risiko, weil Betroffene mit einer völlig neuen Realität konfrontiert werden. Auch der Grad der Behinderung spielt eine Rolle: Je stärker die körperlichen Einschränkungen, desto größer das Risiko für Hoffnungslosigkeit und suizidale Gedanken.

Was – und wer – kann helfen?

Es gibt auch gute Nachrichten: Psychologische Unterstützung und gezielte Therapien können wirksam schützen. Eine Cochrane-Übersicht zu psychologischen Interventionen zeigt, dass kognitive Verhaltenstherapie depressive Symptome bei MS-Betroffenen deutlich lindern kann. Indirekt senkt dies auch das Risiko für Suizidgedanken.

Ebenso wichtig ist soziale Unterstützung: Wer Familie, Freundeskreis oder Zugang zu Selbsthilfegruppen hat, ist weniger gefährdet.

Ein integrativer Behandlungsansatz, bei dem Neurologinnen, Psychiaterinnen und Sozialdienste zusammenarbeiten, gilt als Goldstandard in der Versorgung.

Wir müssen genauer hinschauen

Das Thema ist sensibel – und gerade deshalb wichtig. Suizidgedanken sind kein persönliches Versagen, sondern ein Symptom, das genauso ernst genommen werden muss wie Lähmungen oder Sehstörungen. Betroffene brauchen Ärzt*innen, die nachfragen, und ein Umfeld, das zuhört.

Die Forschung mahnt uns: Suizidalität darf nicht länger verdrängt werden. Noch fehlen gezielte Studien, wie sich das Suizidrisiko bei MS senken lässt. Aber klar ist:

Früherkennung, psychotherapeutische Angebote und gesellschaftliche Enttabuisierung können Leben retten.

Ein Appell zum Schluss

Jede Zahl in diesen Studien steht für ein Leben – für einen Menschen, der irgendwann dachte, es ginge nicht mehr weiter. Dass MS das Risiko für Suizid erhöht, ist eine harte Realität. Aber es ist auch eine Realität, die wir verändern können:

Durch offene Gespräche, durch medizinische und psychologische Unterstützung, und durch das klare Signal: „Du bist nicht allein!“