22 Millionen Euro Umsatzverlust: Kündigungen bei Weltmarktführer – Scharfe Kritik an Politik

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Wolfratshausen

Kommentare

Ein Umsatzrückgang von rund 22 Millionen Euro zwingt die Weber Schraubautomaten GmbH zu betriebsbedingten Kündigungen am Standort Wolfratshausen.

Wolfratshausen – Die Weber Schraubautomaten GmbH, Weltmarktführer bei der Entwicklung und Produktion von Maschinen und Systemen zur Schraubautomation, ist Rekorde gewohnt. Der Umsatz erreichte im Geschäftsjahr 2023/24 mit rund 83 Millionen Euro nach Angaben des Unternehmens „den Allzeitbestwert in der Firmenhistorie“. Aber jetzt stehen dunkle Wolken über dem Stammsitz in der Loisachstadt. „An betriebsbedingten Kündigungen werden wir nicht vorbeikommen“, sagt Geschäftsführer Felix Kleinert.

Das Headquarter der Weber Schraubautomaten GmbH im Wolfratshauser Gewerbegebiet.
Das Headquarter der Weber Schraubautomaten GmbH im Wolfratshauser Gewerbegebiet. © Weber Schraubautomaten GmbH

„Schwierige“, aber „faire“ Gespräche zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat

Seit rund 70 Jahren ist Weber in der Flößerstadt beheimatet, engagiert sich als Sponsor des BCF Wolfratshausen und des Fluss-Festivals, die Stadt zeichnete das Unternehmen 2023 mit dem Wirtschaftspreis aus. Rund 380 Mitarbeiter zählt Weber im Werk am Hans-Urmiller-Ring – weltweit sind es 500. Doch in der Belegschaft kursieren wie berichtet Gerüchte, dass Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. Das dementieren weder Kleinert, der 17 Jahre lang Mitglied des Weber-Beirats war und im August den Job des Geschäftsführers übernahm, noch Betriebsratsvorsitzender Kenan Hrustanovic. Von 60 Entlassungen berichtet der Flurfunk, Kleinert stellt klar: „Stand heute wird es nicht annähernd 60 betriebsbedingte Kündigungen geben.“ Eine konkrete Zahl nennt er nicht, wie der Betriebsratsvorsitzende verweist der Geschäftsführer auf laufende Gespräche. Die seien „schwierig“, so Kleinert, „aber absolut fair und konstruktiv“, ergänzt Hrustanovic.

Belegschaft wurde in Betriebsratsversammlung am 15. Oktober informiert

Die Mitarbeiter erfuhren die schlechten Nachrichten am 15. Oktober in einer Betriebsversammlung. Kleinert habe die rund 300 Teilnehmer „sehr transparent“ (Hrustanovic) über die wirtschaftliche Lage informiert. Zahlen lügen nicht – „für einige Kolleginnen und Kollegen waren sie ein Schock“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

„Wir stehen nicht am Rande eines Abgrunds“, betont Kleinert. „Wir sind liquide, investieren kräftig, zahlen unsere Rechnungen und überweisen Löhne und Gehälter.“ Die konjunkturelle Krise, ausgelöst durch die ins Trudeln geratene deutsche Automobilindustrie, „halten wir aus“, sagt der Weber-CEO. Doch das strukturelle Problem habe man viel zu lange negiert. Die Nachfrage – mehr als 75 Prozent der Kundenaufträge kommen aus dem Automobilsektor – sei signifikant eingebrochen, der Umsatz rauschte um gut 30 Prozent (rund 22 Millionen Euro) in den Keller. „Wir machen Verlust, wenn auch keinen dramatischen.“ Trotz der Negativentwicklung, auf die Wirtschaftsingenieur Kleinert bereits als Beiratsmitglied hinwies, „ist unter anderem nicht an eine Kostensenkung gedacht worden“. Die aber sei unvermeidlich.

(Unser Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

Überbordende Bürokratie, eine Flut von Vorgaben, extrem hohe Energiekosten, unterm Strich gravierende Wettbewerbsnachteile: Die Politik „hat den Bogen überspannt“, kritisiert Kleinert, „die hat an allen Rädern gedreht – aber in die falsche Richtung“. Der Leidtragende sei nicht allein Weber, jedes fünfte Maschinenbau-Unternehmen bewertet die Lage laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC derzeit pessimistisch.

Wir haben riesiges Potenzial, die Lage ist ganz und gar nicht hoffnungslos. 

Der Technologiewechsel von fossilen Brennstoffen hin zum Strom, ein verändertes Kaufverhalten, die Digitalisierung der Autos und die Tatsache, dass der Deutschen einst liebstes Kind bei der jungen Generation an Bedeutung verloren hat, gehen nicht spurlos an einem Zulieferbetrieb vorüber. „Doch wir haben riesiges Potenzial“, sagt Kleinert, „die Lage ist ganz und gar nicht hoffnungslos.“ In anderen Ländern erfahre die Automobilbranche einen Aufwind, ergo gelte es, neue Absatzmärkte für Produkte made in Wolfratshausen zu erschließen. „Wir haben tolle Produkte, wir haben ein tolles Team“, so Kleinert.

Freiwilligenprogramm mit Abfindungszahlungen liegt auf dem Verhandlungstisch

Das erhoffte Wachstum komme allerdings vor allem den ausländischen Standorten zugute – „der Standort Wolfratshausen wird hiervon nur teilweise profitieren können und wird vor allem auf den europäischen Markt ausgerichtet“. Aus Kostengründen und mit Blick auf die Kundennähe „wird der Weltmarkt auf Basis einer neu zu erarbeitenden Strategie zunehmend von ausländischen Standorten bedient“.

Doch an einer – Achtung, Euphemismus! – „Verschlankung“ des „tollen Teams“ führt laut Kleinert kein Weg vorbei. Betriebsrat Hrustanovic nickt. Bis Ende des laufenden Geschäftsjahrs, bis 31. März 2026, „sollen alle Maßnahmen greifen“, sagen die beiden übereinstimmend. Als Optionen liegen unter anderem auf dem Verhandlungstisch: die Ausweitung der Altersteilzeit und ein Freiwilligenprogramm mit Abfindungszahlungen. Aber fest steht: Betriebsbedingte Kündigungen wird es „in begrenztem Maße geben müssen“. (cce)