Russland leistet Widerstand: Für Pokrowsk-Offensive verweigern sich Putin die Freiwilligen

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Russland leistet Widerstand: Für Pokrowsk-Offensive verweigern die Freiwilligen sich Putin

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„Nur noch sehr alte und chronisch kranke Rekruten“ – die Pokrowsk-Pleite erschüttert auch den Kreml. Gesetzesänderung soll Mobilisierung vereinfachen.

Pokrowsk – „Der größte Teil von Pokrowsk ist Niemandsland“, zitiert die BBC die Deep-State-Überwachungsgruppe in der Ukraine. „Die Situation ist kompliziert und schlichtweg unklar“, so die Analysten. Jetzt veröffentlicht die Ukraine im Kampf um die strategisch wichtige Stadt eine Erfolgsmeldung, die aber zwischen den Zeilen steht, wie die Ukrainska Pravda berichtet: Die Verteidiger im Ukraine-Krieg harren aus – erfolgreich. Wladimir Putin hat sich derart festgebissen, dass er Reserven heranführen müsse, um einen Durchbruch nach Pokrowsk zu schaffen.

Drei Soldaten der 148. Artillerie Brigade, die nahe Pokrowsk mit einer französischen Caesar-Haubitze in Stellung gegangen sind.
Müdigkeit und Zuversicht: Soldaten der 148. Artillerie Brigade, die nahe Pokrowsk mit einer französischen Caesar-Haubitze in Stellung gegangen sind, suchen den Himmel nach russischen Drohnen ab. Die Ukrainer behaupten sich in der umkämpften Stadt. © IMAGO/Maciek Musialek

Das Blatt stellt heraus, dass die Lage für die ukrainische Führung höchste Priorität genießt, die Ukrainska Pravda berichtet von einem „Arbeitsbesuch“ an der Front durch Oleksandr Syrskyj – der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte hätte die Zielrichtung festgezurrt: „Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Verteidigung, Sicherstellung einer ununterbrochenen Logistik, Verbesserung der Effektivität der Brandschadensbekämpfung und Koordinierung der Interaktion auf allen Kommandoebenen“, wie die Pravda die „To-Do-Liste“ der Verteidiger benennt. Seit Mitte 2024 tobt die Schlacht, und Russland muss einen um den anderen Soldaten nachziehen. Wer Schützenlinie um Schützenlinie verliert, scheint dem Sieg ferner als der Niederlage. Im August 2025 war Pokrowsk schon totgesagt worden.

Putin-Pleite Pokrowsk: Das Armutszeugnis der russischen militärischen Führung

Einhellig berichtet wurde zu der Zeit von bis zu 100.000 Kräften an diesem Teil der Front. Pokrowsk wird seit Monaten unter wechselnde Kontrolle gebracht, allerdings könnte sich das Blatt weiterhin scheinbar jederzeit wenden. Beinahe täglich. Die Metropole ist ein entscheidendes Logistikzentrum für die ukrainischen Truppen aufgrund ihrer Bahnanbindung und der Kreuzung mehrerer wichtiger Straßen. Die Hoheit über diese Stadt ist vielleicht weniger kriegsentscheidend, als dass sie auch einen eminenten moralischen Einfluss auf beide Seiten ausüben kann. Russland hätte einen bedeutenden Schritt nach vorn gemacht, die Ukraine hätte trotz hartnäckiger Bemühungen eine weitere Bastion verloren geben müssen. Insofern wird auch die propagandistische Hoheit über die Stadt schon viel wert.

Pokrowsk ist der Nukleus der vermeintlichen russischen Militär-Potenz. Der Griff zur Reserve bedeutet das Armutszeugnis der russischen militärischen Führung sowie des Putin-Regimes. Der ukrainische Sender RBC zählt quasi den Countdown des russischen Versagens in seiner Berichterstattung vor – mit einer aktuellen Statistik: „Allein in der vergangenen Woche haben ukrainische Verteidiger Folgendes geleistet: Sie eliminierten und töteten 370 russische Soldaten; 86 Fahrzeuge und Motorräder, 20 Artilleriegeschütze und Selbstfahrlafetten sowie fast 1400 Kampfdrohnen wurden zerstört und beschädigt“, schreibt Autorin Daryna Vialko. So makaber sich die Liste lesen mag, desto stetiger scheint der Berg der Bedrohung vor der ukrainischen Metropole abzuschmelzen.

Im Prinzip tritt der Ukraine-Krieg rund um Pokrowsk seit Wochen und Monaten auf der Stelle. Ein temporärer Sieg für die Ukraine, eine schallende Ohrfeige für Russland: „Dank unserer Gegenmaßnahmen ist der Feind nicht in der Lage, seine Kräfte im Industriegebiet im Nordwesten der Stadt ausreichend zu konzentrieren. Folglich ist er nicht in der Lage, offene Frontalangriffe auf Hryshyne durchzuführen, das eines der vorrangigen Ziele im Ballungsraum Pokrowsk ist“, zitiert RBC aktuell das dort stehende 7. Korps der Luftlandetruppen der ukrainischen Streitkräfte. Russland wird dadurch offenbar gezwungen, seine Taktik den Verteidigern anzupassen: Oleksandr Syrskyj erkenne eine Kombination von sporadischen Massenangriffen und verdeckten Vorstößen kleiner Infanteriegruppen, so RBC.

Russland-Revolte: Durch Pokrowsk-Offensive erdbebenartige Erschütterungen auch im Kreml

Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Thinktank Institute for the Study of War (ISW) festgehalten, dass die gelichteten Reihen der russischen Offensiven vor Pokrowsk erdbebenartige Erschütterungen auch im Kreml ausgelöst zu haben scheinen: Offenbar kann Wladimir Putin seiner Bevölkerung nicht mehr alles bieten wie bisher – in der Binnenkommunikation der russischen Regierung ist der Lack von der „Spezialoperation“ ab. Die stabilen Verteidigungslinien rund um Pokrowsk lassen den russischen Imperialismus festfressen – die Verluste an einer Front wie Pokrowsk führen dazu, dass Wladimir Putin auch an der Heimatfront um junge Männer kämpfen muss:

„Russland könnte zwar schrittweise Mitglieder der aktiven Reserve mobilisieren, um seine Kampfeinsätze in der Ukraine aufrechtzuerhalten, doch eine groß angelegte Zwangsmobilisierung der Reserve zur drastischen Vergrößerung des russischen Militärs ist derzeit unwahrscheinlich“, schreiben Kateryna Stepanenko und George Barros für das ISW. Die beiden Autoren bemerken einen „Wendepunkt in Russlands Strategie zur Truppengenerierung“ – möglicherweise haben die Erfahrungen auch aus den Kämpfen rund um Pokrowsk den Kreml dazu gezwungen unterhalb einer Eskalation durch Zwangsmobilisierungen unauffälligere Aushebungen von Zivilisten möglich zu machen. Mitte Oktober sei dafür das Verteidigungsgesetz geändert worden, so die Analysten. Der Kreml hat einen längeren Hebel erhalten – ohne offizielle Mobilmachung oder formelle Kriegserklärung.

Weniger Freiwillige für Ukraine-Front: „Nur noch sehr alte und chronisch kranke Rekruten“

Der Änderungsentwurf erlaube Präsident Wladimir Putin jetzt, Reservisten auszuheben für Sonderaufgaben in bewaffneten Konflikten und bei Anti-Terror-Operationen – als was er den Ukraine-Krieg auch etikettiert hat. Die schlechte Nachricht für die ukrainischen Verteidiger in ihren Schützengräben rund um die Metropole: Wladimir Putin kann schneller mehr Männer an die Front werfen; und das im Handumdrehen. Ihn zwingt die schiere Not – die Lust junger Männer, an einer Front wie Pokrowsk zu enden, sei im Laufe der vergangenen Jahres merklich abgeflaut, hat das ISW berichtet unter Bezug auf Meldungen von Radio Free Europe/Radio Liberty. Demnach stagniere die Zahl der Vertragsabschlüsse mit dem russischen Verteidigungsministerium.

„Selbst in Regionen mit den höchsten finanziellen Anreizen“, so die Aussagen russischer Rekrutierungsbüros im Verbreitungsgebiet von Idel Realii, dem tatarisch-baschkirischen Dienst von Radio Free Europe/Radio Liberty. In Sibirien scheint ein ähnliches Umdenken stattgefunden zu haben. Idel Realii berichtet, dass sich in Militärrekrutierungsabteilungen zuletzt „nur noch sehr alte und chronisch kranke Rekruten meldeten“. Der Strom an Freiwilligen versiege – auch an denen, die ausschließlich finanziell motiviert seien. „Russland beginnt eigentlich erst hinter dem Ural – in Städten, deren Namen Sie vermutlich noch nie gehört haben, mit Straßen, die bis heute nicht asphaltiert sind“, sagt Markus Reisner. Der Oberst des österreichischen Bundesheeres hat im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Lagebeurteilung abgeben.

Die fiel desaströs aus – der Russe aus den Tiefen des Landes weiß offenbar wenig über das, was in der Welt geschieht, auch und vor allem in der Ukraine, so der Österreicher. „Dort sind 50.000 Euro mit einer Bonuszahlung von bis zu 16.000 Euro viel Geld – das Fünffache vom Durchschnittseinkommen. Und der Buryate als eine von 160 Ethnien in Russland weiß nicht, was ihn an der Front erwartet. Und wenn er dann dort ist, dann ist es zu spät. Und wenn der sich umdreht, dann steht dort wie vor 80 Jahren ein Kommissar und zeigt ihm den Weg an die Front.“ Ihm zufolge sei deshalb die Lage in Pokrowsk so zäh umkämpft, weil die Verteidiger mehr leisteten:

„Bei der Motivation sind die Truppen von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Vorteil, das hat der Verlauf des Kriegs gezeigt. Schließlich verteidigen die Männer und Frauen in der ukrainischen Armee Haus und Hof sowie das Leben ihrer Familien – sie wissen sehr genau, wofür sie kämpfen. Russlands Soldaten an vorderster Front können mit Wladimir Putins Kriegszielen dagegen wenig anfangen, sind sich Fachleute einhellig sicher.“ (Quellen: Institute for the Study of War, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, BBC, Ukrainska Prawda, RBC) (hz)