Putins Armee bröckelt: Russlands Soldaten fliehen massenhaft von der Front im Ukraine-Krieg

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Russlands Soldaten fliehen zunehmend aus dem Ukraine-Krieg: Neue Daten zeigen die drastischen Verluste, Putin reagiert mit immer brutaleren Strafen.

Kiew – Die Lage im Ukraine-Krieg bleibt weiterhin angespannt: Trotz der zunehmenden Kälte setzt Russland seine Angriffe auf die Ukraine weiter fort. Wohl unter horrenden Verlustraten, wie zuletzt der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte gegenüber der Kyiv Post betonte: Der General erklärte seinen Stolz auf die ukrainische Strategie, welche Wladimir Putins Truppen in einen Zermürbungskrieg binde. Diese Taktik ermöglicht maximale Verluste bei geringen Gebietsgewinnen. Eine wenig vielversprechende Ausgangslage für die russischen Soldaten – was sich nun offenbar auch in einer neuen Studie zu russischen Deserteuren zeigt.

Wladimir Putin (kl. Foto) nimmt bei seinem Ukraine-Krieg immense Verluste in Kauf. (Symbolbild) © IMAGO / ZUMA Press, IMAGO / SNA

Eine Recherche des ukrainischen Projekts Frontelligence Insight berichtet Aufsehenerregendes: Die aufwendige Analyse zehntausender russischer Personalakten, sowie interner Dokumente russischer Militäreinheiten ergab, dass sich die Zahl der Deserteure 2025 im Vorjahresvergleich verdoppelt habe. Die Mutmaßung des Top-Generals von Wolodymyr Selenskyj scheint sich zu bewahrheiten: Die russische Armee schwächelt.

Putins Soldaten desertieren in Scharen: Der Ukraine-Krieg und Russlands Blutzoll

70.000 Soldaten, oder ein Zehntel der wohl in der Ukraine stationierten russischen Soldaten könnten bei anhaltendem Trend jährlich ihren Dienst verlassen. Laut den Autoren sei dieser Zustand zwar noch nicht kritisch, doch die russische Führung reagiere bereits mit neuer Härte auf die Fahnenflüchtigen: Frontintelligence Insight berichtete, dass die Disziplinarmaßnahmen deutlich verschärft wurden. Dabei ist von außergerichtlichen Strafen wie Folter und Hinrichtungen die Rede, berichtet unter anderem t-online. Doch die Anzahl der Fluchtversuche blieb laut der Analyse davon unberührt und nahm stattdessen weiter zu. Die Analysten vermuten daher, dass es zu ernsthaften Spaltungen innerhalb der Armee kommen könnte.

Bis zum Sommer 2025 war die monatliche Zahl der Fälle von Desertion und unerlaubtem Verlassen der Truppen fast sechsmal höher als im Januar 2024. Die Zahl der Desertionen stieg im Laufe des Jahres 2024 stetig an. Obwohl Anfang 2025 ein vorübergehender Rückgang der Desertionsfälle zu beobachten war, setzte sich der Anstieg bald wieder fort, heißt es in der Studie. Während früher russische Soldaten meist von Militärstützpunkten desertierten, verließen bis 2025 immer mehr Soldaten direkt die Front oder kehrten nicht aus medizinischen Einrichtungen zurück. Das Durchschnittsalter der Deserteure lag bei 37 Jahren, schreibt Frontelligence Insight. Am häufigsten verlassen Menschen im Alter von 35 bis 44 Jahren ihren Dienst, gefolgt von der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen. Dies spiegelt wahrscheinlich die allgemeine Struktur der russischen Armee wider, glauben die Autoren der Studie.

Putins Verluste im Ukraine-Krieg: Selenskyjs übt Kritik – „das ist Wahnsinn“

Wie frappierend die Umstände an der Front tatsächlich sind, lässt sich nur mutmaßen: Erst im Dezember bezifferte NATO-Generalsekretär Mark Rutte den russischen Blutzoll auf durchschnittlich 1200 gefallene russische Soldaten im Jahr 2025. Demnach habe es seit Februar 2022 mehr als 1,1 Millionen russische Tote und Verwundete gegeben. Wolodymyr Selenskyjs Oberbefehlshaber, Oleksandr Syrskyj, erklärte mit Blick auf die ukrainische Taktik: „Dank der effektiven Kampfarbeit der Verteidigungskräfte ist es dem Feind seit Langem nicht mehr gelungen, seine Truppenstärke zu erhöhen.“

Der General stellte obendrein klar, dass die Verluste der ukrainischen Streitkräfte im Vorjahresvergleich um 13 % zurückgegangen seien. Die genauen Zahlen über getötete oder verwundete ukrainische Soldaten sind hinsichtlich der Auswirkungen auf die militärische Planung, Innenpolitik und die öffentliche Moral ein streng gehütetes Staatsgeheimnis der Ukraine. Auch Wolodymyr Selenskyj fand zuletzt deutliche Worte für das Massensterben an der Front in der Ukraine.

„Sie haben die Misshandlung von Menschen wiederholt, den Faschismus wiederholt, fast alles wiederholt, was im 20. Jahrhundert das Schlimmste war“. Er betont: „Das sagt viel über das System aus, das Putin aufgebaut hat, und einfach über ihn persönlich.“ Die russischen Verluste betragen nach seinen Angaben mindestens 1000 Tote pro Tag. „Und damit bezahlt Russland faktisch dafür, dass der Krieg nicht endet, das ist Wahnsinn.“ Und dieser „russische Wahnsinn“ könne nur mit vereinten Kräften gestoppt werden.

Russlands Rekrutierungsoffensive: Irreführende Versprechen für den Ukraine-Krieg

Im vergangenen Jahr kämpfte Wladimir Putin vorrangig gegen ein Problem: den massiven Personalmangel. Das ukrainische Analyseunternehmen OpenMinds berichtet von einer neuen Taktik in den russischen sozialen Medien. Anstatt wie bisher mit hohen Prämien zu locken, werben Militärverträge nun verstärkt für Positionen, die als „sicher“ dargestellt werden.

Dieser Strategiewechsel dient als Köder für Unentschlossene. Den Rekruten wird suggeriert, ein gefährlicher Fronteinsatz sei nicht erforderlich. „Die neue Kampagne stützt sich zunehmend auf irreführende Versprechen von ‘sicheren’ oder Rückwärtsposten – Positionen, die kein einziger Werber tatsächlich garantieren kann“, erklärte Sviatoslav Hnizdovskyi, CEO von OpenMinds, gegenüber Newsweek. (Quellen: Kyiv Post, dpa, AFP t-online, Frontelligence Insight, Newsweek, Open Minds, frühere Berichterstattung)