Flüchtlingshelferinnen erinnern sich: „Damals herrschte Realitätsferne“

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In der Asylunterkunft in Garching sind seit 2015 Asylbewerber untergebracht. Die Unterkunft wurde nun durch eine Containeranlage für zusätzliche 200 Flüchtlinge erweitert. © Dieter Michalek

Als vor zehn Jahren Tausende Flüchtlinge auch in den Landkreis strömten, waren Nicola Gerhardt aus Garching und Ingrid Reinhart-Maier aus Grünwald Asylhelferinnen der ersten Stunde. Jetzt erzählen sie, wie sie die damalige, schicksalhafte Situation empfunden haben und wie sich ihre Sicht auf die Dinge verändert hat.

„Wir schaffen das.“ Mit diesem Satz kann Nicola Gerhardt vom Helferkreis in Garching nicht viel anfangen. Warum? Der Zustrom an Flüchtlingen ist über die Jahre nie abgebrochen, stattdessen jedoch zu einem Dauerzustand geworden. Wären es nur die Migrationswellen aus den Jahren 2015 und 2016 gewesen, die dann abgeebbt wären, und man hätte Zeit genug zur Aufarbeitung gehabt. „Dann hätten wir das natürlich schaffen können, so aber können wir es nur dann schaffen, wenn die politischen Weichenstellungen massiv verändert werden. Vor allem im Bildungswesen.“

Ehemaliger Flüchtling hat Firma gegründet

Bereits im Jahr 2014 ist die Garchingerin erstmals mit der Flüchtlingsarbeit konfrontiert worden. Damals nahm die Pfarrgemeinde jemanden aus Afghanistan ins Kirchenasyl auf. Nicola Gerhardt prüfte den außergewöhnlichen Fall, und nach einem harten Ringen entschloss man sich dazu, dem jungen Mann eine Chance zu geben, die von Erfolg gekrönt ist. Vor Kurzem hat er sich gemeinsam mit einem türkischen Migranten unternehmerisch selbstständig gemacht und eine Installationsfirma gegründet.

Nicola Gerhardt, Helferkreis Asyl Garching
Nicola Gerhardt vom Helferkreis Asyl in Garching © privat

Der Jubel am Münchner Hauptbahnhof damals war groß. Die überschwängliche Begrüßung der Geflüchteten beinhaltete einen Strauß an Geschenken, auch in der Garchinger Container-Unterkunft. Kaum zu glauben, was die Bürger an Fernsehern, Daunenjacken, Teppichen, Spielsachen und mehr gespendet hatten. Die Flüchtlinge konnten es laut der ehemaligen Vorsitzenden des Helferkreises kaum fassen, was da passierte. Doch all die Kleidung und vieles andere landete im Müll. „Damals herrschte eine völlige Realitätsferne des Miteinanders.“

Im November 2015 wurde die Traglufthalle in Wörnbrunn aufgestellt. Über ein Jahr lang bot sie rund 300 Geflüchteten eine Unterkunft, bis sie im Frühjahr 2017 abgebaut wurde.
Im November 2015 wurde die Traglufthalle in Wörnbrunn aufgestellt. Über ein Jahr lang bot sie rund 300 Geflüchteten eine Unterkunft, bis sie im Frühjahr 2017 abgebaut wurde. © Robert Brouczek

Konkrete Schwierigkeiten zeigten sich alsbald. Beispielsweise bei Flüchtlingen aus Nigeria. Sie sprachen gut Englisch, weshalb man sich im Helferkreis eine schnelle Anstellung im Beruf versprach. Bei einem Treffen sollten Bewerbungen mit Lebenslauf geschrieben werden. Gleich der erste, ein freundlicher junger Mann, gestand beim Ausfüllen des Bewerbungsbogens, noch nie zur Schule gegangen zu sein. Damit hatte die Helferin nicht gerechnet.

Knapper Wohnraum größtes Problem

Als die Flüchtlingsströme nach der Grenzöffnung zu Ungarn 2015 mit Zügen zum Münchner Hauptbahnhof transportiert wurden, war die Grünwalderin Ingrid Reinhart-Maier gerade in Paris im Urlaub. Sie hielt die Entscheidung der damaligen Bundeskanzlerin für richtig, „diese hilflosen Menschen hereinzulassen“. Dass die Münchner sich aufgemacht haben und die Leute dort so herzlich begrüßt haben, dafür hat sie noch heute viel Sympathie.

Ingrid Reinhart-Maier, Helferkreis Asyl Grünwald
Ingrid Reinhart-Maier vom Helferkreis Asyl in Grünwald. © privat

Trotzdem sei es heute ein Fakt, dass der Wohnraum in der Region München sehr begrenzt ist. Schon für die eigenen Familien und Kinder sei es schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden, für die Geflüchteten sei es beinahe unmöglich. Selbst heute wohnen die meisten in angemieteten Räumen des Landratsamtes, gelten nach wie vor als Fehlbeleger und nehmen den Neuankömmlingen den Platz.

Anlaufstelle schaffen für Arbeitssuchende

Reinhart-Maier stellt sich eine Änderung vor, wonach man in den außereuropäischen Ländern vor Ort Anlaufstellen schaffen sollte für Menschen, die hier in Deutschland Arbeit suchen. Man sollte diese von den Schutzsuchenden trennen, eine europäische Regelung müsse schnell her. „Früher hätte ich gesagt, wir können jeden aufnehmen, aber davon bin ich abgekommen, weil allein das Wohnen schon so schwierig ist.“

Die erste Familie, die in Grünwald schon 2013 ein Obdach fand, hat jetzt endlich eine eigene Wohnung außerhalb von Grünwald bezogen. „Sie ist glücklich“, weiß Reinhart-Maier. Weitere Erfolgsnachrichten aus Grünwald: Von den Jüngeren arbeitet einer beim Bäcker, einer im Naturkostladen, ein weiterer ist Elektroinstallateur, auch eine Zahnarzthelferin ist bekannt.

Zur Serie

Die Flüchtlingswelle im Herbst 2015 stellte auch den Landkreis München vor große Herausforderungen. Bis zu 1000 Flüchtlinge kamen an manchen Tagen damals hier an. Die größte Aufgabe war es anfangs, die Menschen unterzubringen. Traglufthallen und Containeranlagen wurden aufgestellt, Turnhallen freigeräumt, Hotelzimmer angemietet, auch Privatpersonen nahmen Geflüchtete auf. Zehn Jahre später stellt sich die Frage: Wie ist es um ihre Integration bestellt? In unserer Serie „10 Jahre Kraftakt Asyl“ zeigen Gespräche mit Geflüchteten, Polizei, Landrat, Bürgermeister und Helferinnen ein gemischtes Bild. Die Erfahrungen sind vielfältig und häufig widersprüchlich.

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