Ist Ihnen auch schwindelig? Wer in meinem Alter ist oder Energiepolitik als Infrastrukturpolitik versteht, weiß klare und langfristig gedachte Linien zu schätzen. Das Jahr 2025 hat uns leider Viel vom Gegenteil gebracht: reichlich Rückwärts-Looping in Kombination mit politischem Show-Nebel und Verunsicherung, wo eigentlich alles klar schien. Aber neben Grusel und Schatten gab es auch Licht, Spaß und Vorwärtsgang.
Achterbahn und Gruselkabinett in einem: die Kraftwerksstrategie
Unbestritten braucht das deutsche Stromsystem zukünftig neue steuerbare Kraftwerkskapazität. Das Jahr 2025 begann noch mit dem Plan der alten Regierung, 12,5 GW Gaskraftwerke mit „H2-ready“ Option auszuschreiben. Die neue Regierung hatte dann in wilder Entschlossenheit 20 GW Gaskraftwerke im Koalitionsvertrag verankert, ohne „H2“ im Zusatz. Nach viel öffentlichem Hin und Her und schwierigen Verhandlungen mit Brüssel verschwand erst die Zahl „20“ aus der Kommunikation. Dann zauberte die Regierung die Formel „8 +2“ aus dem Hut. 8 GW sollen als Gaskraftwerke doch wieder als „H2-ready“ ausgeschrieben werden und 2 GW technologieoffen mit Blick auf Batteriespeicher und andere Optionen. Wirklichkeit schlägt politisches Wortgeklingel. Wäre nicht ein ganzes Jahr Wartezeit verloren, hätte sich diese Achterbahnfahrt vollends gelohnt. Im Ergebnis hat mir dieser Ritt jedenfalls Spaß gemacht.
Von Voodoo-Meistern und Wahrsagerinnen: die Wärmewende
Nach der kommunikativ völlig verkorksten und mit mächtigen Kampagnen gekaperten Wärmewende über das Gebäudeenergiegesetz sollte 2025 mit der neuen Regierung alles ganz anders werden. Unbekannte Voodoo-Meister erschufen daher in den Verhandlungen zum Koalitionsvertrag „defossilisiertes Gas“, das flächig zum Heizen unserer Häuser eingesetzt werden soll und den Weiterbetrieb der Gasnetze ermöglicht. Bis heute weiß niemand in der Energiewirtschaft, was das für ein Gas sein soll und so wird richtigerweise unbeeindruckt auf die perspektivische Stilllegung der Gasverteilnetze hingearbeitet.
Doch zusätzlich hatte eine Wahrsagerin höchst entschlossen eine Karte zum Heizungsgesetz auf den Verhandlungstisch der Koalitionäre gehämmert auf der stand „wird abgeschafft“. Im Nachgang streiten sich die Wahrgesagten nun, dass die Karte ja ein „Heizungsgesetz“ gezeigt habe, es dieses aber gar nicht gibt. Daher gebe es auch nichts abzuschaffen. Wenn es also läuft wie bei der Kraftwerksstrategie und sich die Wirklichkeit auch bei der Wärmewende durchsetzt, wird es nach wilder Fahrt am Ende einen neuen Namen für das GEG geben und vielleicht sogar Verbesserungen im Detail. Steigt der Gast also wieder nach viel Show und Lärm unversehrt aus dem Karussell? Ausgeschlossen ist das nicht. Im Rückblick wäre dann nicht mehr entscheidend, dass ihm zwischendurch der Magen umgedreht wurde.
„Kirmes modern“ mit virtuellen Realitäten: der Monitoringbericht
Was war die Aufregung groß um den angekündigten Monitoringbericht. Auch bei mir, ehrlich gesagt. Die Grundlage der zukünftigen Energiepolitik sollte er bilden. Und der Auftrag des Wirtschaftsministeriums an die Institute BET und EWI las sich wie der Auftrag, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu schaffen: ob nicht Schieflagen und überhöhte Kosten der Energiewende unbedingt zu einer Absenkung der Ziele für erneuerbare Energien spreche, für mehr Erdgas und langsamere Modernisierung? Doch als der Bericht auf den Monitoren erschien erkannte man schnell, dass die Gutachter den Auftrag nicht so genau genommen hatten. Es erschien ein fotorealistisches Bild von Licht und Schatten der Energiewende. Und dazu gute Empfehlungen, wohin man den Fokus für die Zukunft legen sollte.
Die verantwortliche Ministerin zog sich in derselben Pressekonferenz jedoch eine VR-Brille auf und stellte ein 10-Punkte-Papier vor, dass mehr mit E.On-Visionen als dem Bild auf dem Monitor zu tun hatte. Und da sie in so ganz anderen Welten unterwegs war, verunsicherte sie mit ihren Beschreibungen des Gesehenen mal eben ganze Branchen. Stromverbrauch? Wächst kaum, weil auch die Wirtschaft dauerhaft schwächeln und das Land nicht elektrifiziert wird. Aber der Strom für die Industrie soll günstiger werden, im Zweifel auch ohne Steuerungswirkung für mehr Flexibilität und Klimaschutz. CCS am Gaskraftwerk? Brauchen wir unbedingt – auch wenn das aus Kostengründen keinen Sinn macht und im Monitoringbericht nirgends steht. Wettbewerblicher Messstellenbetrieb? Kann im Umkehrzug weg, auch wenn der Monitoringbericht genau zum Gegenteil rät. Ist aber bestimmt schneller und günstiger ohne Wettbewerb.
Doch natürlich ist nicht alles in der Wahrnehmungswelt der Ministerin schlecht oder falsch. Allerdings konnte sie viele ihrer Eindrücke und Ideen bisher nur so vage beschreiben, dass nach der Show zum Monitoringbericht immer noch alle gespannt warten, wann sie auch bei diesen Themen die VR-Brille abnehmen, wieder in der gemeinsamen Realität ankommen und konkrete Maßnahmen vorstellen wird.
„Und wie war’s denn jetzt, das Jahr 2025“?
Gelegentlich gehe ich mit meinen Kindern zum Hamburger „Dom“, der großen Kirmes in St. Pauli. Zu Hause fragt dann meine Frau, wie es war. Die Antwort ist immer gleich: sehr unübersichtlich und wuselig, aber die Kinder hatten Spaß. Am Ende war allen schlecht und unnötig viel Geld ist ausgegeben.
Ein bisschen so fühlt sich auch das energiepolitische Jahr 2025 für mich an. Doch nicht alles war nur dunkles Durcheinander mit den beschriebenen guten Enden: auch im Detail gab es Positives. Dinge wie „Mispel“ und Netzentgeltbefreiung für Batteriespeicher fallen mir da ein. Womit auch klar ist, wohin die Reise 2026 gehen muss: sich aufs Positive konzentrieren und selbst dazu beitragen, dass es mehr wird. Dann hat man sogar selbst Spaß dabei – und kann über allzu absurde Gaukler im wilden Treiben vielleicht sogar lachen.
In diesem Sinne wünsche ich allen energiepolitisch Interessierten schon einmal frohe Feiertage und einen schwungvollen Start ins neue Jahr.
Dr. Tim Meyer hat Elektrotechnik studiert und am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE promoviert. Nach Tätigkeiten in der Fraunhofer-Gesellschaft, der Solarindustrie und als Gründer im Strommarkt war er zuletzt Vorstand der Naturstrom AG. Heute ist er über 3EPunkt als Berater in der Strategie- und Geschäfts-entwicklung für Energieunternehmen tätig. Als Buchautor, in Vorträgen und auf LinkedIn erläutert er Hintergründe, globale Markttrends und wirtschaftliche Chancen der Energiewende.