Auch wenn die Renten-Debatte der Bundesregierung vorerst verschoben wurde, lohnt es sich trotzdem über den hier offensichtlich aufgetretenen Generationenkonflikt nachzudenken. Die jungen Abgeordneten der Union haben ein wichtiges Zeichen gesetzt. Die Zeiten, in denen die Politik lediglich die akuten Probleme der Gegenwart bearbeitet, sind vorbei. Seit Jahrzehnten wird eine Politik der Zukunftsfähigkeit eingeklagt.
Stattdessen wünschen sich viele, dass es einfach wieder so sein möge wie früher. Und die Interessen der Mehrheit der Älteren scheinen die Sorgen der Jungen auszustechen. Das wurde im Falle der Rentenpolitik zu einer akuten Machtprobe. Aber sind es wirklich vorrangig die Kosten der Altersversorgung, die die Zukunft der jungen Generation gefährden? Allemal bietet der aktuelle Konflikt einen guten Anlass, noch einmal genauer auf die Themen Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit zu schauen.
Schuldenberge nicht nur in Form von fehlendem Geld
Es ist gut und richtungsweisend, dass die jungen Abgeordneten daran erinnert haben, dass es grundsätzlich zwischen den Generationen eine angemessene Gerechtigkeit geben muss. Es kann nicht sein, dass besitzstandswahrende Interessen der älteren Generation dazu führen, dass den jungen und noch kommenden Generationen immer größere Schuldenberge regelrecht vor die Füße gekippt werden.
Ein geeigneter Moment, uns daran zu erinnern, dass die von den Jungen zu tilgenden Schulden nicht allein in Form von zukünftig fehlendem Geld und ausbleibenden Chancen daherkommen, sondern im schlimmsten Falle in Form von lebensbedrohlichen Gefahren.
Junge und zukünftige Generationen sind nicht nur davon betroffen, dass die Ausgaben für die Renten der Älteren vermutlich nicht gestemmt werden können, während ihre eigene Altersversorgung immer unsicherer wird. Wenn es schlecht läuft, müssen sie außerdem in einem Land mit unzureichender Gesundheitsversorgung und Infrastruktur leben – und das in einer Zeit voller geopolitischer und wirtschaftlicher Krisen.
In dieser neuen Ära fordern bislang zu kurz gekommene Akteure wie China nicht nur einen gerechten Anteil am Weltkuchen, sondern sie beanspruchen die Führung. Es handelt sich um eine Situation, in der sich Märkte schneller wandeln als Standortfaktoren, technische Revolutionen beginnen, ihre Kinder zu fressen, und militärische Konflikte erheblicher Größenordnungen wabern.
Die wahren Schulden, die wir unseren Nachkommen hinterlassen
Aber das sind längst nicht alle Risiken, die auf die Jüngeren zukommen. Derzeit bedeutet Zukunft vor allem auch: ein Planet, auf dem es aus verschiedenen Gründen enger zugeht, auf dem sich Krisen aus einem entfernten Erdwinkel rasch überall hin ausbreiten können und auf dem uns der menschgemachte Klimawandel einheizen wird.
Da sind sie, die Schuldenbergrutsche, die in unsere idyllischen Wohlstandstäler eindringen und vor allem die junge Generation bedrohen – in Form von Flutkatastrophen, Hitzewellen und Dürren, zusammenbrechenden Wäldern und Fischbeständen sowie austrocknenden Böden, dem Verlust von Organismenarten, die unsere prekäre Biosphäre am Laufen halten, sowie Ernteverlusten und Wassermangel.
Dieses Szenario beschreibt nicht die Zustände in einem fernen Land, dessen Bevölkerung einfach Pech gehabt hat, sondern diese Misere entfaltet sich bereits – langsam noch, aber immer mehr Fahrt aufnehmend und in vielerlei Facetten schon in der Landschaft zu besichtigen – auch in Deutschland.
Willy Brandt lesen: „Überleben sichern“
Warum regt sich der Widerstand der jungen Konservativen eigentlich nur, wenn es um zukünftige finanzielle Belastungen durch die Rentenpolitik geht? Warum setzen sie sich nicht dafür ein, dass die Politik grundsätzlich auf den Prinzipien Verantwortung, Vorsicht und Vorbeugung basiert und sich vor allem am übergeordneten Ziel der Bewahrung der Lebensgrundlagen orientiert?
Warum fällt es den Sozialdemokraten und der Linken so schwer, das Thema der sozialen Gerechtigkeit mit der ökologischen Generationengerechtigkeit zu verbinden? Was ist aus der SPD der Aufbruchsjahre der Nachhaltigkeit geworden? Haben die Partei-Granden in diesem Jahr eigentlich gebührend gefeiert (oder zumindest einmal daran gedacht), dass vor 45 Jahren, im Jahr 1980, der sogenannte „Brandt-Report” erschien?
Der ehemalige Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt war Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission, die dem Generalsekretär der Vereinten Nationen einen Bericht vorlegte, in dem sie sich für mehr Gerechtigkeit in der Welt stark machte.
In der Einleitung betonte Brandt, der Report wolle „nachweisen, dass die tödlichen Bedrohungen, denen unsere Kinder und Enkel ausgesetzt sind, abgewendet werden können. Und dass wir eine gute Chance haben – ob wir im Norden oder Süden leben, im Osten oder Westen –, wenn wir sie zu nutzen bereit sind. Wenn wir entschlossen sind, die Zukunft der Welt so zu gestalten, dass sie durch Frieden und Wohlfahrt, durch Solidarität und Würde geprägt sein wird.“
Noch ehe der Begriff der „Nachhaltigkeit” geprägt wurde, stellte Brandt die entscheidende Generationenfrage: „Ist es wirklich so, dass wir unseren Nachkommen einen zerstörten Planeten hinterlassen wollen – mit sich ausdehnenden Wüsten, ausgeplünderten Böden, verschandelten Landschaften, einer kranken Umwelt?“ Er machte sehr deutlich, dass Umweltschutz nicht aus abstrakter Motivation heraus betrieben werden muss, sondern dass es um Menschen und deren Überleben geht: „Es handelt sich nicht nur um gewisse Risiken für die Umwelt, sondern darum, dass unser Planet ohne Rücksicht auf kommende Generationen geplündert wird.“
Welcher (Ex-)Kanzler hat nach Brandt derartig deutlich und pointiert auf die akute Gefahr hingewiesen, in die wir uns mit dem vorherrschenden Entwicklungsmodell bringen? Liebe SPD, bitte Brandt lesen! Und alle anderen auch. Von vorn bis hinten aktuell. Heute ist die globale Polykrise nur viel zugespitzter sowie wissenschaftlich exakter beschrieben und belegt als vor 45 Jahren.
Auch dem ehemaligen SPD-Bundesminister Volker Hauff, der in der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung mitwirkte, die nach der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin auch Brundtland-Kommission genannt wurde und den Diskurs der „nachhaltigen Entwicklung“ weltweit in Gang brachte, sollten wir danken und nachträglich zum 85. Geburtstag gratulieren, den er im ausklingenden Jahr 2025 feierte.
Heute sind wir wieder einmal gezwungen, den Begriff der Nachhaltigkeit zu erklären, da Politiker der konservativen und rechten Lager das Konzept fälschlicherweise als eine zu bekämpfende Anti-Wirtschaftsideologie betrachten. Dabei geht es, wie der Physiker Hans-Peter Dürr es in seinem Aufsatz „Was ist Zukunftsfähigkeit?“ formulierte, um die Erhaltung der Potenziale des Erdsystems, „also seiner Entwicklungsfähigkeit, Vitalität, Produktivität, Elastizität und Robustheit“.
Das ist die große Frage, die derzeitig nicht allein über unserem Land schwebt. In der Rentendiskussion im Bundestag scheint sie implizit auf, aber nur in Bezug auf eine recht einfache finanzielle Dimension: „Was ist Zukunftsfähigkeit?“.
„Zukunftsfähiges Deutschland“ so lautete übrigens der Titel einer Studie, die vor fast genau 30 Jahren vom BUND und Misereor beim Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie in Auftrag gegeben und unter der Leitung von Reinhard Loske veröffentlicht wurde. Auch die „Zukunftsfähigkeit“ ist also schon etwas in die Jahre gekommen. Nun wird es Zeit, sie politisch wirklich ernsthaft anzugehen.
Wie wäre es mit einem „Zukunftsfähigkeitsrat“?
Zu wünschen bleibt, dass sich die jungen Politikerinnen und Politiker des Bundestags beherzter den größten Risiken für die Zukunftsfähigkeit annehmen würden. Dabei geht es um weitaus mehr als unsere Altersversorgung, nämlich um nichts weniger als den Lebensraum der Art Mensch. Es sollte dringend mehr solcher Aufstände der „Jungen“ (und Jungdenkenden) geben. Ältere könnten sich anschließen. Ein größeres Maß an Lebenserfahrung und ein fortgeschrittenes Alter sollten niemanden davon abhalten, verantwortungsvoll und im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltige Politik zu machen.
Theoretisch wäre es eine großartige Idee, für die Gesetzgebung eine dritte Kammer in Form eines parteipolitisch unabhängigen „Zukunftsfähigkeitsrats“ zu schaffen. Die Mitglieder dieses Rats wären verpflichtet, jedes Gesetzesvorhaben ausschließlich aus der Perspektive zukünftiger Generationen zu bewerten. Sie hätten das Recht, kritische Vorhaben mit einem Veto zurückzuweisen. Dass diese Idee aktuell so unrealistisch erscheint, macht sie umso attraktiver.
Zum Schluss noch ein Satz aus Willy Brandts 1979 verfasster Einleitung zum Report „Überleben sichern“: „Die Gestaltung unser aller Zukunft ist zu wichtig, um sie allein Regierungen und Experten zu überlassen.“
Prof. Dr. Pierre Ibisch, Biologe und Professor für Sozialökologie der Waldökosysteme, ist Experte für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.