Dieser Saal aus dem 18. Jahrhundert wurde vor 50 Jahren wiedereröffnet, und eine ehemalige Lehrerin kümmert sich besonders um ihn.
Die Geschichte des Bibliotheksaals in Polling reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, doch vor 50 Jahren begann für ihn nach einer umfangreichen Sanierung und Restaurierung ein neues Kapitel: als Konzertsaal. Dieses Jubiläum wird am Samstag, 27. September, mit einem Festakt und zwei Konzerten gefeiert (Karten unter zuenftick.de).
Das „zweite Leben“ des Saals ab 1975 ist vor allem dem verstorbenen Kinderarzt Dr. Ernst Wittermann aus Weilheim zu verdanken (s. Text unten). Und insbesondere dessen Schwiegertochter Hanne Wittermann, frühere Konrektorin an der Ammerschule in Weilheim, engagiert sich seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2005 dafür, dass der historische Bau auch heute noch von Leben erfüllt ist – vor allem von musikalischem. Im Interview mit der Heimatzeitung sprach die Vorsitzende des „Vereins der Freunde des Pollinger Bibliotheksaal“ über ihre Erfahrungen mit dem besonderen Ort, der ihr Leben maßgeblich geprägt hat und weiter prägt.
Ihrem Schwiegervater war es zu verdanken, dass der Bibliotheksaal 1975 wiedereröffnet werden konnte. Dies ist 50 Jahre her. Wie lange begleiten Sie persönlich den Saal schon?
Ich kenne den Saal wirklich schon seit dieser Zeit. Ich habe 1970 in die Familie Wittermann eingeheiratet und habe so von Anfang mitbekommen, wie der Saal von 1972 bis 1975 saniert und renoviert wurde. Mein Mann und ich haben meinen Schwiegervater immer in Bezug auf den Bibliotheksaal unterstützt. Ich kann mich noch gut an ein Hausmusikkonzert erinnern, das 1973 auf der Baustelle stattfand. Damals habe ich von der Klosterwirtschaft Bierbänke herübergeholt, damit die Zuhörer Sitzgelegenheiten hatten. Während und nach der Sanierung habe ich mich bei Festivitäten darum gekümmert, dass die Besucher verköstigt wurden. Dann kam die Überlegung, eine Theke für die Bewirtung einzubauen. Und die führe ich nun seit 1975 ehrenamtlich. Nach dem eben erwähnten Baustellen-Konzert stand übrigens wegen der guten Akustik des Raums fest: Das wird ein Konzertsaal.
Was bedeutet Ihnen der Saal?
Da gibt es zwei Seiten. Die eine ist das Erlebnis der Konzerte. Jedes von ihnen ist auf seine Weise etwas Besonderes, man hört wunderbare Musik. Zudem lerne ich durch die Veranstaltungen viele Künstler kennen, zum Teil namhafte und sogar weltberühmte. Ich bin auch stolz darauf, dass sich mein Schwiegervater als Kinderarzt auf das Objekt eingelassen hat und sich dafür mit voller Kraft und über lange Zeit engagiert hat. Nach seinem Tod und dem Tod meines Mannes habe ich nicht gezögert und gesagt: „Ich führe den Bibliotheksaal weiter.“ Und da kommt die andere Seite ins Spiel: die große Verantwortung, die ich für das wunderschöne historische Gebäude trage, das ständig gepflegt werden muss. Mein Privatleben richtet sich stark nach dem Saal.
Sie haben jetzt gerade die Pflege des Saals angesprochen. Wie kann für dessen Erhaltung gesorgt werden?
Für die Mittel, um den Bibliotheksaal zu erhalten, sorgt der Verein selbst. Das geschieht zum Teil durch ehrenamtliche Arbeit, zum Beispiel wenn ich Führungen veranstalte. Das mache etwa 50- bis 60-mal im Jahr, und zwar auf Spendenbasis. Weitere Einnahmen gibt es durch die Vermietung des Saals für Veranstaltungen und CD-Einspielungen. Außerdem bekommen wir jährlich 3000 Euro vom Rotary Club Weilheim. Unser Verein hat auch Rücklagen, aber mein Ziel ist es, diese nicht anzugreifen. Man schaut daher, dass man sparsam ist. Kosten fallen aber immer wieder an, zum Beispiel sind allein für die regelmäßige Generalüberholung des Konzertflügels 7000 bis 8000 Euro nötig.
Der Saal ist für Veranstaltungen gefragt, aber etwa bei solchen der Konzertdirektion Hörtnagel aus München kommt größtenteils älteres Publikum. Macht Ihnen das Sorgen?
Das ist eine schwierige Frage. Dass junge Menschen nicht so häufig in die Konzerte kommen, liegt vielleicht auch daran, dass sie berufstätig sind, Kinder haben, die gehütet werden müssen, und dass die Eintrittspreise bei Hörtnagel deutlich gestiegen sind. Bei den Veranstaltungen mit Harald Lesch hatten wir aber heuer dreimal ein volles Haus. Lesch ist ein Magnet, sein Programm sprach Jung und Alt an. Ob junges Publikum kommt, hängt also auch von dem ab, was geboten wird. Was sehr gut angenommen wird, auch von jungen Menschen, sind die „Podium Musicale“-Konzerte mit jungen Künstlern bei uns in Polling. Sie finden zu einer guten Zeit – sonntags ab 11 Uhr – statt und der Eintritt ist auf Spendenbasis. Weil diese Veranstaltungen so gut besucht sind, nehmen wir vermutlich mehr Geld ein, als wenn wir Karten für sie verkaufen würden und der Saal dann aber nur halb voll wäre. Was übrigens ebenfalls sehr gut ankommt, sind die Volksmusikkonzerte, mit denen wir die ländliche Bevölkerung stark ansprechen.
Haben Sie Pläne oder Wünsche für den Saal?
Ich wünsche mir, dass die Zukunft des Saals, in dem ich in den vergangenen 50 Jahren jedes Konzert miterlebt habe, gesichert ist. Und daran, das kann ich jetzt schon sagen, wird auch gearbeitet. Ein Plan für das Gebäude selbst ist es, einen behindertengerechten Zugang zu schaffen. Das soll über einen Aufzug an der Fassade geschehen. Die Planungen dafür laufen ebenfalls bereits.
Was war bislang Ihr schönstes Erlebnis im Zusammenhang mit dem Saal?
Ich kann da eigentlich nichts herausheben, denn das würde ja alles andere in seiner Bedeutung schmälern. Aber das größte Event im Saal war, als 2020 ein Auftritt von Opernsänger Jonas Kaufmann direkt in die Metropolitan-Opera in New York übertragen wurde. Für dieses Projekt wurden unter anderem alle Stühle aus dem Saal geholt, die Fenster abgedunkelt, spezielle Lichtleisten montiert. Es wurde eine eigene Bühne mitten im Saal gebaut, die dann vor Ort auch noch lackiert wurde. Sogar Stromgeneratoren für eventuelle Stromausfälle wurden herbeigeschafft. Das war insgesamt eine große Herausforderung und mit viel Stress verbunden. Ehrlich gesagt: Ich würde es nicht nochmal machen.
Fragen: Stephanie Uehlein
Von der Klosterbibliothek zum Konzertsaal von Weltrang
Bücher aus möglichst allen Wissensbereichen zu erwerben, im In- und Ausland, das gehörte lange zum Selbstverständnis des Klosters Polling. So war der Bestand der Bibliothek Mitte des 18. Jahrhunderts auf rund 80 000 Bände angewachsen, und Probst Franziskus Töpsl ließ von 1776 bis 1779, im späten Rokoko, den prächtigen Bibliotheksaal errichten – als letzten Höhepunkt einer tausendjährigen Klostertradition. Baumeister Matthäus Bader erlebte die Vollendung seines Werkes nicht mehr, fertiggestellt wurde das Werk von seinem Sohn Franz Joseph; Thassilo Zöpf fertigte die kunstvollen Stuckaturen, und der Maler Johann Baptist Baader, bekannt als „Lechhansl“, schuf hier mit den Deckengemälden und Türbemalungen sein großes Spätwerk.
Doch nur 24 Jahre nach Fertigstellung des Baus wurde die Klosterbibliothek mit der Säkularisation im Jahr 1803 aufgelöst. Die kostbarsten Bücher, rund 25 000 Stück, wurden in die kurfürstliche Hofbibliothek (die heutige Bayerische Staatsbibliothek) in München gebracht, der Großteil der Bestände jedoch zentnerweise an eine Papiermühle verkauft. 1814 erwarb der Ökonom Josef Anton Streicher das Bibliotheksgebäude, das dann mehr als 150 Jahre lang als Lager, unter anderem für Gemälde und Archivarien, diente.
Erst 1970 wurde der Bibliotheksaal wiederentdeckt, im Jahr darauf gründete der Weilheimer Kinderarzt Dr. Ernst Wittermann den „Verein der Freunde des Pollinger Bibliotheksaals“, der eine aufwändige Restaurierung in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege startete. Angesichts deren beeindruckenden Ergebnisses übereignete Eigentümer Adolf Streicher danach den gesamten Bibliothekstrakt dem Verein als Schenkung. Am 27. September 1975 wurde der renovierte Bibliotheksaal feierlich eingeweiht – mit einem Konzert des „Münchner Kammerorchesters“.
Seither dient der Bibliotheksaal wegen seiner exzellenten Akustik – die 1973 im Rahmen eines Konzerts auf der Baustelle eher zufällig entdeckt wurde (s. Interview oben) – als Konzert-Ort. Georg Hörtnagel, Gründer der renommierten Münchner Konzertdirektion Hörtnagel, war auf Anhieb begeistert von diesem Raum und etablierte dort hochkarätige Klassikreihen. Er holte Weltstars wie Karl Richter, Martha Argerich, Friedrich Gulda, Hermann Prey, Barbara Hendricks, Yehudi Menuhin oder Maurizio Pollini nach Polling – und praktisch alle bedeutenden Klaviertrios und Streichquartette der Klassikwelt. „Manche Musiker“, bekannte Hörtnagel vor Jahren in einem Interview unserer Zeitung, „musste ich regelrecht erpressen, indem ich sagte: Ihr bekommt euer Engagement in München nur, wenn ihr zusätzlich auch für ein kleines Honorar in Polling spielt“.
Bereut hat es wohl keiner der prominenten Gäste. Im Gegenteil: Praktisch alle zeigen sich begeistert von der Akustik und Atmosphäre des knapp 400 Besucher fassenden Bibliotheksaals – und auch vom Ort Polling. Viele junge Musiker machten hier ihre ersten Schritte in ein höchst erfolgreiches Künstlerleben, etwa die Geigerinnen Julia Fischer und Arabella Steinbacher. Auch für Ton- und Filmaufnahmen ist der Bibliotheksaal geschätzt. Startenor Jonas Kaufmann gab hier 2020 ein Livestream-Konzert für New Yorks Metropolitan Opera; Geigerin Anne-Sophie Mutter ist eine von vielen Größen, die hier CDs einspielten.
Auch nach dem Tod des Gründers im Jahr 2020 gehen die hochklassigen Konzerte der Direktion Hörtnagel in Polling weiter, wenngleich inzwischen von einst drei Reihen auf einen Zyklus mit sechs Konzerten im Jahr reduziert (plus Advents- und Neujahrskonzert). Dafür gesellten sich weitere Veranstalter und Konzertreihen hinzu. Bereits seit 2009 bietet das „Podium Musicale“ hier mehrmals jährlich exquisiten jungen Profi-Musikern eine Bühne: mit sonntäglichen „Matineen um elf“. Nicht minder beliebt ist die Reihe „Volksmusik im Bibliotheksaal“, die der weitum bekannte Weilheimer Musiker und Komponist Karl Edelmann betreut. Auch die Konzertreihe „Musik im Pfaffenwinkel“, das junge „Polliphonic“-Festival und weitere Anbieter nutzen den Bibliotheksaal regelmäßig. Und beweisen immer wieder aufs Neue, wie wahr jener „Slogan“ ist, mit dem der all das ermöglichende Verein sein Juwel bewirbt: „Der Bibliotheksaal Polling – ein Fest für Aug‘ und Ohr“. Magnus Reitinger