Eine herbe Anklage – Berühmter Fernsehstar und Astrophysiker würde sich am liebsten die Haare raufen

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Am Sonntag wurde Harald Lesch (r.) von Martin Walch (l.) musikalisch begleitet. © oliv

Ein Wochenende im Wechselbad der Gefühle: Zuerst walzerselige Musikfreuden, dann die „moralische Keule“ des Papstes Franziskus. „Leschs Merlin-Festival“, ein Hybrid aus Lesung, Interpretation und Konzert, fesselte in Polling mit Recht und Wucht, mit Klang und Tiefsinn, mit Humor und Kritik Hunderte von Besuchern.

„Alles ist miteinander verbunden und niemand rettet sich allein.“ Wort des Papstes Franziskus 2023. Ein Wort, mit dem sich der wohl bekannteste deutsche TV-Astrophysiker und Münchner Wissenschaftsphilosoph Harald Lesch gemein machte. Das Finale furioso des dreitägigen Festivals war die konzertante Uraufführung des Papsterbes mit dem Violinisten Martin Walch am Sonntag im Bibliothekssaal.

Franziskus‘ Klimabrief sorgte für Schock

Der Klimabrief des im April 2025 verstorbenen Kirchenoberhaupts sorgte noch zu Lebzeiten Franziskus‘ für einen Schock. Es war eine herbe Anklage und eine absolute, wenn auch diplomatisch formulierte Entrüstung über die Ausbeutung der Welt. Es war auch eine unmissverständliche Aufforderung vor allem an die reichen Länder und Machthaber, sofort und gründlich das zu tun, was man der Schöpfung schuldig ist.

Das „Laudate Deum“ ist gespickt mit wissenschaftlichen und äußerst unbequemen Erkenntnissen zum Klimawandel. „Wie konnten wir vergessen, dass ein kleiner Prozentsatz von Reichen die Umwelt mehr verschmutzt als 50 Prozent der ärmsten Weltbevölkerung?“, schleuderte der Papst der Wohlstandsbevölkerung entgegen. Nach Jahrzehnten von Profitoptimierung durch die Wirtschaftsmächte, nach Anmaßung und „fehlgeleitetem Verständnis für menschliches Handeln und der Idee unbegrenzten Wachstums“, nach „200 Jahren ungezügeltem Eingriff des Menschen in die Natur“ solle man nun auf die Auswirkungen des Fortschrittes achten und „Verantwortung für das Erbe übernehmen, das wir hinterlassen“. Insbesondere prangerte der Papst die Länder an, die „nationale Interessen über das globale Allgemeinwohl“ stellen und mit Ablenkungsmanövern und kleinen Ausbesserungen agieren – Manipulationsversuche inklusive.

Am Samstagabend sorgte das „Merlin Ensemble Wien“ für die Musik im Bibliotheksaal in Polling bei „Leschs Merlin-Festival“.
Am Samstagabend sorgte das „Merlin Ensemble Wien“ für die Musik im Bibliotheksaal in Polling bei „Leschs Merlin-Festival“. © Oliv

Harald Lesch musste diese Sätze nicht dramatisch vortragen, sie bergen Drama genug. Im Gegenteil: Er steuerte der Textversion von Hermann Beil mit der Lässigkeit eines souveränen Moderators kleine Lockerungsübungen und Ermutigungen bei. „Wir haben wenig Vertrauen in das, was wir mal konnten. Es gab mal so etwas wie eine soziale Marktwirtschaft.“ Statt einer Kultur der Possibilisten, der Möglichkeiten und Möglichmacher, konstatierte er emotionale Verwerfungen und die daraus resultierenden Wahleffekte. „Wenn ich noch welche hätte, würde ich mir die Haare raufen“, so Lesch unter Applaus. Seine Gleichung lautet: Resignation ist Luxus und Pessimismus ist Zeitverschwendung. Er erinnerte auch mit kleinem Seitenhieb auf die USA daran: „Die Natur ist kein Parteimitglied. Vielleicht sollte man eine Partei gründen: die Erde zuerst.“

Seitenhieb auf die USA

Dieser Gottes- und Erdendienst am Sonntagvormittag wurde von Martin Walch an der Geige mit Bach und Bartok, mit Leidenschaft, Lichtblicken und einer fast quälenden Intensität gestaltet. Ganz anders agierte der Leiter des Merlin Ensembles Wien am Vorabend mit seinen vier Musiker-Kollegen – wenn auch die Botschaft eine ähnliche war. Mit einer Hommage an Johann Strauss Sohn und das Wien der vorletzten Jahrhundertwende intonierte er: „Mehr Walzer braucht die Welt“ – auch im Sinne einer Völkerverständigung. Und so kam beispielsweise der Kaiserwalzer nicht als Machtanspruch rüber, sondern als das, was er – auch – einmal sein sollte: als Zeichen einer feinfühligen Verbundenheit. Vor allem die lyrischen Finessen, die Kontraste und die zarte Leichtigkeit der Melodienbögen hatte Pianist Till A. Körber in seiner Bearbeitung zusammen mit Ingrid Friedrich (Violone), Mechtild Sommer (Viola) und Luis Zorita (Violoncello) herausgearbeitet. Zusammen mit Conferencier Lesch wurde daraus eine erste, beflügelnde Hälfte des Samstagabends.

Nach der Pause warteten Walch, Zorita und Köber mit ihren Instrumentalversionen italienischer Opernarien und Lieder auf. Die ganze Bandbreite des Dramas und der Feinheiten der Widersprüche in eine Puccini-Arie ohne Worte gepackt, das muss man erst einmal schaffen. Vielleicht gelang das, weil das Ensemble auch hier unter den Vorzeichen spielte, eine Botschaft an alle Menschen zu schicken, auch ihre Randgruppen (so wie in mancher Oper) zu berücksichtigen. Der tosende Erfolg und die ausverkauften Ränge ließen hoffen. Für das schon 2024 erprobte Format „Die Vier Jahreszeiten und der Klimawandel“ am Freitag waren die Karten schon ohnehin weit im Vorfeld vergriffen. Fazit: Leschs Merlin Festival hat sich quasi als Brot und Spiele gegen den Klimawandel etabliert – und soll nächstes Jahr weitergeführt werden.

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