Dorfen - Dorfener Filmemacher verwirklichen ihre Idee über Crowdfounding. Es fehlen noch 3000 von den insgesamt 12 000 Euro.
Drei Filmemacher aus Dorfen drehen derzeit einen Dokumentarfilm über das Jugendzentrum in der Jahnstraße. Dabei stehen viele Zeitzeugen vor der Kamera, die hier in den vergangen 50 Jahren ein- und aus gegangen sind. Das „autonome Jugge“ habe sich nicht nur als Freizeittreff etabliert, es wurde immer wieder zum „Zentrum politischer Kämpfe“, so Regisseurin Carina Bethmann (34). Das Team interviewte deshalb auch einen ehemaligen Neonazi, mitverantwortlich 2004 für die NPD-Aufmärsche in der Isenstadt. Die Heimatzeitung war letzten Dienstag beim Dreh dabei.
Gegen den Strom der Konservativen
„Das Jugendzentrum war mein zweites Zuhause“, sagt Mona Schilbach. Die heute 41-jährige Dorfenerin war mehrere Jahre im Vorstand der Einrichtung. Später habe sie das JZ sozusagen gerettet, erfahren die Zuschauer. Auf ihre Initiative wurde die Gemeinnützigkeit beantragt, wodurch das Finanzamt dem Verein Steuerschulden von insgesamt 24 000 Euro erlassen hatte.
Der Beitrag von Barbara Lohmeier-Opper ist längst abgedreht. Die Brauerei z’Loh liefert seit jeher die Getränke für die vielen Feste, die hier im Laufe der Jahre gefeiert wurden. Oft liefen hohe Schulden auf, ihr Vater hätte den jungen Leuten allerdings nie den Bierhahn zugedreht, erzählt die Braumeisterin. Schließlich konnten seitens des Vorstands früher oder später alle Außenstände stets beglichen werden. Auch beim Bräu z’Loh würde man nicht einknicken, vergleicht sie die beiden Dorfener Institutionen miteinander. „Wir schwimmen gegen den Strom der großen Brauereien, das Jugge gegen den Strom der konservativen Kleinstadt.“
Es habe Tradition, sich jedes Jahr am Heiligen Abend nach dem Familienfest im Jugge zu treffen, erzählt Bethmann, die in Dorfen lebt und derzeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert. Pascal Segiet (32), der seinen Abschluss an der Film- und Fernsehproduktion in Babelsberg macht, war ebenfalls an Weihnachten zuhause. Gemeinsam hatten sie die Idee, die Doku „Jugend ohne Kontrolle“ anlässlich des Jubiläums in Szene zu setzen. Schließlich sei das JZ eines der letzten seiner Art in der „bayrischen Provinz“, fügt Kameramann David Olbrich (34) an, der mittlerweile in München lebt und fürs Fernsehen arbeitet. Ziel sei es, die jeweilige Jugendkultur aus 50 Jahren zu erfassen.
In den 1970er Jahren hatte der Protest der Studentenbewegung und das damit aufgekommene neue Lebensgefühl auch im ländlichen Dorfen viele junge Leute erfasst, die infolge am 27. April 1974 das Jugendzentrum eröffneten. Damals sahen Politik, Klerus und konservatives Bürgertum „marxistische Tendenzen“ bei den „Langhaarigen“. Bis heute positioniere sich das linke Jugendzentrum gegen „Rechts“, so Olbrich, der zudem seinen Kollegen Matthias Obermeier aus München mit ins Boot holen konnte.
Premiere im S‘Kino
Durch die inhaltliche Auseinandersetzung und das Führen von langen Gesprächen mit den Protagonistinnen werden Geschichten erzählt, die sonst unentdeckt bleiben würden. Etwa die eines Nazi-Aussteigers, der mit 16 Jahren gemeinsam mit anderen Skinheads gegen das Jugendzentrum agiert hatte. Die Neonazis bauten 2004 einen Infostand in der Innenstadt auf, den die Jugge-Jugend daraufhin umwarf. Jetzt gab es Rabatz: Die NPD veranstaltete an vielen Samstagen Demonstrationen mit der Forderung, das Jugendzentrum zu schließen. Nun solidarisierten sich aber die Dorfener Bürger und organisierten so lange Gegendemonstrationen, bis die NPD aufgab. „Er sei damals sehr jung gewesen, in die Szene reingerutscht“, gibt dieser als Grund an.
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Es sei ruhiger geworden um das JZ, erklärte Bürgermeister Heinz Grundner im Interview. Er selbst war nie im Jugge, doch für Dorfen sei es gut, dass es diesen Treffpunkt gebe. „Auch wenn die Jugend mal aneckt, man lernt schließlich daraus“, soll der Stadtchef auf Nachfrage vor laufender Kamera gesagt haben.
Filmemachen ist teuer, 12 000 Euro braucht die Crew für Equipment, Fahrtkosten und die Postproduktion. Die drei Filmemacher aus Dorfen wollen ihr Projekt über Crowdfunding finanzieren. 9 200 Euro kamen bei Stratnext schon zusammen. Alle Unterstützer können spätestens Mitte 2025 den Film vorab bei einer nicht öffentlichen Premiere im Dorfener Kino sehen, verspricht Bethmann. Der Streifen soll bei Festivals eingereicht werden, auch der Bayrische Rundfunk will den Rohschnitt sehen, sagt Bethmann - erst danach kann ihn dann die breite Öffentlichkeit, etwa auf YouTube sehen.
Infos
unter www.startnext.com/jugend-ohne-kontrolle