Sie ist eine der wenigen Barberinnen Deutschlands: Friseurmeisterin Vanessa Hermann aus Wangen „liebt und lebt“ das Barbier-Handwerk und hat sich große Ziele gesetzt. Als eine von 20 Teilnehmern des deutschen Nationalteams der CAT-Germany (Artistic Confederation and Technique of Coiffure) will sie in London im Rahmen der internationalen Messe „Salon International“ den Weltmeister-Titel im Herrenfach holen.
Wangen/London - Das präzise Arbeiten hat es der „perfektionistisch angehauchten“ Barberin besonders angetan: Nachdem sie ihre Ausbildung in einem Unisex-Salon absolvierte, hat Hermann 2016 mit gerade einmal 22 Jahren ihre Meisterprüfung abgelegt. In ihrem Beruf gehe es für sie um mehr als „nur mal schnell frisieren“. „Ich habe gemerkt, dass da noch viel mehr drin ist und mich auf das spezialisiert, was ich lieb‘ und leb‘“, sagt die 31-Jährige. 2018 eröffnete sie ihren eigenen, exklusiven Barbershop „Die Barberie“ in Wangen – und wurde zunächst mit viel Gegenwind konfrontiert.
„Man warf mir vor, als Frau nur Männer zu frisieren“, so Hermann. Davon ließ sich die ambitionierte Barberin aber nicht unterkriegen. Im Gegenteil: „Da dachte ich mir: ‚Jetzt erst recht!‘, weil ich davon überzeugt war, dass hier viel Potenzial drinsteckt – es geht eben nicht um Diskriminierung, sondern Spezialisierung“. Darin, sich in einem bestimmten Fach eine Expertise anzueignen, sieht die Friseurmeisterin auch den „richtigen Weg für den Friseurberuf“.
Trotz aller Herausforderungen hielt Hermann an ihrer Vision fest, baute sich ein verlässliches, „richtig cooles Team“ auf – und das Konzept funktionierte: Die Kunden kamen, gaben positives Feedback, Termine waren wochenlang ausgebucht. Dass es um mehr geht als „nur ein bisschen Haare schneiden“, sei nicht zuletzt an der „Verwandlung“ der Kunden spürbar, die „mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein“ aus dem Salon gingen. Auch für das Team sei das Barber-Handwerk nicht nur Arbeit, sondern Erfüllung und Raum zur Entfaltung: „Zu sehen, was mit der eigenen Kreativität möglich ist, wie man durch eigene Hand eine neue Facette des Menschen ans Licht holt, ist ein unbeschreibliches Gefühl“, so die Barberin über ihre Passion.
„Wir stellen uns dabei individuell auf den Menschen ein, jeder Haarschnitt ist personalisiert und muss für den Kunden passen. Die Männer legen heute viel Wert auf eine schöne Frisur, ein gepflegtes Aussehen, und sind dafür bereit, auch mehr auszugeben.“ Zu ihrem Repertoire zählt neben Haarschnitten in allen Variationen und Bartpflege auch Augenbrauen zupfen und formen mit der Fadentechnik.
Mit dem deutschen Nationalteam auf die Insel
Dass sie jetzt gemeinsam mit dem CAT-Nationalteam nach London reist und für Deutschland das Herrenfach vertritt, kam für die Friseurmeisterin überraschend. Nach einem Bühnenauftritt auf der Friseurmesse in Saarbrücken wurde sie auf eine Teilnahme an der WM angesprochen, daraufhin zum Casting nach Berlin eingeladen – und bestand mit Bravour. Von ihrem Umfeld habe sie viel Unterstützung erfahren. „Der Anspruch an mich ist riesig, die Konkurrenz in diesem Jahr besonders groß“, sagt Hermann, deren Spezialität der „Razor Low Fade“ ist.
Für ihren Auftritt am morgigen Sonntag, 12. Oktober, hat sie sich vorgenommen: „Ich will mich ganz auf mein Model fokussieren, Gas geben und den Titel der Weltmeisterin im Fade Cut nach Wangen holen!“ Bei allem Wetteifer stehe aber genauso der Community-Gedanke im Vordergrund: „Es geht um Austausch und Begegnung, um Perspektivwechsel und auch darum, zu wachsen und für Neues offen zu bleiben“, sagt die 31-Jährige.
Die CAT-Germany ist der älteste deutsche Friseurverband und ein bundesweiter Zusammenschluss von Friseurinnen und Friseuren. Sie ist Teil des Friseur-Weltverbandes CMC. Das CMC World Festival findet vom 11. bis 13. Oktober statt.
Barbershops in Deutschland in der Kritik
Zuletzt wurden bundesweit viele Barbershops kontrolliert und gerieten aufgrund von Hygiene-Problemen, Dumpingpreisen oder Inhabern, die ohne Meisterbrief arbeiteten, in die Kritik. Vanessa Hermann bedauert das: „Das verleiht den Barbershops ein schlechtes Image und ist schade fürs Handwerk. Es ist elementar wichtig, Standards einzuhalten und eine entsprechende Friseurausbildung als Basis zu haben, um langfristig wachsen zu können. Die Fähigkeiten dafür lernt man nicht über Youtube-Videos“, stellt die Barberin klar und bricht mit ihrem Beispiel eine Lanze für den Friseurberuf. „Wir leben unser Handwerk und halten das Qualitätsversprechen, das wir unseren Kunden geben.“
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