Seit dem Schuljahr 2024/2025 gibt es an bayerischen Schulen die "Verfassungs-Viertelstunde": 15 Minuten pro Woche sollen Schüler über das Grundgesetz und die Bayerische Verfassung diskutieren. Eine pädagogische Innovation, die schnell Gegenwind bekam: Demokratie lässt sich doch nicht in eine Viertelstunde zwängen.
Andererseits sind 15 Minuten für die demokratische Meinungsbildung besser als nichts. Denn die demokratische Debattenkultur in Deutschland geht zunehmend vor die Hunde. Um das zu sehen, muss man nicht J. D. Vance heißen.
Denn wenn Menschen sich dank sozialer Medien zunehmend in Meinungs-Blasen aufhalten, geht der zivilisierte Umgang mit Andersdenkenden verloren: hier die kompromisslose Verteidigung der Brandmauer, dort ein beleidigtes "Man wird ja wohl noch sagen dürfen...". Und dazwischen? Ein erschreckend tiefer Graben.
"Die 100": Endlich eine ARD-Show für den Bildungsauftrag
Angesichts der wachsenden kommunikativen Demokratielücke ist die ARD mit ihrer Debatten-Show "Die 100" so etwas wie eine deutschlandweite Ergänzung zur Verfassungs-Viertelstunde: 60 Minuten geballte Nachhilfe in Diskussionskultur. Damit kommt der öffentlich-rechtliche Sender endlich seinem Bildungsauftrag nach.
"Werden wir gut regiert?" So lautet die Ausgangsfrage an "Die 100". Die spontane Antwort der einhundert geladenen Show-Gäste zu Beginn der Sendung sollte der schwarz-roten Koalition zu denken geben: 76 Prozent fühlen sich schlecht regiert von Kanzler Friedrich Merz und seiner Koalition. Lässt sich das ändern binnen 60 Minuten?
Stimmungskanone und Spaßverderber als Moderatoren
ARD-Journalistin Anna Planken gibt an diesem Abend die Stimmungskanone, der Kollege Till Nassif den Spaßverderber. Während sie Deutschlands Wirtschafts- und Forschungslandschaft feiert und das 500-Milliarden-Euro-Wummspaket lobt, bringt er die Kritik vieler Wirtschaftsweiser, die Insolvenzen in Deutschland und die rekordverdächtig teuren Schoko-Nikoläuse ins Spiel.
Es geht um Flüchtlingszahlen, um streitende Koalitionsparteien, um Wohlstandsängste, Stadtbild-Problematik, Rente, Wohnungsnot und die typisch deutsche Mutlosigkeit. Doch zugleich geht es um sehr viel mehr: um Pro und Contra und all den Tönen dazwischen. Denn im Leben ist – außer den Farben Schwarz und Weiß – eigentlich nichts nur schwarz oder weiß.
Kleiner Makel: Abweichende Meinungen gibt es nicht
Was wir bei der ARD-Show vorgeführt bekommen, ist das kleine ABC der Kommunikation: einander zuhören. Einander ausreden lassen. Andersdenkende nicht diffamieren. Sich in Verständnis üben, anstatt zwanghaft überzeugen zu wollen. All das also, was einst schlicht als gute Kinderstube galt.
Viel mehr als Kommunikationsunterricht auf Grundschulniveau traut die ARD ihrem Publikum offenbar auch nicht zu. Unter den befragten Gästen ist niemand, der tatsächlich durch eine stark vom Mainstream abweichende Meinung auffällt. Zu groß war wohl die Sorge, dass ausgerechnet eine Debatten-Show aus dem Ruder läuft und damit endet, dass entfesselte Wutbürger einander anschreien.
Zwei von hundert ändern ihre Meinung
Am Ende finden weiterhin 74 Prozent der ARD-Gäste, dass sie aktuell nicht gut regiert werden: Zwei von 100 haben offenbar tatsächlich auf Basis der Argumentationen ihre Meinung geändert. Oder sich einfach verirrt auf dem Spielfeld. Aber das ist tatsächlich Nebensache. Sehr viel wichtiger ist, dass darüber geredet wurde – und wie.