Zugewanderte seltener kriminell? Ein Effekt beschönigt die neuen BKA-Zahlen

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat das Lagebild "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung" für das Jahr 2024 veröffentlicht. Demnach gab es im vergangenen Jahr 172.203 tatverdächtige Zuwanderer. Das entspricht einem Rückgang von 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Rückgang tatverdächtiger Zuwanderer ist statistischer Effekt

Die zwei Jahre lassen sich aber nur eingeschränkt miteinander vergleichen: Im vergangenen Jahr trat die Cannabis-Teillegalisierung in Kraft. Viele Delikte, die im Zusammenhang mit der Droge standen, gab es ab April des vergangenen Jahres schlichtweg nicht mehr. Laut BKA hat das "maßgeblich" zu dem Rückgang tatverdächtiger Zuwanderer beigetragen.

Auch eine andere Zahl relativiert den Rückgang: 2023 lag der Anteil von Zuwanderern an allen Tatverdächtigen in Deutschland bei 8,9 Prozent – im vergangenen Jahr nur geringfügig niedriger bei 8,8 Prozent.

Die fünf wichtigsten Erkenntnisse aus dem Lagebild:

1. Zuwanderer aus manchen Staaten stark überrepräsentiert

Die Statistik des BKA vergleicht den Anteil von Flüchtlingen aus einem bestimmten Staat mit dem Anteil der Zuwanderer von dort unter den Tatverdächtigen. So kann ermittelt werden, welche Flüchtlingsgruppen verhältnismäßig oft tatverdächtig sind.

Wie schon im Lagebild für 2023 sind vor allem Algerier, Marokkaner, Georgier, Tunesier und Nigerianer stark überrepräsentiert. Zum Beispiel machen algerische Staatsangehörige in Deutschland nur 0,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus. Ihr Anteil an allen zugewanderten Tatverdächtigen liegt aber deutlich höher bei 3,6 Prozent.

Bei den Zuwanderern, die in Deutschland die größten Gruppen bilden, gibt es nur geringfügige Abweichungen. So machen syrische Flüchtlinge 20,5 Prozent aller Zuwanderer in Deutschland aus, in der Tatverdächtigen-Statistik mit 21,2 Prozent nur etwas mehr. Bei Afghanen sind es 10,6 Prozent Anteil an allen Zuwanderern und mit 10,3 Prozent etwas weniger Anteil an den Tatverdächtigen.

Aus der Reihe fallen die ukrainischen Geflüchteten: Sie machen in Deutschland 35,7 Prozent der Zuwanderer aus. In der Tatverdächtigen-Statistik sind sie mit 12,8 Prozent aber stark unterrepräsentiert. Sie werden im Vergleich zu anderen Flüchtlingen also deutlich weniger kriminell.

2. Starke Auffälligkeiten bei einzelnen Delikten

Differenziert man nach bestimmten Delikten, ergeben sich bei manchen Gruppen starke Auffälligkeiten – auch bei Flüchtlingen aus Staaten, die in der allgemeinen Statistik nicht auffällig sind. Wie die „Bild“ berechnet hat, gibt es bei Gewaltdelikten 163 deutsche Tatverdächtige pro 100.000 Einwohner. Bei Syrern sind es 1740 und bei Afghanen 1722 pro 100.000 Einwohner. Das ist jeweils mehr als das Zehnfache.

Auch andere Zahlen stechen heraus: Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 0,4 Prozent aller afghanischen Zuwanderer zu Tatverdächtigen. Das klingt zwar nach einer niedrigen Zahl, ist aber deutlich mehr als zum Beispiel bei türkischen Zuwanderern und in der Gesamtbevölkerung.

Die türkischen Zuwanderer stechen hingegen bei Vermögens- und Fälschungsdelikten heraus. Zwei Prozent der gesamten Gruppe wurden 2024 tatverdächtig, mehr als zum Beispiel Syrer oder Afghanen.

3. Manche Gruppen werden besonders häufig mehrfach verdächtigt

Für die Gesamtbevölkerung gilt: 2024 wurde etwas mehr als ein Viertel der Tatverdächtigen mehrfach verdächtigt. Bei Zuwanderern liegt der Wert mit 31,8 Prozent etwas höher.

Es gibt aber Flüchtlingsgruppen, die besonders hohe Werte aufweisen: Rund 63 Prozent der verdächtigten Algerier wurden mehrfach auffällig. Auch bei Marokkanern, Tunesiern und Libyern ist der Anteil größer als die Hälfte. Die Maghreb-Staaten sind in Kriminalitätsstatistiken immer wieder besonders auffällig.

Die zugewanderten Tatverdächtigen begehen vor allem Diebstahl und Rauschgiftdelikte mehrfach – und auch häufiger als deutsche Mehrfach-Tatverdächtige.

4. Viele Straftaten bei Zuwanderern untereinander

2024 gab es 118.802 Straftaten mit tatverdächtigen Zuwanderern. In 47 Prozent der Fälle waren die Opfer deutsche Staatsangehörige. In etwas mehr als einem Drittel der Fälle waren die Opfer ebenfalls Zuwanderer. In Bezug auf die jeweilige Größe der Gruppen ist das ein sehr hoher Wert. Die Zahl der zugewanderten Opfer lag bei 41.031 und damit 6,4 Prozent höher als 2023.

Flüchtlinge begehen viele Straftaten also im eigenen Milieu. Das zeigt sich auch an den Tatorten bei diesen Fällen: Knapp ein Viertel der Straftaten mit Zuwanderern als Opfer findet in der Wohnung statt, jede fünfte in Asylbewerberunterkünften und Aufnahmeeinrichtungen.

5. Die Organisierte Kriminalität steigt deutlich

Im Bereich der sogenannten Organisierten Kriminalität – also zum Beispiel Clans – ist die Zahl der Tatverdächtigen um knapp zehn Prozent auf 912 gestiegen. Dabei stechen vor allem zwei Nationalitäten heraus: Libanesen und Albaner. Bei ihnen ist der Anteil der Tatverdächtigen in Zusammenhang mit Organisierter Kriminalität an der jeweiligen Zuwanderer-Gruppe am höchsten. Bei der absoluten Zahl der Tatverdächtigen liegen hingegen die Syrer vorn: Bei ihnen waren es im vergangenen Jahr 236, das macht rund ein Viertel aller Verdächtigen in diesem Bereich aus.

Bei den Gruppierungen wie Clans waren die meisten im Bereich der Rauschgiftkriminalität tätig. Dieses Feld wurde vor allem von albanischen Gruppen dominiert. Die syrischen Gruppen waren vor allem im Bereich der Schleuserkriminalität unterwegs.

Streit über Aussagekraft der Kriminalitätsstatistik

Seit Jahren gibt es unter Experten Diskussionen darüber, wie aussagekräftig solche Statistiken sind. Die wichtigste Einschränkung: Es geht bei den Zahlen um Tatverdächtige – auf der einen Seite werden nicht alle rechtskräftig verurteilt, auf der anderen Seite werden nicht alle Delikte angezeigt. Es lässt sich also nur bedingt auf die tatsächlichen Fallzahlen schließen.

Allgemein ist umstritten, ob es einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Kriminalität gibt. Teilweise gibt es statistische Effekte, die die Ausländerkriminalität höher erscheinen lassen. So flüchten überdurchschnittlich viele junge Männer nach Deutschland. Junge Männer, auch deutsche, werden generell eher straffällig als etwa Frauen. Allerdings zeigen sich teilweise auch dann höhere Kriminalitätsraten, wenn man diesen Faktor herausrechnet.

Auch über die Ursachen der Überrepräsentation von Ausländern in den Statistiken scheiden sich die Geister: Manche Experten argumentieren, dass vor allem die schlechten sozialen Bedingungen, in denen viele Ausländer und vor allem Flüchtlinge in Deutschland leben, ein Risikofaktor für Kriminalität sind. Andere Experten verweisen auf kulturelle Ursachen, wie etwa patriarchale Strukturen in einigen muslimisch geprägten Ländern.