„Karlsfeld bekommt drei Minus in Inklusion“

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Möchten etwas bewegen: die drei Behindertenbeauftragten der Gemeinde Karlsfeld, Johann Willibald, Andrea Dommert und Sabine Leitl (von links). © vm

Die drei Behindertenbeauftragten der Gemeinde Karlsfeld sprechen im Interview mit den Dachauer Nachrichten über ihre Motivation und Ärgernisse.

In Karlsfeld gibt es seit Juni einen dreifachen Einsatz für Menschen mit Behinderung. Die Gemeinde bestellte nämlich, wie berichtet, drei Behindertenbeauftragte für das Ehrenamt ein. Im Interview erklären Johann Willibald (67), Andrea Dommert (40) und Sabine Leitl (59), warum sich die Gemeinde keine Leihräder und E-Scooter anschaffen soll, berichten darüber, wie eine Schulanmeldung zur Tortur wird und was sie in ihrer Amtszeit in ihrem Ort bewegen wollen.

Wie würden Sie die Inklusion in der Gemeinde Karlsfeld benoten?

Johann Willibald: Aus dem Stegreif würde ich eine drei bis vier geben. Besser benoten kann ich die Gemeinde nicht. Einige Sachen gehen aber im Endeffekt von Bauherrn und Architekten aus. Einige kriegen nicht mit, dass man selbst mal alt oder behindert wird. Manche Bauwerke haben drei bis vier Stockwerke, aber keinen Aufzug.

Haben Sie noch mehr Beispiele?

Willibald: Auch im Rathaus haben wir zuletzt drei Wochen lang keinen Aufzug gehabt, weil er defekt war. Das ist für eine Gemeinde wie Karlsfeld eigentlich ein No-Go. Wir haben einen Zahnarzt, den erreicht man nur über eine Außentreppe. Da hat einfach der Architekt geschlafen. Eines meiner besten Beispiele ist das Bürgerhaus. Da haben wir einen behindertengerechten Eingang, der ist aber immer zugesperrt, wenn irgendwelche Veranstaltungen sind. Da muss man erst den Hausmeister anrufen, der kommt dann und sperrt auf. Das muss aber automatisch gehen. Das sind Kleinigkeiten, die mich unheimlich nerven. Und das Nerven hab ich absolut satt.

Was läuft gut?

Die Neue Mitte ist ein Paradebeispiel, da ist alles ebenerdig. Die Gemeinde hat auch einige Sachen wie Absenkungen der Bushaltestellen angepackt, aber wir sind noch nicht am Ende.

Was reizt Sie an dem Amt des Behindertenbeauftragten?

Andrea Dommert: Ich musste selbst durch meinen beeinträchtigten Sohn, der einen Gendefekt hat, viele Barrieren überschreiten. Es war ein sehr langer Weg, bis man das bekommen hat, was man möchte. Ich möchte anderen Hilfestellung geben und ein Bewusstsein schaffen.

Willibald: Ich sag immer, wenn Blinde über Farbe reden, machen sie etwas falsch. Man muss eigentlich selber behindert werden, dann wächst man in die ganze Geschichte ganz anders rein. Ich bin selbst schwerbehindert, aber nicht von Geburt an.

Sabine Leitl: Ich erlebe immer wieder, die Sehnsucht der Menschen am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, und ich erlebe auch, woran es oft scheitert. Das fängt bei der Toilettenfrage an und hört bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs auf.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Willibald: Wir versuchen gerade mit dem sozialen Netzwerk und dem Seniorenbeirat Kontakt aufzubauen. Wir gehen auch über den VdK und wollen auch den Gemeinderat sensibilisieren, dass er auf das Ganze besser schaut. Bei einigen Sachen muss man noch mehr in die Köpfe rein.

Welche Ansprüche haben Sie?

Leitl: Ich möchte in der Zeit bis zur Wiederwahl irgendetwas bewegt haben.

Welches Thema liegt Ihnen besonders am Herzen?

Leitl: Man fühlt sich seinem Ort vor allem in der Freizeit verbunden. Karlsfelder ist man in seinem Privatleben. Und Karlsfeld hat Gott sei Dank ein ganz reiches Vereinsleben, und wir wollten jetzt starten, die ganzen Vereine mal anzuschreiben und uns schlauzumachen, ob sie inklusive Projekte haben oder ihnen Unterstützungsmöglichkeiten geben. Da zu helfen, dass da die Türe aufgemacht wird und bestehende Angebote bekannter werden, finde ich einen wichtigen Punkt.

Dommert: Ich möchte mehr Angebote für Kinder mit Beeinträchtigung schaffen. Sei es Sport oder etwas Musikalisches. Ein Riesenpunkt ist Inklusion an Grundschulen. Das ist aber ein Mammutprojekt.

Wie behindertenfreundlich sind die neuen Grundschulen?

Dommert: Ich war mit meinem Sohn an der Verbandsgrundschule Karlsfeld. Das war ein sehr prägendes Erlebnis für mich. Da hab ich mich ganz gerne woanders hin gewünscht, weil das schrecklich war. Ich hab versucht, Kontakt aufzunehmen, dass mein Kind auf die Schule gehen kann. Mir wurden jegliche Gespräche mit der Direktorin verwehrt. Wir mussten dann aber zu der Schuluntersuchung, ohne Gespräche mit der Direktorin gehabt zu haben. Wir waren auch an anderen Schulen. Insgesamt mussten wir zehn Schulspiele machen. Mein Sohn war alleine in einer Klasse und wurde beurteilt. Einen Platz bekommen hat er an keiner dieser Schulen.

Auf welcher Schule ist Ihr Sohn nun, Frau Dommert?

Dommert: Er geht jetzt ins Franziskuswerk nach Schönbrunn. Das konnte ich mir anfangs gar nicht vorstellen. Jetzt ist es okay für mich. Das alles war am Anfang sehr verletzend für mich und ist ein Armutszeugnis. Diese Strukturen muss man verändern.

Leitl: Es fängt auch schon damit an, dass gesellschaftlich vom dreigliedrigen Schulsystem die Rede ist. Aber es gibt auch die Förderschulen. Die leben ein Schattendasein in meinem Bewusstsein. Die neue Viktoria-von-Butler-Schule in Schönbrunn ist wunderschön geworden, aber so ein Neubau zementiert die exklusive Beschulung auf Jahrzehnte. Die Gemeinde wird so etwas aber nicht entscheiden, das geht hinauf bis zum Kultusministerium.

Willibald: Das sind große Probleme, die können wir nicht lösen, wir versuchen in Karlsfeld die Hürden aus dem Weg zu räumen, die wir ausräumen können.

Haben Sie auch ein Steckenpferd, Herr Willibald?

Willibald: Ganz einfach: Behinderung darf nicht behindern. Nach dem Motto leb‘ ich, und das setzen wir schön langsam um. Ich reg‘ mich furchtbar auf über die Mülltonnen, die regelmäßig auf den Gehweg gestellt werden. Ich bin ein heißer Verfechter, dass wir dieses Thema endlich beiseite räumen. Da gab ich keine Ruhe, weil mich das tierisch ärgert. Und noch was: Wenn Strafen für Autofahrer, die auf Behindertenparkplätze parken, günstiger sind als Parkgebühren, macht man irgendwas falsch. Auch das will ich angehen. Außerdem positionieren wir uns gegen E-Scooter oder Leihräder des MVV.

Was stört Sie daran?

Willibald: Die liegen so herum, dass es ein Sehbehinderter sie nicht sehen kann. Und mit dem Rollstuhl kommt man auch nicht vorbei. Man bräuchte erstmal vernünftige Stellplatzmöglichkeiten. Wer sich nicht daran hält, das Gefährt richtig zu parken, muss eine Strafe zahlen. Das sollte aber nicht mit 5 Euro Strafe versehen werden, sondern das muss richtig, richtig weh tun. Wenn man mich zu einer Sitzung einlädt, werde ich dazu klipp und klar Stellung nehmen. Das ist ein Unding.

Sind Sie im Austausch mit Ihrer Vorgängerin?

Willibald: Sie arbeitet noch mit in sämtlichen Arbeitskreisen, und wir werden sie immer wieder mal ansprechen. Einige Sachen, die uns Anita Neuhaus bislang erzählt hat, kann man eigentlich nicht glauben. Sie hat 20 Jahre vergeblich versucht, Visitenkarten von der Gemeinde Karlsfeld zu kriegen.

Leitl: Wir haben sie sofort bekommen. Das war dann umso erfreulicher.

Was beschäftigt Sie gerade?

Willibald: Wir wollen uns erstmal vernetzen, uns bekannt machen und einfach präsent sein. Man muss wissen: Was kann man bewegen und die Finger von dem lassen, was unmöglich ist. Dieses Feingefühl müssen wir entwickeln und erstmal zusammenwachsen. Nur gemeinsam sind wir stark.

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