Der Mangel an jungen Gemeinderäten beunruhigt die Politik. Berufliche und familiäre Verpflichtungen schrecken viele ab. Die Demokratie könnte leiden.
Bad Heilbrunn - In einem halben Jahr ist Kommunalwahl in Bayern. Der Bad Heilbrunner Gemeinderat wird sich dann erheblich verändern, viele Räte wollen nicht mehr kandidieren. Um Nachfolger zu finden, luden die drei Fraktionen am Donnerstagabend zu einer gemeinsamen Info-Veranstaltung in die Parkvilla ein. Die Fragen, die die 20 Anwesenden vor allem beschäftigten: Warum schaffen so wenige Frauen und junge Leute den Einzug in den Gemeinderat? Und wann werden Themen öffentlich und nichtöffentlich behandelt?
Schwierig, Frauen für Liste zu finden
Die Gemeinderäte sind in Heilbrunn meist männlich und älter als 40 Jahre. „Wir brauchen auch junge Leute“, mahnte Horst Kürzeder (CSU), der seit 24 Jahren dem Gremium angehört und im März 2026 ausscheiden wird. In der Vergangenheit seien einige Junge ins Gremium gewählt worden, die zwei Jahre lang mit großem Eifer dabei gewesen seien. Im dritten Jahr habe der Elan nachgelassen und ab dem vierten seien sie kaum mehr zu sehen gewesen: „Die Arbeit macht Spaß, aber man muss wissen, worauf man sich einlässt. Eine gewisse Ernsthaftigkeit gehört auch dazu.“
„Es nicht so, dass wir keine Damen auf der Liste haben wollen“
Fast noch schwieriger sei es, Frauen für die Liste zu gewinnen, sagte Kürzeder. „Dabei ist es nicht so, dass wir keine Damen auf der Liste haben wollen, ganz im Gegenteil.“ Teilweise seien sie auf der Kandidatenliste extra ganz nach vorne gesetzt worden, und dann seien sie nicht gewählt worden. „Dabei sind 50 Prozent der Stimmberechtigten Frauen.“
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Iradj Rahimpur (Freie Wähler) hält es für essenziell, dass Frauen im Gremium sitzen, „denn sie denken anders als Männer, sie haben eine andere Sichtweise und Lebenserfahrung“. Dies sei auch bei den drei Frauen im Heilbrunner Rat so. Diese würden sich 2026 aber wohl allesamt zurückziehen: „Wir brauchen unbedingt Nachschub.“
„Ich habe keine Ahnung, nach welchen Kriterien die Wähler entscheiden“
Ein Zuhörer wollte wissen, ob es Erkenntnisse zu den Gründen gebe. „Ich habe keine Ahnung, nach welchen Kriterien die Wähler entscheiden – Alter, Wohnort, Beruf?“ , bekannte Kürzeder. 3. Bürgermeister Bernd Rosenberger (Parteifrei) hatte eine Erklärung für den Mangel an jungen Leuten parat. „Meine Kinder sind beide berufstätig, weil sie sonst ihre Miete nicht zahlen können. Sie haben ein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Kinder den ganzen Tag in die Kita geben müssen. Dann wollen sie wenigstens die Freizeit mit der Familie verbringen – was ich verstehen kann.“
Wird zu viel nicht öffentlich beraten?
Von ähnlichen Erfahrungen berichtete Bürgermeister Thomas Gründl: „Ich frag‘ immer wieder junge Leute, ob sie kandidieren wollen. Aber die sagen: Beruflich nicht machbar, frag‘ in sechs Jahren wieder.“ Konrad Specker (Freie Wähler) empfindet den Nachwuchsmangel „als schlimm für die Demokratie“.
Keine öffentlichen Sitzungen bei „diffizilen Vertragsangelegenheiten“
Ein Zuhörer wollte wissen, nach welchen Kriterien Tagesordnungspunkte öffentlich und nicht öffentlich behandelt werden – mit Verweis auf die Diskussion um die Ortsgestaltungssatzung in der jüngsten Sitzung. Diese wurde, wie berichtet, in den nicht öffentlichen Teil verschoben. Gründl erläuterte, vor der Beratung und Entscheidung hätten erst noch einige Begriffe abgeklärt werden müssen. Grundsätzlich müsste Tagesordnungspunkte nicht öffentlich behandelt werden, wenn es um persönliche Daten der Grundstücksangelegenheit geht. Er lasse auch „diffizile Vertragsangelegenheiten“ nicht öffentlich behandeln, also wenn er die Gefahr bestehe, dass eine öffentliche Diskussion einen Vertragsabschluss gefährden könnte: „Wir wollen ja die Gemeinde nach vorne bringen.“ Rückblickend müsse er sagen, dass im Rat in der Vergangenheit einige Dinge öffentlich hätte behandeln können, die nicht öffentlich diskutiert wurden: „Aber damit sind wir nicht allein.“
Arbeitskreise „eine wirklich gute Sache“
Hans-Wilhelm Gerbig sagte, er sei vor vier Jahren mit gemischten Gefühlen in den Gemeinderat nachgerückt: „Ich habe gehört: Der Rat ist furchtbar, da heben alle einfach nur den Arm.“ Dies sei aber nicht so. Besonders gut gefalle ihm die Arbeit „außerhalb des Gemeinderats“ in Arbeitsgemeinschaften. Vier bis sechs Personen würden sich dort – unabhängig von der Parteizugehörigkeit – zu einem „Brainstorming“ treffen. Mithilfe von erfahrenen Gemeinderäten sei es möglich, sehr tief in Sachverhalte einzusteigen. Gerade der Umgang mit den Gemeinde-Finanzen sei zuletzt beispielsweise eine „Riesen-Herausforderung“ gewesen. Die Arbeitskreise seien „eine wirklich gute Sache“, bestätigte Bernd Rosenberger: „Wenn es vier Leute gibt, die richtig Bock auf die Arbeit haben – das ist richtig geil, da geht was vorwärts.“ Ohne diesen Informationsaustausch würden die Gemeinderatssitzungen bis 2 Uhr nachts dauern. Gründl ergänzte, er achte bewusst darauf, dass die Sitzungen nicht länger als bis 21 Uhr dauern, da es dann die Möglichkeit gebe, sich nach den Sitzungen zu treffen. Dies fördere den Teamgedanken: „Bei den Sitzungen entsteht Reibung. Reibung erzeugt Energie. Ab und zu braucht’s ein kühles Bier, um diese Energie abzubauen.“