13 Jahre war Andrea Bliese Leiterin des Camerloher-Gymnasiums Freising. Im Interview blickt sie zurück und verrät, wie sie in Erinnerung bleiben will.
Freising - Andrea Bliese war 13 Jahre lang Schulleiterin des Camerloher-Gymnasiums. Ende Juli geht die 65-jährige Münchnerin in den Ruhestand. Danach übernimmt Katharina Willimski (wir berichteten). Im FT-Interview erinnert sich Bliese an ihre Anfangszeit in Freising, an die größten Herausforderungen als Rektorin und verrät, was sie am meisten vom Schullalltag vermissen wird.
Frau Bliese, wenn Sie auf Ihre Zeit am Camerloher zurückblicken: Welche Momente waren besonders erfüllend?
Es war toll, erleben zu können, zu welchen Höhenflügen Schüler in der Lage sind. Es ist schön, wenn man dabei sein kann, wenn Schüler mit ihren Lehrern über sich selbst hinauswachsen. Höhepunkte waren stets die Schulkonzerte, bei denen immer sehr viele Personen, Schüler wie Lehrer, beteiligt sind. Unsere Schülerzeitung, der Camerjäger, wird regelmäßig prämiert und erhält auch heuer einen Preis vom Blattmacherwettbewerb des Kultusministeriums. Und unser Begabtenkurs TakeOff, bei dem sich interessierte Schüler ab Klasse 8 jährlich einem anderen Thema widmen, ist ebenfalls erfolgreich. Wenn man so einen Brief bekommt, dass die Schüler mit ihrem Projekt den 1. Platz beim Bundeswettbewerb abgestaubt haben und eine Woche nach Berlin dürfen und Olaf Scholz treffen, da ist man schon stolz.
Ein Blick zurück: Wie war Ihr Start in Freising im Jahr 2012?
Ich kam nach meiner Schulleiterfortbildung im August hier rein, und es war niemand da wegen der Ferien. Ich fand den Schlüsselbund von meiner Vorgängerin Ulrika Duetsch mit einer Karte und Pralinen auf dem Tisch. Da wartete auch ein Berg an Post auf mich. Ich wurde ein bisschen ins kalte Wasser geworfen, aber das ist normal. Auch ich kann meine Nachfolgerin nur bedingt vorbereiten.
Ich habe mir das Camerloher explizit ausgesucht, denn ich wollte unbedingt Rektorin eines musischen Gymnasiums sein.
Hatten Sie auch Ängste?
Nein, ich habe mich auf meine Aufgabe gefreut. Ich habe mir das Camerloher explizit ausgesucht, denn ich wollte unbedingt Rektorin eines musischen Gymnasiums sein. Ich kannte die Schule schon aufgrund ihrer Konzerte, die ich immer wieder besucht hatte. Doch natürlich ist die Gesamtverantwortung, eine Schule zu leiten, noch einmal eine andere. Man muss im Zweifelsfall geradestehen.
Wie hat sich die Schule in Ihrer Amtszeit verändert?
Da war fast zu Beginn die Eröffnung des Neubaus, den meine Vorgängerin noch geplant hat, mit Aula, Bibliothek, Räumen für die Ganztagsbetreuung und Aula. Die offene und die gebundene Ganztagsschule in der 5. und 6. Klasse, wenn Kinder bis 16 Uhr da sind, verändern natürlich den Betrieb einer Schule. Dann wurde ein Theaterprogramm für 5. und 6. Klassen eingeführt. Hier lernen die Schüler nicht nur, auf der Bühne zu stehen, sondern auch zu organisieren, zu präsentieren und mehr. Aus unserer Brückenklasse für ukrainische Geflüchtete wurde nun eine allgemeine Deutschklasse. Außerdem kam im Laufe der Jahre die Einführungsklasse hinzu, in der Schüler aus der Mittel- und Realschule auf die Oberstufe vorbereitet werden. Das alles hat Veränderungen in die Schule gebracht. Viele dieser Schüler sind nicht musisch, und der Migrationsanteil ist gestiegen.
Es ist immer schwer, wenn man Todesfälle melden muss.
Gab es auch Zeiten, die für Sie eine Herausforderung waren?
Es ist immer schwer, wenn man Todesfälle melden muss, wie 2023 unser Lehrerkollege Thomas Schmölz, der im Gebirge verunglückt ist. Das der Schulgemeinschaft beibringen zu müssen, selbst stark bleiben, damit der Schulalltag irgendwie weitergehen kann, fällt schwer. Auch die vom Landtag vorgeschriebene Einführung der erweiterten Schulleitung war nicht einfach, da dies naturgemäß im Kollegium Skepsis hervorrufen musste. Als musisches Gymnasium mit einem großen Kollegium waren wir recht früh zu diesem neuen Modell der Personalführung aufgefordert, die heute an der Mehrzahl der Schulen umgesetzt wird. Eine Verteilung der Personalverantwortung auf das gesamte Direktorat ist aber zeitgemäß und sinnvoll und hat sich bewährt.
Die Pandemie war sicher auch eine Herausforderung?
Ja, Corona war eine Herausforderung. Ich habe mich gefühlt wie in einem Raumschiff, als ich in dem leeren Gebäude saß und vom Telefon und PC aus die Schule geleitet habe. Es war surreal. Doch ich habe den Rednern meiner Verabschiedung verboten, über Corona zu meckern, denn es war für die gesamte Gesellschaft nicht einfach.
Hat Corona das Schulleben nachhaltig geprägt?
Vor allem den digitalen Bereich. Wir hätten vieles davon sowieso gemacht, aber durch die Pandemie ging es viel schneller voran. Vor Corona wusste keiner, was eine Videokonferenz ist. Heute finden Veranstaltungen wie der Elternsprechtag online statt.
Hat Ihre Rolle als Schulleiterin Sie auch privat verändert?
Eine Führungsaufgabe verändert einen immer. Ich glaube, ich bin ein Stück weit offener geworden. Das passiert, wenn man mit vielen verschiedenen Menschen zu tun hat. Und was ich erst in dieser Position lernen musste, war eindeutig „Nein“ zu sagen. Früher hatte ich ein Nein oft in einer netten Ansage verpackt und gehofft, dass sie schon verstanden wird. Doch ich musste lernen, klar zu sagen, was ich will, und was ich nicht will.
Ich wollte immer nah an den Schülern sein, deshalb wird mir das Arbeiten mit jungen Menschen fehlen.
Gibt es etwas, das Sie gerne noch umgesetzt hätten, wozu aber keine Gelegenheit mehr bestand?
Es gibt die allgemeine Annahme, dass Gymnasien keine Sozialpädagogen brauchen. Das ist falsch. Ich war früher Schulleiterin in einem Internat in München, wo es normal war, dass es Sozialarbeit in der Schule gibt. Ich hätte mir das für das Camerloher auch gewünscht, habe mich jahrelang bemüht. Ich bin leider bei den Verantwortlichen nicht durchgedrungen – bis vor sechs Wochen. Es tut sich nun was. Ich hätte mir außerdem gewünscht, dass die Digitalisierung der Klassenzimmer weitgehend abgeschlossen ist, doch wir haben weiterhin Internetprobleme und nicht alle digitale Tafeln funktionieren.
Was werden Sie an Ihrem Alltag als Schulleiterin am meisten vermissen?
Zum einen mein Sekretariatsteam und mein Schulleitungsteam, mit denen ich jeden Tag eng im Austausch war. Und natürlich werde ich die Schüler vermissen. Ich wollte immer nah an den Schülern sein, deshalb wird mir das Arbeiten mit jungen Menschen fehlen. Und ich werde das lebendige Schulleben vermissen. Hier war ja immer überall etwas los. Manchmal hörte ich von meinem Schreibtisch aus fünf verschiedene Proben gleichzeitig.
Ich würde gerne als Schulleiterin der offenen Tür in Erinnerung bleiben.
Haben Sie bereits Pläne für Ihren Ruhestand?
Ich bin ehrenamtlich in der evangelischen Kirche als Prädikantin tätig, darf also predigen und Gottesdienste leiten, außerdem spiele ich Orgel. Ich arbeite in der Jugendvollzugsanstalt München mit Gefangenen und werde das intensivieren. Auch in der jüdischen Gemeinde werde ich Projekte betreuen. Vielleicht kann ich im Kulturbereich musikalisch mit jungen Menschen arbeiten. Also kurz gesagt: viel Ehrenamt. Aber ich werde auch mehr Zeit mit Familie, Freunden und bei Konzerten verbringen. Ich hoffe, dass ich weiter eingeladen werde und mich entspannt ins Publikum setzen darf.
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin Katharina Willimski?
Das Camerloher ist eine tolle Schule. Hier treffen viele kreative und künstlerische Personen aufeinander. Das ist organisatorisch nicht immer einfach, es gibt viele Meinungen und Ideen. Darauf muss sie sich einstellen. Ich wünsche ihr eine ganze Menge Gelassenheit im Schulalltag und das richtige Maß zwischen eigner Führung und Mitgestaltung der anderen. Ich habe sehr viel Freude gehabt, das wünsche ich ihr auch.
Wie sollen sich die Schüler an Sie erinnern?
Dass ich immer ansprechbar war, dass man zu mir kommen konnte. Ich würde gerne als Schulleiterin der offenen Tür in Erinnerung bleiben.