Öl-Konzerne fürchten sich wegen Venezuela-Coup – dabei sind die Nachrichten gut

Wer eine Gruppe von Zynikern kennenlernen möchte, sollte unbedingt bei den Analysten der Ölmärkte vorbeischauen. Diese Spezies sieht den ganzen Tag Gespenster, die den Ölpreis nach unten oder oben treiben könnten, was man gleichermaßen schrecklich findet. 

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Frieden in der Ukraine, den sich Millionen Menschen sehnlichst wünschen, ist für die Rohstoffanalysten der ING-Bank eine Bedrohung: "Downside risks include ongoing peace talks", schreiben sie in ihrer Analyse "Outlook for the oil market 2026". Von den Friedensgesprächen gehe ein Abwärtsrisiko aus, weil das billige Russengas die Weltmärkte fluten könnte.

In sogenannten "Tail-Risk"-Studien – das sind Analysen, die sich liebevoll den Extremfällen widmen – warnt die Großbank JP Morgan vor einem "real pressure point", auch wenn sie "a straight collapse" ausschließt. 

Angst, dass Ölmarkt das Wachstum beschädigt, ist unbegründet

Die Militäraktion der USA in Venezuela beispielsweise nährt die Furcht vor einem Überangebot an Öl, was wiederum zu einem Preisverfall führen und damit die Gewinne der Ölförderer, also Shell, BP, ExxonMobil und Chevron, schmälern könnte.

Für alle, die nicht Shell, BP und Co. heißen, ist das eine gute Nachricht. Die Weltwirtschaft wird von den jüngsten Entwicklungen profitieren, sowohl die alten Industrienationen wie die Bundesrepublik als auch die Entwicklungsländer in Asien und Afrika. Die Pax Americana, die mit Donald Trump eine Renaissance erlebt, dürfte die Geschäftspläne der europäischen Großkonzerne positiv beeinflussen – und vor allem den US-Ölmultis wie Chevron, ExxonMobil und ConocoPhillips nutzen.

Dieses Positivszenario, das mit der günstigen Zinsentwicklung im Jahr 2025 und den Zinserwartungen für 2026 begann, wird durch die Ereignisse in Venezuela und möglicherweise in der Ukraine weiter begünstigt. Die Angst jedenfalls, der Ölmarkt könnte das Wachstum der Weltwirtschaft beschädigen, ist derzeit unbegründet. Das Gegenteil ist richtig, wie die folgenden fünf Punkte belegen.

#1 Venezuelas Reserven sind kein Angebot

Im öffentlichen Diskurs wird die Größe der venezolanischen Ölvorkommen missverstanden. Denn allein aus dem Fakt, dass Venezuela die größte Ölreserve der Welt besitzt, entsteht noch kein Angebot für den Weltmarkt. Nach zwei Verstaatlichungswellen liegt die Infrastruktur der Ölindustrie am Boden. 

Der Status quo: Aktuell trägt Venezuela mit täglich knapp unter einer Million Barrel (66 Prozent weniger als noch 2015) nur ein Prozent zum weltweiten Öl-Fördervolumen bei. Zu Bestzeiten (vor der Verstaatlichung 1976) lag der Anteil Venezuelas am weltweiten Fördervolumen bei rund 15 Prozent. Nur durch ein milliardenschweres Investitionsprogramm sind diese Reserven für den Weltmarkt und die politische Macht der USA fruchtbar zu machen. 

#2 Erweitertes Öl-Angebot begünstigt Industrie

Die weltweite Ölproduktion steigt weiter und lag 2025 auf einem neuen Rekordwert. Das senkt die Energiekosten. Für 2026 erwartet die IEA ein Angebot, das die Nachfrage um 3,8 Millionen Barrel pro Tag übersteigt und damit – zur Freude der Käufer von Öl – "in den kommenden Monaten zu weiteren Preisrückgängen führen wird."

Damit baut sich aus den Energiemärkten kein Inflationsdruck auf, was sich positiv auf die Zinspolitik der US-Notenbank und der EZB auswirkt. Die nächste Zinssenkung kann starten.

#3 Corporate USA wird gestärkt

Die US-Ölkonzerne sind Zwerge gegenüber Saudi Aramco, dem weltweit wertvollsten Ölkonzern. Dessen 1,5 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung stehen nur rund 500 Milliarden bei ExxonMobil und rund 310 Milliarden bei Chevron gegenüber. Bei der Profitabilität ist der Unterschied noch deutlicher: Saudi Aramco erwirtschaftete 2024 einen Nettogewinn in Höhe von rund 106 Milliarden US-Dollar und damit mehr als doppelt so viel wie die beiden US-Gesellschaften zusammen.

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Durch exklusiven Zugang in Venezuela könnte sich das Verhältnis nicht umkehren, aber entschärfen. Allerdings müssen zuvor die verrotteten Förderanlagen in Venezuela erneuert werden. Erst dann gilt der Satz von Donald Trump auch für die amerikanischen Ölmultis: This is our hemisphere. 

#4 Weltmarkt preist Preisschwankungen ein – und glättet sie

Jedes Unternehmen braucht Planbarkeit. Die Industrie sichert ihre Einkäufe von Öl darum über Terminkontrakte ab: Sie verpflichtet sich zum Kauf von Öl und Gas in der Zukunft zu einem zuvor festgelegten Preis. Das schützt vor unerwarteten Preisschüben.

Durch diese Terminkontrakte – Futures auf Englisch – werden die Angebots- und Nachfrageerwartungen der Märkte transparent. Sie geben damit aber auch den Produzenten Planungssicherheit. Die Absicherung, das Hedging, glättet Preisschwankungen. Das wirkt insgesamt dämpfend auf die Preise.

#5 Die USA werden zum dominanten Spieler

Der Zugang zu den venezolanischen Ölreserven versetzt die USA in eine günstige Situation. Da Venezuela Teil des Opec-Kartells ist, wo über Fördermengen indirekt die Ölpreise auf dem Weltmarkt beschlossen werden, sitzen die USA nun indirekt mit am Pokertisch. 

Die bisherige Preisfestsetzungsmacht der Golfstaaten, die rund ein Drittel der Fördermenge auf sich vereinen, wird damit perspektivisch gebrochen. Damit können die USA ihre Gegner – und deren Einnahmesituation – künftig herunterregeln. Voraussetzung ist, dass die Ölreserven von Venezuela erschlossen und dem Weltmarkt zugeführt werden.

Öl ist kein Markt, sondern ein Machtverhältnis

Fazit: Die USA haben durch den Militärschlag gegen Venezuela noch nicht die Situation der Ölindustrie verbessert, wohl aber deren Ausgangslage. Wenn alle Visionen von Präsident und Ölindustriellen aufgehen, befindet sich das Land strategisch in einer deutlich komfortablen Lage. Wir lernen: Öl ist kein Markt, sondern ein Machtverhältnis.