Juristisch ist die militärische Invasion Venezuelas durch die USA vom vergangenen Freitag eine Art Polizeiaktion gewesen, um den bereits 2020 in New York angeklagten Staatschef Nicolas Maduro und seine Ehefrau festzunehmen. Doch US-Präsident Donald Trump macht keinen Hehl aus den wahren Gründen für den Angriff: „Unsere großen Ölkonzerne werden hingehen, Milliarden an Dollar ausgeben und die schwer angeschlagene Infrastruktur wieder aufbauen, die Öl-Infrastruktur“, sagte er am Samstag auf einer Pressekonferenz in Florida. Wenige Tage später verkündete er, die Interimsregierung des südamerikanischen Landes habe zugestimmt, 30 bis 50 Millionen Barrel zu Marktpreisen an die USA zu verkaufen. Den Gewinn werde er als Präsident persönlich verwalten. Eine solche Menge Öl hätte aktuell einen Wert von 1,5 bis 2,4 Milliarden Euro.
Die wirtschaftlichen Gründe für den Angriff liegen also auf der Hand. Die USA wollen Zugriff auf Venezuelas Bodenschätze. Derer besitzt das Land reichlich und hat sie aber unter den vergangenen Regierungen kaum abgebaut. Um diese Rohstoffe geht es.
1. Erdöl
Venezuela besitzt die größten Ölreserven der Welt – von denen wir wissen. Die OPEC schätzt die noch nicht geförderten Vorkommen auf 303 Milliarden Barrel. Zum Vergleich: Saudi-Arabien besitzt noch geschätzte 267 Milliarden, der Iran landet mit 209 Milliarden Barrel auf Platz 3. Die venezolanischen Reserven wären ausreichend, um Deutschland mehr als 400 Jahre beim aktuellen Verbrauch zu versorgen. Andere Schätzungen reichen von 235 bis 513 Milliarden Barrel.
Gleichzeitig fördert Venezuela bisher aber nur wenig seines Öls. Im November lag die Produktion nur bei 860.000 Barrel am Tag. Das sind gerade einmal zwei Prozent der weltweiten Förderung. Saudi-Arabien als Spitzenreiter fördert mit 9,9 Millionen Barrel pro Tag rund mehr als elfmal so viel.
Das hat mehrere Gründe. Das Öl im Orinoco-Gürtel, einem langgezogenen Becken, welches dem Lauf des gleichnamigen Flusses im Landesinneren auf einer Länge von 600 Kilometern und einer Breite von bis zu 70 Kilometern folgt. Die Gegend ist savannenartig und wird derzeit hauptsächlich für die Viehzucht genutzt. Das Öl liegt in Tiefen von 50 bis 1200 Metern. Hier ergibt sich das erste Problem: Die Ölvorkommen sind keine unter Druck stehenden Kammern wie in anderen Gegenden der Welt, aus denen das Erdöl nur heraussprudelt, wenn man sie anbohrt. Stattdessen muss es aufwendig hochgepumpt werden. Das liegt auch daran, dass Venezuela vor allem Schweröl besitzt. Das ist nicht nur aufwendiger zu fördern, sondern auch zu raffinieren und zu transportieren. Zwischen 2005 und 2012 investierte der Staat im Rahmen eines langfristigen Erschließungsplans bereits 56 Milliarden Dollar, nur um auf den heutigen Förderstand zu kommen. Auch für US-Ölkonzerne wird es Jahre dauern, das venezolanische Öl gewinnbringend zu fördern. Kurzfristig ändert sich für den Ölmarkt kaum etwas.
2. Erdgas
Wo Erdöl im Boden schlummert, ist Erdgas meist nicht weit. Tatsächlich besitzt Venezuela auch hier riesige Reserven. Mit 5,5 Billionen Kubikmetern schätzt die OPEC das Land weltweit auf den zehnten Platz. Venezuela besitzt damit so viel Erdgas wie etwa Nigeria und rund halb so viel wie die Vereinigten Arabischen Emirate. Bei der Förderung liegt es aber auch hier nur auf Platz 31.
Hauptgrund dafür ist, dass das Erdgas in Venezuela nicht in eigenen Vorkommen liegt, sondern meist gemeinsam mit Öl. Weil letzteres Vorrang hat, haben die Venezolaner das bei der Ölförderung austretende Erdgas bisher oft verbrannt. Nach Zahlen der UN gingen so noch 2022 für ein gefördertes Barrel Öl 33,5 Kubikmeter Gas in Flammen auf. Eine Ausnahme ist das vor der Küste liegende Perla-Gasfeld, in dem seit 2009 Gas gefördert wird – hauptsächlich für die Nutzung im Inland.
3. Gold
Venezuela besitzt nach eigenen Angaben Gold-Reserven von 8000 Tonnen. Das wären die drittmeisten der Welt nach Russland und Australien. Anders als bei Öl und Gas ist diese Zahl aber unbestätigt. US-Schätzungen gehen eher von 2200 Tonnen aus, aber auch das wäre signifikant. Die Vorkommen liegen im Orinoco Mining Arc, ein großes Gebiet voller Regenwald südlich des Flusses, welche ungefähr ein Drittel der Größe Deutschlands hat.
Der Mining Arc ist seit langem ein Hotspot illegaler Minen. NGOs nennen Venezuela als das Land mit den meisten Bergwerken dieser Art auf der Welt. Zudem sollen riesige Flächen Regenwald für illegale Abbaugebiete vernichtet worden sein. Maduros Vorgänger Hugo Chavez schlug schon 2011 vor, das Gebiet systematisch und offiziell zu erschließen. Maduro unterschrieb 2016 ein entsprechendes Gesetz. Geholfen hat es wenig. Die Minen im Arc werden heutzutage häufig von Gangs kontrolliert, die Arbeitsbedingungen sind laut UN-Menschenrechtskommission dramatisch schlecht. Die Hälfte der rund 500.000 Minenarbeiter sollen Kinder sein.
4. Diamanten
Die Regierung in Caracas gibt die Reserven an ungeförderten Diamanten mit einer Million Karat an. Das wären ebenfalls die größten Reserven der Welt. Da aber auch diese Zahl nicht unabhängig überprüft ist, muss sie mit Vorsicht genossen werden. Dass Venezuela signifikante Diamanten-Vorkommen besitzt, ist aber unstrittig. Die Förderung ist aber auch hier unterentwickelt und/oder in der Hand von Gangs. Offiziell lag die Produktion 2024 bei gerade einmal 800 Karat. Die hätten einen Wert von weniger als 40.000 Euro.
5. Seltene Erden
Weil sie für viele moderne Elektronikgeräte unersetzlich sind, gieren die USA nach Seltenen Erden, deren Produktion China nahezu monopolisiert hat. Mit der Ukraine hat die US-Regierung schon ein Abkommen geschlossen, Grönland steht auch deswegen auf der Liste Trumps. „Venezuela hat alle kritischen Rohstoffe“, sagte US-Handelsminister Howard Lutnick am Sonntag, „Präsident Trump wird sie zurückbringen.“
Wie viel davon Seltene Erden sind, ist aber unklar. Experten sind skeptisch, dass sich davon viele in Venezuela finden lassen. Selbst wenn, dann liegen sie ebenfalls im Orinoco Mining Arc mit seinen politischen Problemen. Und selbst wenn die USA dort eine signifikante Förderung aufbauen könnten, müssten die Mineralien nach China für die Verarbeitung verschickt werden. Seltene Erden stehen also kaum im US-Fokus.
6. Coltan
Zwar geht die Weltproduktion immer mehr dazu über, Coltan aus Batterien und Akkus zu verbannen, doch noch ist der Rohstoff wichtig. Bisher ist der Kongo mit 70 Prozent Marktanteil die größte Quelle für das Mineral, doch die Förderung dort wegen Menschenrechtsverletzungen hoch umstritten. Weil Coltan kein börsengehandelter Rohstoff ist, gibt es keine offiziellen Listen darüber, welche Länder wie hohe Reserven besitzen. Venezuela schätzt seine selbst auf 35.000 Tonnen. Das entspräche der aktuellen Weltproduktion für die kommenden 15 Jahre.
Wie viel Coltan bereits im Orinoco Mining Arc abgebaut wird, ist unbekannt, weil das meiste davon auf dem Schwarzmarkt außer Landes geschafft wird.
7. Eisen und Aluminium
Auch bei zwei klassischen Metallen besitzt Venezuela große Vorkommen. Sie werden bereits seit den 1950er-Jahren kommerziell genutzt und waren vor der Entdeckung der Ölvorkommen Venezuelas wichtigstes Exportgut. Die Förderanlagen sind aber heute ebenfalls in einem schlechten Zustand.
Bestes Beispiel dafür ist das Aluminiumerz Bauxit. Die einzig verbliebene Mine in Venezuela, Los Pijiguaos, hat eine Kapazität von mehr als fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Das allein würde Venezuela auf Platz Zwei in der Welt bringen, wenngleich auch weit hinter Spitzenreiter China. In der Realität werden in Los Pijiguaos aber nur rund 18.000 Tonnen produziert. Seit der Corona-Krise 2020 ist die Aktivität sogar weitgehend eingestellt, meldet das Center for Strategic and International Studies (CSIS) aus den USA.
Bei Eisen hat Venezuela über Jahrzehnte bereits hohe Mengen exportiert. Die verbliebenen Reserven werden aber auf rund zwei Milliarden Tonnen geschätzt. Das entspricht etwa der Weltproduktion von einem Jahr. Gefördert wird davon derzeit aber auch kaum etwas. Laut CSIS lag der Weltmarktanteil zuletzt bei 0,1 Prozent.