Schüsse auf Clan-Boss in Berlin führen in die Welt der kriminellen Türken-Gangs

Ein offenbar redlicher Geschäftsmann der Berliner Glücks- und Wettspiel-Branche: 2020 erhielt Mehmet K. die Lizenz für seine Firma „Wettarena“, die laut türkischen Medien in Deutschland 120 Wettbüros betreibt und 400 Mitarbeiter hat. Die Unternehmensdatenbank „North Data“ zeigt ihn zudem als Inhaber der „Eko Spielhallenbetriebe“ und eines weiten Firmengeflechts mit Vermögens- und Immobilienverwaltung, einem Großhandel für Lebensmittel sowie Beteiligungen an einer Softwarefirma. Die „Wettarena“, die 2023 einen Umsatz von rund 16 Millionen Euro erwirtschaftete, wird seit letztem Jahr von einer Frau geführt.

Mehmet K.: Der „Löwe von Berlin“ und „Tiger-Killer“

Mehmet K. scheint wohlhabend, er ist Hauptsponsor eines Berliner Fußballvereins und tritt als Gönner seiner Heimatstadt Bingöl auf. Er spendet dorthin Schulausrüstungen für 100.00 Kinder, veranstaltet in Berlin Empfänge mit hunderten kurdischen Geschäftsleuten, um die Bindungen zu dieser türkisch-kurdischen Metropole im kargen, bergigen Südosten der Türkei zu festigen.

Wer auf den sozialen Medien nach seinem Spitznamen „Kürt Mehmet“ sucht, stößt schnell auch auf die Beinamen „Löwe von Berlin“ und „Tiger-Killer“. Letzterer ist die Übersetzung seines Nachnamens. Respekt und Ehre, das zeigen die Posts und Kommentare dort, haben in diesen Kreisen eine wichtige Funktion, sie folgen ungeschriebenen Regeln, deren Übertretung schnell auch Gewalt zur Folge haben kann. 

Im Mai dieses Jahres richtete Mehmet K. mit drei weiteren kurdischen Unternehmern im Titanic Chaussee Hotel eine „Bingöl-Nacht“ aus. Kurdische Gäste reisten aus ganz Europa an. Mehmet K., das zeigen mehrere Video-Clips auf Tiktok, kam mit großem Gefolge, einige sichtlich angespannte, durchtrainierte Männer mit Waffenholster führten ihn durch die Menge. Er posierte hier für ein Selfie, legte dort die Hand auf die Schulter. 

Gala mit bekannte Unterweltgrößen

An der Gala nahmen auch der berüchtigte Führer des Remmo-Clans, Isa Remmo, und Cezayir Baysal teil. Baysal ist in der türkischen Community ein gefürchteter wie geliebter Pate. Nach einem Mord in den 70er-Jahren an einem Wissenschaftler floh er angeblich nach Deutschland und wurde hier zu bekannten Größe im Drogengeschäft und im Milieu der rechtsextremen „Grauen Wölfe“. 

Auf den Clips zu der „Bingöl-Nacht“ sind weitere Männer in Anzug zu sehen, die aus gepanzerten Autos steigen, sich die Hand geben und die Stirn aneinander schlagen – ein unter „Grauen Wölfen“ übliche Grußritual. Frauen sind nicht zu sehen. Auf Tiktok und Instagram erreichten die Clips mit Mehmet K. und seiner Gäste zehntausende Likes. 

Doch offenbar hat K. auch gefährliche Feinde. Am 17. Dezember stiegen zwei Männer mit Waffen auf das Gelände seiner Villa in Berlin-Lichtenfelde und schossen bis zu 20 Kugeln ab. Am nächsten Tag veröffentlichte K. auf Instagram eine Erklärung in türkischer Sprache. Er schrieb von Feindschaften und Rache und warnte die Täter. Es „betrübe und verwunde“ ihn, dass die Täter im Beisein seiner Familie geschossen hätten. „Ist das eure Art von Rache, auf ein Haus mit Frauen und Kindern zu schießen?“ Das sei „ehrlos“ und feige. Sie sollten sich ihm wie Männer auf offener Straße stellen. Für „Beweise“, die die Identität der Täter belegen, verspricht er eine Belohnung von 500.000 Euro. 

"Dalton"- Mann drohte mit Mord an Mehmet K.

Ende Oktober erhielt FOCUS online während einer Recherche zu einer Schießerei in Hannover eine Nachricht von einem Kontakt-Mann. Er kündigte an, Mehmet K. werde jetzt von der Gruppe der „Daltons“ getötet. Der Kontakt nannte sich „Dalton-Mahir“ In der auf Türkisch geführten Whatsapp-Kommunikation gab er an, „Sprecher der Daltons“ zu sein. Seine Identität konnte mit Hilfe eines türkischen Journalisten, der ebenfalls mit ihm in Kontakt stand, bestätigt werden. Mahir erklärte, der 27-jährige Serdar G., der in Hannover erschossen wurde, sei ein Mann vom Mehmet K. gewesen. 

G. sei von K. nach Hannover geschickt worden, um nach einer Dalton-nahen Familie zu „sehen“, er habe sich „respektlos“ verhalten und sei bei dem aufkommenden Streit erschossen worden. „Wir werden Kürt Mehmet und seinen Freund Cezayir Baysal töten.“ Tatsächlich findet sich auf Tiktok ein Hinweis darauf, dass zwischen Serdar G. und dem Geschäftsmann K. eine Verbindung besteht. Ein Bild zeigt Serdar G., wie er im Dunkeln auf einem Stuhl neben K. sitzt.

Daltons: Drogen, Waffen und Schutzgeld

Die „Daltons“ sind eine von etwa einem Dutzend Gangs, die in den Straßen Istanbuls mit Dealen, Waffenschmuggel und Schutzgelderpressung groß geworden und auch in zwei Berliner Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit Schutzgeld und Schießereien auf eine Supermarktkette aufgetaucht sind. 

Der Istanbuler Journalist Osman Cakli veröffentlichte im November ein Buch mit den Ergebnissen aus zwei Jahren Recherchen zu diesen „neuen“ Mafia-Gangs. Etwa 3000 Verdächtige, so schätzt er in einem Telefongespräch, darunter allein etwa 400 der Daltons, seien in den letzten fünf Jahren von der türkischen Polizei festgenommen worden. Er beobachte, dass die „Daltons“ inzwischen wie Milizen in Russland, Georgien, Irak und Syrien auftreten. „Zählt man die Sympathisanten hinzu, haben diese Gangs inzwischen sicher zehntausende Anhänger.“ 

Längst sind sie auch in Belgien, Spanien, Frankreich, Holland und Deutschland angekommen, Italien hat bereits zwei Dutzend inhaftiert. Ob auch Mehmet K. Opfer der „Daltons“ oder ihrer Berliner Untergruppe „Ezginler“ (die Unterdrückten) wurde, lässt sich noch nicht sagen. Die Polizei gibt keine Informationen heraus.