Mit „Max“ will der Kreml digitale Souveränität beweisen. Kritiker sehen vor allem ein Instrument für Geheimdienst-Überwachung.
Moskau – Russland dreht den Hahn für WhatsApp und Telegram weiter zu – und zwingt Millionen Bürger in die Arme einer staatlichen Alternative: Der Messenger „Max“, entwickelt von VK, soll ab dem 1. September auf allen in Russland verkauften Smartphones, Tablets, Computern und Smart-TVs vorinstalliert sein. Präsident Wladimir Putin treibt damit nicht nur den Anspruch einer digitalen Souveränität in Zeiten des Ukraine-Kriegs voran, sondern etabliert zugleich ein Werkzeug, das nach Ansicht von Experten vor allem der Überwachung dient.
Blockade von WhatsApp: Putin zwingt Russen zu staatlicher Chat-App „Max“
Schon seit Mitte August sind in Russland Sprach- und Videoanrufe über WhatsApp und Telegram massiv gestört oder blockiert. Roskomnadsor, die Medienaufsichtsbehörde, begründete dies offiziell mit dem Kampf gegen „Betrüger und Terroristen“, schreibt Reuters. Doch für Millionen Nutzer, die sich bislang über die Messenger kostengünstig im In- und Ausland verständigten, bedeutet es den Verlust einer der letzten sicheren Kommunikationsmöglichkeiten.
Max wird von der Wladimir Putins Regierung als künftige „Super-App“ angepriesen – mit Chat, Zahlungsdiensten und Zugang zu Behördendiensten über das Portal Gosuslugi. Schon jetzt gibt es über 18 Millionen registrierte Konten, im Juni waren es noch eine Million, so The Moscow Times. Die App soll künftig sogar Bankgeschäfte, Reisen und Behördengänge digital bündeln – ähnlich wie das chinesische WeChat.
Doch Kritiker warnen: Max ist ein Einfallstor für den Staat. Sicherheitsanalysen ergaben, dass das Programm IP-Adressen, Geodaten, Kontakte, Mikrofon- und Kamerazugriffe in Echtzeit sammelt und mit Behörden teilen darf. „Dieses Programm ist nicht sicher, sondern von vornherein für Überwachung gebaut“, erklärt ein IT-Experte gegenüber Forbes. Ex-NSA-Analyst Patrick Wardle sprach im gleichen Magazin von einem „perfekten Instrument für Echtzeit-Überwachung der Bürger“.
Zwangs-Einführung von Putins App „Max“ in Schulen und Wohnblocks
Die Einführung wird mit administrativem Druck flankiert. Wohnungsverwaltungen in Moskau und anderen Regionen erhielten Anweisungen, ihre Haus-Chats von WhatsApp und Telegram auf Max umzustellen. Auch Schulen und Kindergärten in über 20 Regionen, darunter Tatarstan, Mari El und der Altai, sollen ihre Eltern- und Lehrergruppen ab Herbst ausschließlich über Max betreiben, notiert The Moscow Times. Ein Lehrer sagte dem Exil-Medium Vyorstka, er fürchte, erneut zum Druckmittel gegenüber Eltern und Kindern gemacht zu werden.
Ein 63-jähriger Kinderarzt aus St. Petersburg formuliert es merklich drastischer: „Wissen Sie, dass Max ein Werkzeug staatlicher Kontrolle ist? Ich würde es lieber nicht benutzen, aber ich weiß nicht, ob ich die Wahl habe.“
Promi-Werbung und Spott der Nutzer für „Max“
Um die Akzeptanz zu erhöhen, hat der Kreml Prominente mobilisiert, skizziert The Moscow Times. Rapperin Instasamka pries auf Instagram die Gesprächsqualität, Sänger Egor Krid warb gar in einem Musikvideo: „Bro, Max funktioniert sogar auf See!“ Doch in den sozialen Netzwerken wurden solche Auftritte rasch verspottet. Streamer JesusAVGN kommentiert: „Mit Max erwischen sie dich sogar im Fahrstuhl“ – ein bitterer Hinweis auf die Überwachungsfunktion.
Während iOS-Nutzer euphorisch Fünf-Sterne-Bewertungen hinterlassen, häufen sich auf Google Play Berichte über Abstürze, Verzögerungen und blockierte Nachrichten. „Souveräne Technologie in Aktion“, lautet ein ironischer Kommentar zu eingefrorenen Chats.
Kein WhatsApp, kein Telegram: Gefahr für Wirtschaft und Alltag in Russland
Nicht nur Privatnutzer, auch Unternehmen spüren die Folgen. Firmen, die bislang über WhatsApp oder Telegram Arbeitsgespräche führten, berichten über erhebliche Störungen: Absprachen dauern länger, logistische Prozesse verzögern sich, internationale Kooperationen werden erschwert. „Das stellt die Funktionsfähigkeit ganzer Unternehmen infrage“, betont Denis Kuskov, Chef des Beratungsunternehmens Telecom Daily gegenüber rbc.ru.
Vor allem Logistik, Kurierdienste und IT-Support seien betroffen, so der Kommunikations-Experte Ivan Minaev: „Textchats ersetzen keine schnellen Anrufe. Die Fehlerquote steigt, Termine platzen“.
„Max“, WhatsApp und Co.: Vergleich der Messenger
| Messenger | Nutzer in Russland (Stand 2025) | Verschlüsselung | Staatlicher Zugriff | Besondere Funktionen | Status in Russland |
|---|---|---|---|---|---|
| WhatsApp (Meta) | ca. 100 Mio. | Ende-zu-Ende | Kein Zugriff, Meta verweigert | Sprach- & Videoanrufe, weltweite Verbreitung | Verbreitung eingeschränkt, Meta als „extremistisch“ eingestuft |
| Telegram | ca. 60 Mio. | Teilweise (Cloud nicht E2E) | Keine volle Kooperation | Kanäle, Bots, Gruppen | Störungen bei Calls, weiter nutzbar |
| Max (VK) | 18 Mio. registriert | Keine Ende-zu-Ende | Voller Zugriff, Weitergabe | Integration von Behördendiensten, Finanzen | Preinstallationspflicht ab 1. Sept |
| WeChat (China) | <1 Mio. in Russland, >1 Mrd. weltweit | Verschlüsselt, aber staatlich einsehbar | Umfassende Kontrolle durch Staat | All-in-One: Chat, Zahlung, Services | Vorbild für „Max“ in Russland |
Quellen: Washington Post, Reuters, Forbes, CNN, DW.
Putin setzt auf „Max“-App: Ein Werkzeug für totale Kontrolle
Für Kritiker ist klar: Mit Max geht es weniger um Service, sondern um Kontrolle. Die App stammt von VK, einem Konzern, der mehrheitlich von staatsnahen Unternehmen wie Gazprom und Rostec kontrolliert wird. Dessen Chef, Wladimir Kirijenko, ist der Sohn von Sergej Kirijenko, Putins einflussreichem Vertrauten im Kreml.
„Der Kreml will jede Form der Kommunikation unter seine Kontrolle bringen. Wenn die größten Plattformen nicht kooperieren, müssen sie ersetzt werden“, analysiert der russische Telekom-Experte Michail Klimarev gemäß der Washington Post.
Russland unter Putin: Nächster Schritt in Richtung chinesisches Modell
Bis zum 1. September muss Max auf allen Geräten vorinstalliert sein, ab Januar wird zudem die App „Lime HD TV“ mit staatlichen Sendern auf Smart-TVs aufgespielt. Für viele Russen bedeutet dies: Entweder sie nutzen Max – oder sie sind vom digitalen Leben abgeschnitten.
Gleichzeitig versuchen findige Nutzer, per VPN oder alternativen Tools WhatsApp und Telegram weiter zu verwenden. Doch ältere Menschen, wie die 78-jährige Marina aus Moskau, stehen vor unüberwindbaren Hürden. „Es ist, als würde ich im Dunkeln laufen. Ich habe Angst, die falsche Taste zu drücken und alles kaputt zu machen“, sagt sie traurig gegenüber der Washington Post über die VPN-Nutzung.
Russland vollzieht mit Max einen Schritt Richtung chinesisches Modell: digitale Infrastruktur, eng verzahnt mit Staat und Geheimdiensten – ein System, das weniger auf Freiwilligkeit, sondern auf Zwang setzt.