„Ein Weiter so ist keine Option“

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Die Teilnehmer der Diskussion: Prof. Alois Heißenhuber, Biolandwirt Richard Wirthmüller, Kreisobmann Simon Sedlmair, Biobauer Leonhard Mösl und Jungbauern-Vorsitzender Tobias Pabst (von links). © Markus Wittenzellner

Munterer Diskussionsabend der Dachauer Kreis-Grünen zum Thema Landwirtschaft.

Landkreis – Es hätte unschön werden können nach den mitunter heftigen Bauernprotesten der vergangenen Monate. Ein Aufeinandertreffen von Biobauern und konventionell wirtschaftenden Landwirten bei einer Veranstaltung der Landkreis-Grünen hätte also durchaus Zündstoff gehabt. Jedoch prägten das Bemühen um Sachlichkeit und ein Wille zum konstruktiven Austausch den Europa-Wahlkampfauftakt der Grünen am vergangenen Donnerstagabend.

Agrarpolitik wird in Brüssel gemacht

Gut 150 Zuhörer hatten sich zu einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion im Saal des Gasthaues Doll in Ried eingefunden. Grünen-Kreisrat und Biobauer Arthur Stein übernahm die Moderation der Veranstaltung. Eines stellte Stein gleich zu Beginn des Abends klar: „Die großen Leitlinien in der Agrarpolitik werden in Brüssel gezogen!“ Damit seien die kommenden Europawahlen maßgeblich entscheidend für die weitere Zukunft der Landwirtschaft.

Die Grundlage des Abends beziehungsweise der späteren Diskussion bildete zunächst das Referat des Agrarökonoms Prof. Alois Heißenhuber von der Technischen Universität München in Weihenstephan. Seinen Vortrag hatte er unter die Überschrift „Gemeinsame Agrarpolitik: Ein Weiter so ist keine Option“ gestellt. Der Wissenschaftler zeigte dabei das seiner Meinung nach grundlegende Dilemma der Landwirte auf: „Erzeugen Sie so, wie es sich ein Großteil der Bevölkerung vorstellt, dann haben sie auf dem Markt schlechte Karten. Produzieren die Landwirte aber so, wie es derzeit vom Markt honoriert wird, dann bekommen sie nicht die Akzeptanz und Wertschätzung der Bevölkerung.“

Für einen Wandel müssen alle an einem Strang ziehen

Ein Wandel in der Landwirtschaft, so Heißenhuber, könne aber niemals von einer Seite alleine – also etwa der Politik – erreicht werden. Vielmehr müssten Bürger, Wissenschaft, Politik und Handel gemeinsam an einem Strang ziehen. Der Referent sprach sich daher dafür aus, einen von einer breiten Bevölkerungsmehrheit getragenen „Gesellschaftsvertrag“ zu entwickeln und gesetzlich zu verankern. Die Politik solle dazu bessere „Leitplanken“ für Produzenten und Verbraucher aufstellen und für die Nennung der „wahren“ Preise sorgen. Auch die Unternehmen müssten mehr Eigenverantwortung bei der Agrarwende zeigen, etwa durch Investitionen in nachhaltige Produktionstechniken.

Die Erkenntnis, dass das Mitwirken der Gesellschaft maßgeblich für einen Wandel in der Landwirtschaft ist, zeigte sich auch rasch bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Hierzu eingeladen waren als Vertreter der konventionellen Landwirtschaft: Simon Sedlmair, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, und Tobias Pabst, Vorsitzender der Jungbauernschaft im Landkreis. Die Biobauern wurden von Richard Wirthmüller und Leonhard Mösl repräsentiert. Das Publikum hatte bei der Diskussionsrunde die Gelegenheit, auf das Podium zu treten, um Fragen zu stellen oder auch um mitzureden.

Den Glauben an die Macht der Verbraucher verloren

Biobauer Wirthmüller stellte auf der Bühne klar, dass die Gesellschaft zu einem wichtigen Beitrag beim Wandel verpflichtet sei. „Die Bevölkerung muss einfach bereit sein, mehr für landwirtschaftliche Produkte zu zahlen!“ Biobauer Pösl gab sich aber resigniert: „Den Glauben an die Macht der Verbraucher habe ich aber mittlerweile verloren.“ Das Ziel der Bundesregierung, in den kommenden Jahren einen 30-Prozent-Anteil an ökologischer Land- und Lebensmittelwirtschaft zu erreichen, hielt er für reichlich unrealistisch. Dies könne bestenfalls bis zum Jahr 2050 geschehen. Wirthmüller ergänzte: „Wer es wirklich wissen will, der sieht doch, wie die Fleischproduktion bei uns abläuft. Die Politik kann nur beeinflussen, aber letztendlich entscheiden muss der Bürger.“ Grünen-Kreisrat Arthur Stein verließ an diesem Punkt seine Rolle als Moderator und warf ein: „Wenn uns in der Gesellschaft Statussymbole mehr wert sind als unser Essen, dann ist das sowohl für die konventionelle als auch die Bio-Landwirtschaft verheerend. Hier müssen wir etwas ändern!“

Eine Veranstaltungsbesucherin prangerte im weiteren Verlauf der Diskussion die Rolle des Handels beim Milchpreis an. Die Bauern bekämen hierfür zu wenig Geld, während die Kunden zu viel dafür bezahlen müssten. Es bestehe Handlungsbedarf! Erwartungsgemäß stimmten dem alle Landwirte, aber auch der Gastredner zu.

Für das Insektensterben sind nicht nur Landwirte verantwoertlich

Beim Thema Artenvielfalt fühlt sich Jungbauern-Vorsitzender Pabst immer wieder zu Unrecht an den Pranger gestellt. Man tue genug und sei auf einem guten Weg. Hier handelten konventionell wirtschaftende Landwirte nicht weniger erfolgreich. Kreisobmann Sedlmair ergänzte: „Für das Insektensterben sind nicht nur die Landwirte verantwortlich!“ Auch die privaten Gartenbesitzer täten insgesamt noch nicht genug für mehr Artenvielfalt.

Von der Nutztierhaltung als Einnahmequelle zeigten sich die traditionell wirtschaftenden Landwirte für die Zukunft weiterhin überzeugt. Tierwohl müsse aber auch finanzierbar sein, stellte Kreisobmann Sedlmair klar – etwa bei einem entsprechenden Umbau der Ställe. Biobauer Wirthmüller will hingegen ganz weg von der Tierhaltung und setzt für die Zukunft auf eine weitgehend pflanzliche Ernährung der Bevölkerung.

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