Mal wieder richtig krachen lassen, haben es in Grainau die Böllerschützen aus dem Landkreis. Damit halten die Kanoniere ein ganz besonderes Brauchtum aufrecht.
Grainau – Die Grainauer Kanone hat sie alle überdauert. Seit 1908 existiert sie – und leistet nach wie vor gute Dienste. Josef Keller ist einer, der sie bedienen darf. Gemeinsam mit Anton Diepold (Wurzer) und Tobias Ostler fungiert er als Böllerschütze im Auftrag der Gemeinde. „Das ist überwiegend so, dass die Kanone bei der Gemeinde angesiedelt ist“, sagt der Grainauer, der gleichzeitig Leiter des Bauhofs und Kommandant bei der Feuerwehr ist. Jeder der 22 Kommunen im Landkreis hat noch ein solches Geschütz, um an kirchlichen oder weltlichen Festtagen Schüsse abzugeben. Eine der vielen Traditionen, die in der Region gewahrt werden.
Letzte Ehre für die Kameraden
Einmal im Jahr kommen die Kanoniere zusammen, um eine Art Jahrtag zu begehen. Heuer trafen sie sich in Grainau. Am Marienbichl, wo die Kanone in einem Häuserl untergebracht ist. Weil eben dort oben geschossen wird. „Der Ort ist ideal, oberhalb der Kirche, dort hört man die Böllerschüsse übers Dorf“, bemerkt Keller. Nicht selten geht es beim Schießen ja auch darum, Kameraden des Veteranenvereins beim letzten Geleit die Ehre zu erweisen. „Bei uns in Grainau schießen wir dreimal bei der Wandlung, dreimal, wenn der Sarg ins Grab gelassen wird.“
Das ist nicht der einzige Auftrag für die Böllerschützen. „Übers Jahr würde ich sagen, dass wir so 20 Einsätze haben“, schätzt Keller. Die teilen sich die drei Kanoniere der Gemeinde Grainau unter sich auf. Da wären beispielsweise die Gedenkmesse am Höhenrain am letzten Mai-Sonntag oder der Volkstrauertag zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag, die fest im Kalender der Schützen verankert sind. Als nächster Einsatz naht aktuell der Veteranenjahrtag, der in Grainau am letzten Sonntag im Oktober begangen wird.
Ein jeder darf sich an die historische Kanone nicht heranwagen. „Dafür braucht es einen Schein“, erklärt Keller. Immerhin muss derjenige, der sie abfeuert, mit Schwarzpulver hantieren. Das Material wird selbstredend getrennt vom Geschütz aufbewahrt. „In einem Tresor, vergleichbar mit einem Waffenschrank bei einem Sportschützen.“ Ist es dann so weit, wird die Ladung im Vorfeld hergerichtet, bevor der Schütze zur Tat schreitet. Der Böllerschlag an sich ist wahrlich laut. Die Kanoniere tragen alle einen Gehörschutz.
Passend zur Kanone: Führung zur alten Lok
Beim Jahrestreff zuletzt in Grainau hielten sich auch die Kollegen die Ohren zu, als Anton Diepold die Kanone zündete. 25 Schützen waren gekommen. Keller hatte für die Kameraden extra ein kleines Programm organisiert. Es ging zur Bayerischen Zugspitzbahn ins Betriebswerk. „Ich dachte mir, das passt mit Blick auf unsere alte Kanone ganz gut zusammen, weil dort ja auch noch eine alte Lok aus dem Jahr 1929 steht.“ Die Gruppe der Böllerschützen bekam eine einstündige Führung, danach ging es auf den Marienbichl, bevor der Nachmittag gesellig ausklang. Kellers Fazit: „Es war richtig nett und lustig.“
Meine news
Seit gut zehn Jahren treffen sich die Böllerschützen alljährlich in einer der Landkreis-Gemeinden. „Initiiert hat das Ganze der Klotz Hans (Basch) aus Mittenwald“, erinnert sich Keller an die Anfänge. 60 Kollegen gibt es verteilt auf die Orte zwischen Ammertal, Staffelsee und Karwendel. Wie es in den kommenden Jahren weitergeht, steht auch schon fest: Nächstes Jahr steigt die Zusammenkunft in Bad Bayersoien, für das Jahr drauf hat sich Ohlstadt als Ausrichter angeboten.