Seit Mai zahlen auch Schwerbehinderte am Karlsdfelder See Parkplatzgebühren. Die Inklusionsbeauftragte Andrea Dommert kritisiert die Regelung. Das Landratsamt sucht nun nach Lösungen.
Ein weißer VW fährt in den Parkplatz nahe des Ufers am Karlsfelder See ein, dort sitzt ein Security-Mitarbeiter mit gelber Warnweste. Er steht auf, stoppt den VW-Fahrer an der Einfahrt. Der öffnet das Fenster, hält dem Sicherheitsmann ein Kärtchen entgegen: „Mit dem Schwerbehindertenausweis darf ich hier kostenlos parken.“ Der Security-Mann winkt ab: „Nein, Sie müssen zahlen – sorry!“ Der VW-Fahrer schüttelt den Kopf und verlässt im Rückwärtsgang den Parkplatz. Seit Mai müssen Menschen mit Schwerbehinderung, auf den Seeparkplätzen zahlen: vier Euro zur Hauptsaison, zwei in der Nebensaison. Davor kontrollierte das Bayerische Rote Kreuz, winkte Betroffene aus gutem Willen durch. Aber damit ist Schluss: Denn der BRK-Kreisverband Dachau gab die Tätigkeit ab. Jetzt hat vorerst eine Sicherheitsfirma übernommen, demnächst soll die automatisierte Parküberwachung folgen.
Parkgebühren trotz Schwerbehindertenausweis am Karlsfelder See
„Ich habe hier 20 Jahre lang mit meinem Schwerbehindertenausweis geparkt, warum kann‘s nicht kostenlos bleiben?“, sagt Rainer Hellwig. Hellwig trägt Brille, grünes T-Shirt und beige Shorts. Der 67-Jährige fährt aus Untermenzing regelmäßig ins Naherholungsgebiet. Er bekam 1994 die Diagnose Leukämie, überstand die schwere Krankheit dank einer Stammzellspende und kommt seither zur Erholung an den See. Von Erholung heuer keine Spur: „Jahrzehntelang ging‘s mit dem Roten Kreuz umsonst und plötzlich nicht mehr, das verstehe ich nicht“, ärgert er sich. Viele Betroffene hätten die vier Euro nicht, die das Parken kostet.
Einzige Alternative: kostenlos an der Straße parken. Aber: die ist mehrere hundert Meter vom Karlsfelder See entfernt. „Viele Leute haben die Kraft nicht, ihr Zeug von der Straße an den See zu schleppen“, sagt Hellwig.
Inklusionsbeauftragte im Landkreis sind empört
Auch die Behindertenbeauftragte der Gemeinde Karlsfeld Andrea Dommert weiß, was dies für Betroffene bedeutet: „Menschen mit Behinderung und deren Angehörige haben das kostenlose Parken jahrelang genutzt, sie sind aufs Auto angewiesen, weil sie mit viel Equipment kommen.“ Dommert ist seit einem Jahr Inklusionsbeauftragte in Karlsfeld – und selbst betroffen, denn ihr Sohn Jonas hat einen Gendefekt. Sie schätzte das kostenlose Parken, weil der Weg zum Karlsfelder See vom Parkplatz kürzer ist als von der Straße. „Wir müssen für ihn immer viele Sachen mitnehmen.“ Dommert bekam Anfang April mehrere Anfragen von Betroffenen wegen der neuen Parksituation. Genauso wie Tanja Patti, Inklusionsbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen. Patti sagt: „Ich finde es frech, etwas wegzunehmen, was jahrelang möglich war.“
Inklusionsbeauftragte hofft auf ein Entgegenkommen des Landratsamtes
Landrat Stefan Löwl erklärt, dass weder die aktuellen noch die früheren Gebührensatzungen eine Parkgebühren-Befreiung für Personen mit Behinderung kennen. Auch nicht für Gehbehinderte mit blauem Parkausweis oder Personen mit künstlichem Darmausgang, die einen orangefarbenen Parkausweis besitzen. Laut Löwl war die Kosten-Erlassung „eine gelebte Praxis“ vom BRK, von der das Landratsamt nichts gewusst habe – jahrelang! Die Thematik kam bei Löwl und dem Landratsamt erst durch die geplante automatisierte Parküberwachung auf.
Landratsamt prüft Ausnahmeregelungen
Derzeit prüfen Löwls Mitarbeiter, ob es „Behindertenstellplätze außerhalb der gebührenpflichtigen Bereiche geben kann“, auf denen man mit einem blauen Parkausweis kostenlos parken könnte. Der Kreistag müsse über einen entsprechenden Befreiungstatbestand entscheiden. Aber wer also „nur“ den Schwerbehindertenausweis hat, muss auf jeden Fall zahlen.
Andrea Dommert hofft dennoch auf ein Entgegenkommen des Landratsamtes. Schließlich macht die Stadt München vor, dass es geht: Personen mit Schwerbehindertenausweis können am Tierpark Hellabrunn, der Messe München oder der Allianz Arena kostenlos parken.