Vergangenes Jahr machte das Waldrapp-Team, das den lange Zeit als ausgestorben geltenden Zugvogel bei seiner Wanderung unterstützt, beim Flug nach Spanien erstmals Station im Landkreis, am Flughafen Paterzell. Jetzt ist bei Antdorf eines der seltenen Tiere aufgetaucht. Ist es ein Beleg, dass die Aktion erfolgreich war?
Antdorf/Landkreis - Vor einigen Wochen fuhr Hubert Klein aus Breunetsried mit dem Radl in ein nahes Café, als er nahe Antdorf ein paar Krähen auf einem Feld sah, die dort nach Futter suchten. „Erst im Vorbeifahren wurde mir klar, dass ein Vogel nicht dazu passte“, sagt Klein. Er drehte um – und erkannte, dass es sich bei dem ungewöhnlichen Vogel um einen Waldrapp handelt. Er sah dem seltenen Tier noch eine Weile zu und fuhr dann ins Café. „Als ich nach einer dreiviertel Stunde wieder zurückfuhr, war der Waldrapp immer noch da. Er hatte nur die Straßenseite gewechselt“, sagt Klein begeistert über die seltene Beobachtung.
Vogel galt schon als ausgestorben
Beim Waldrapp handelt es sich um einen der seltensten Vögel der Welt, der schon als ausgestorben galt und jetzt wieder angesiedelt wird. Das Problem: Es handelt sich um einen Zugvogel. Um den jungen Waldrappen wieder beizubringen, in den Süden zu fliegen, werden sie in einem Pilotprojekt seit mehr als 20 Jahren vom Menschen aufgezogen und per Para-Gleiter nach Italien begleitet, seit zwei Jahren auch nach Spanien.
Vergangenes Jahr machte das Waldrapp-Team erstmals im Landkreis Station: Vom Startort Taching im Landkreis Traunstein ging es nach Paterzell, dem ersten Zwischenstopp. Insgesamt 2600 Kilometer lang war die Reise nach Andalusien in Südspanien, ein Weltrekord: Noch nie gab es eine so weite, von Menschen geführte Reise mit Zugvögeln.
Jungvögel fuhren lieber im Auto als zu fliegen
52 Tage war das Team unterwegs und musste einige brenzlige Situationen überwinden, wie es im Jahresbericht des Waldrapp-Teams heißt. Dank präziser Wettervorhersagen konnten die gefährlichen Windsituationen gemeistert werden – gab es im Jahr zuvor noch vier Notlandungen des begleitenden Paragleiters, war dieses Mal keine einzige nötig.
Dafür hatten die 36 Jungvögel im Laufe der Wochen immer weniger Lust zu fliegen und mussten einzeln in Kisten per Auto an den nächsten Etappenort gebracht werden. Bei sechs der insgesamt 19 Etappen wurden sogar alle Vögel im Auto transportiert. Man gehe jedoch aus den Erfahrungen früherer Jahre davon aus, dass die Vögel trotzdem den Weg zurück finden. Im Dezember wurden die Tiere aus der Freilassungsvoliere nahe Gibraltar in die Natur entlassen und schlossen sich der örtlichen Waldrapp-Population an, die sesshaft ist.
Bisher ein Spanien-Heimkehrer
Ist der in Antdorf gesichtete Vogel jetzt einer aus der Population, die vergangenes Jahr im Landkreis war? Eine Nachfrage beim Waldrapp-Team bringt ein schnelles Ergebnis: Da alle handaufgezogenen Tiere mit Sendern ausgestattet sind, konnte Corinna Esterer vom Waldrapp-Team schnell herausfinden, dass es sich bei dem Tier um ein Männchen namens „Paride“ handelt. Der gehört zur Kolonie in Überlingen am Bodensee, der einzigen neben Burghausen sowie Kuchl und Rosegg (beide Österreich). „Er pendelt derzeit immer wieder zwischen Salzburg und dem Allgäu“, sagt Esterer. Da er an Menschen gewöhnt ist, sei „Paride“ ebenso wie seine Artgenossen nicht scheu. „Man sollte die Tiere aber nicht anlocken oder einzufangen versuchen“, bittet sie.
Da die in den vergangenen beiden Jahren nach Südspanien begleiteten Waldrappe erst geschlechtsreif werden müssen, bevor sie den Heimflug antreten, gab es noch keinen Heimkehrer – bis auf einen: Ein Weibchen mit dem illustren Namen „Dr. Saurier“ hat es als erste geschafft, aus Andalusien nach Überlingen zurückzufliegen, wie das Waldrapp-Team Anfang Juni mitteilte. Rund fünf Wochen war es unterwegs und schloss sich Artgenossen an, die aus der Toskana an den Bodensee zurückgekehrt waren. Die im vergangenen Jahr überführten Tiere werden sich also frühestens nächstes Jahr auf den Heimflug machen und vielleicht im Landkreis Weilheim-Schongau einen Zwischenstopp einlegen.
Wieder Zwischenlandung in Paterzell geplant
Zu sehen sind die Vögel hier aber vermutlich schon dieses Jahr wieder: Man sei bereits mit 32 Küken im Trainingscamp in Taching und werde im August wieder nach Spanien aufbrechen, sagt Projektleiter Johannes Fritz. „Wir planen wieder einen Zwischenstopp in Paterzell, sofern der Flugplatz einwilligt.“
Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Schongau-Newsletter. Und in unserem Weilheim-Penzberg-Newsletter.