„Spinnen vernetzt“: Oberbayerin will Traditionshandwerk wieder bekannter machen

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Für Ute Mattern ist Spinnen „etwas ganz Harmonisches“, es erdet sie, es zentriert sie. © Reindl

Seit Jahren hat sich Ute Mattern dem Spinnen verschrieben. Vor kurzem hat sie einen Spinnkreis in Sindelsdorf gegründet – eine Gruppe, in der man sich inspiriert, austauscht und bereichert. Einmal im Monat trifft man sich. Der „Wohlfühloase“, wie Mattern die zwei Stunden Auszeit nennt, bietet der Pfarrhof Raum.

Sindelsdorf – Mit Nadeln fing alles an. Schon früh strickte Ute Mattern. Wann sie damit anfing, kann die Sindelsdorferin gar nicht sagen. „Ich habe mich seit meiner Kindheit immer strickend erlebt“, sagt sie lächelnd. Während ihres Studiums strickte sie sogar in den Vorlesungen. „Ich weiß gar nicht, wie viele Pullover ich schon gestrickt habe.“ Bei Nadeln blieb es nicht. Mattern wollte etwas zurückspulen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Mutter habe immer davon gesprochen, einmal spinnen lernen zu wollen, erinnert sich die Sindelsdorferin. Doch ihre Mama sei nie zu dem Handwerk vorgedrungen. Mattern aber ging den Schritt zurück. Von der Wolle zur Faser.

Über eine Freundin kam sie zu einem Spinnrad. Ohne Expertise und Anleitung, mit Learning by Doing, klappte es aber nicht beim Spinnen. „Wir haben es nicht in Gang gebracht.“ Über Umwege kam die heute 67-Jährige schließlich an eine Adresse, an eine Frau, die sie in die Spinnerei einführte. Schnell zog sie es in einen Spinnkreis in Deisenhofen. In Icking, rund 20 Kilometer von Deisenhofen entfernt, lebte Mattern damals mit ihrem Mann und den drei Kindern. Über den Spinnkreis fand sie dann auch zur Handspinngilde. Rund ein Dutzend Jahre engagierte sie sich im Vorstand des 2004 gegründeten, deutschlandweit aktiven Vereins.

Vor eineinhalb Jahren nach Sindelsdorf gezogen

Vor eineinhalb Jahren zog Mattern mit ihrem Mann aus Icking nach Sindelsdorf. Dort möchte sie nun Wurzeln schlagen. Neben der Begeisterung für das Spinnen und dem Bestreben, zum Erhalt der Kulturtechnik beizutragen, war der Wunsch nach Wurzelnschlagen einer der Gründe, aus dem sie den Spinnkreis in Sindelsdorf gründete. Denn die gemeinsame Leidenschaft für das alte Handwerk verbindet. „Ich weiß gar nicht, wie viele Leute ich durchs Spinnen kennengelernt habe“, sagt Mattern. „Spinnen vernetzt.“

„Gesponnen wurde nicht erst, seit die Menschen sesshaft wurden und Nutztiere hielten“, betont die Sindelsdorferin. Schon vor tausenden von Jahren spannen Menschen Fasern zu Garnen, unabdingbares Material, um wärmende Kleidung herzustellen. „Am Anfang war der Faden, kann man sagen“, meint Mattern und lächelt. Was sie am Spinnen so begeistert? „Es ist eine so abgerundete Bewegung“, eine Tätigkeit, die „erdet“, ungemein „zentriert“ und „genau das richtige Maß an Konzentration“ erfordere.

Zehn Spinnräder hat Mattern zu Hause

Einen Haken gibt es aber: „Es hat einen hohen Suchtfaktor.“ Mattern ist süchtig. Um die zehn Spinnräder hat sie zu Hause. Die braucht sie aber auch, schließlich gibt die 67-Jährige Kurse und spinnt im Freilichtmuseum Glentleiten und im Zentrum für Umwelt und Kultur in Benediktbeuern. Aus Erfahrung und Lehrtätigkeit weiß Mattern, dass Spinnen eine Kopfsache ist, vor allem sind aber die Finger gefordert. Erst weiß der Kopf, wie es geht. Dann sind die Hände dran. „Das ist das Fingerspitzengefühl“, sagt sie. Wie schnell die Finger lernen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Ich habe erstmal ein Kilo Wolle verhunzt“, erinnert sich Mattern und lacht.

Der Spinnkreis soll aber nicht als Kurs verstanden werden. Hier kommen Menschen zusammen, die sich fürs Spinnen begeistern – oder die sich das Kunsthandwerk erst einmal anschauen wollen, während sie Wolle verarbeiten, etwa strickend. Dafür steht ihnen ein Raum im Pfarrhof offen. Mattern platziert bei den Treffen eine kleine Spendenschale in der Mitte der Runde. Ein Obolus für die Gemeinde, die den Raum kostenlos zur Verfügung stellt.

Über Politik oder Religion wird beim Spinnkreis nicht gesprochen

Mattern erhofft sich im Kreis Synergieeffekte, wünscht sich eine Gemeinschaft, die zusammen und miteinander wächst. „Wir sind auf dem Weg dort hin“, freut sie sich nach den ersten Treffen. Was ihr „enorm wichtig“ ist: Alle Anwesenden sollen eine gute Zeit haben. Eine Auszeit. Zwei Stunden fernab von Alltag, Welttrubel, Negativem. Über Themen wie Politik und Religion wird nicht gesprochen, stattdessen über Tierhaltung oder Wollsorten. In Icking hielt Mattern Hühner, früher einmal Schafe. Aus deren Wolle spann sie Garne, für ihren Mann sprang ein Pullover heraus.

Neben Schafwolle lässt die 67-Jährige auch andere Materialien über ihre Räder laufen, Seide oder auch Flachs. Unter ihren Rädern findet sich ein Exemplar, das aus einer alten Kirchenbank geschreinert wurde. Ihr Liebling ist aber ein klappbares, kugelgelagertes Reise-Rad. Mit dem spann Mattern schon im ICE oder am Meer in Italien. Spinnen auf Schienen und am Strand, in Schnelllebigkeit und in Entspannung.

„Viele Leute glauben, dass Spinnen altbacken ist“, bedauert sie. Diesem Image möchte Mattern entgegenwirken, zeigen, wie gut das Handwerk in die Zeit passt. „Spinnen ist kein alter, verstaubter Zopf.“ Man könne es beim Spinnen bewenden lassen, sagt sie. Oder man spinnt den Faden weiter, also im übertragenen Sinne. Stricken, Häkeln, Färben, Weben. „Dann eröffnen sich Welten.“

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