Es ist still geworden um ein Hotelprojekt in Grainau, das die Kommunalpolitiker noch vor drei Jahren gefeiert und vorangetrieben haben. Für 30 Millionen Euro wollte ein Bauträger ein Luxus-Haus errichten, wo heute das frühere Hotel Hirth leersteht. Bürgermeister Stephan Märkl glaubt nicht mehr daran.
Es hat so gut ausgesehen. Das wird was mit dem neuen Vier-Sterne-Hotel für Grainau. Daran glaubte auch der Bürgermeister. Stephan Märkl (CSU) hatte sich schon über Einnahmen gefreut. Mit einer „guten sechsstelligen Summe“ für den kommunalen Haushalt hatte er gerechnet. Zu 100 Prozent standen er und die Kommunalpolitiker hinter dem 30-Millionen-Euro-Projekt: Ohne Gegenstimme segnete der Gemeinderat im Herbst vor drei Jahren zum ersten Mal den Bebauungsplan ab. Noch einmal stimmte er ihm im Dezember 2022 zu, nachdem Stellungnahmen eingearbeitet worden waren. Im Juli 2023 dann der nächste Beschluss: Der Bebauungsplan wird zwar erneut ausgelegt, doch im Herbst, hoffte Märkl, ist man mit dem Thema durch und der Plan steht. Sieben Jahre wären dem Unternehmen dann Zeit geblieben, um sein Projekt zu realisieren. Sieben Jahre, um aus dem ehemaligen Hotel Hirth ein Vier-Sterne-Haus auf drei Stockwerken zu errichten, mit 79 Zimmern und 276 Betten, mit Tiefgarage, Restaurant, Bars, Konferenzräumen, Schwimmbad und einem Wellnessbereich im Dachgeschoss. Sieben Jahren, um einen Anziehungspunkt für Touristen zu schaffen, „einen Mehrwert für unsere Gemeinde“, wie Märkl betonte.
„Es herrscht Funkstille“: Immobiliengruppe meldet sich nicht mehr
Doch dann – Stillstand. Und Schweigen. Die Erl Immobiliengruppe aus Deggendorf, die mit so viel Enthusiasmus ihre Pläne ausgearbeitet und 2021 erstmals vorgestellt hatte, meldete sich nicht mehr. „Es herrscht Funkstille. Wir haben keinen Kontakt zum Investor“, sagte Märkl im Februar 2024. „Wir wissen nicht, warum, wissen nicht, was los ist.“ Daran hat sich nichts geändert. Außer, dass der Bürgermeister damals das Projekt noch nicht abgeschrieben hatte. Mittlerweile denkt er anders. „Ich glaub‘, das wird nichts mehr.“ Wäre das Unternehmen noch an der Realisierung interessiert, „hätte man sich nochmal gemeldet“. Seit über einem Jahr aber hat er nichts aus Niederbayern gehört. Was Märkl sehr bedauert. Nicht nur, weil er und die Gemeinderäte sich „richtig reingehängt“ haben für das Projekt und man schnell vorankam mit den Genehmigungsschritten. Sondern auch, weil die Gemeinde generell ein Hotel gut gebrauchen könnte – von 3500 Gästebetten sind nur 800 in Hotels untergebracht – und vor allem eines in der gehobenen Kategorie. „Mit so einem neuen Haus zieht man auch neue Gäste an“, sagt Märkl. Auf die Grainau nun verzichten muss. Womöglich.
So klar ist das mit dem Aus gar nicht. Zumindest in Deggendorf vermeidet man dazu eine entsprechend deutliche Aussage. Über Sprecherin Marina Weber lässt Firmenchef Alois Erl junior ausrichten, dass er sich momentan nicht zu dem Hotelprojekt äußern könne. Weil – und der Grund überrascht – „aktuell diverse Verhandlungen laufen“. Klingt nicht so, als sei das Grainau-Projekt für den Bauträger gestorben. „Wir bleiben weiterhin in Kontakt mit dem Eigentümer“, teilt Weber auf erneute Nachfrage mit. Weitere Infos gibt’s definitiv nicht. Ende des Jahres werde er Genaueres berichten, verspricht Vorstandsvorsitzender Alois Erl.
Grundstücksbesitzer: „Wir suchen einen neuen Investor“
Nur: Der Besitzer von Hotel und Grundstück scheint von diesem Kontakt oder von Verhandlungen nichts zu wissen. Auch er gibt sich wortkarg, lässt durchklingen, dass der Verkauf des 5851-Quadratmeter-Areals nicht geklappt hat. „Wir wissen, dass das ein guter Standort ist, und das muss auch bezahlt werden“, sagt Hubert Müller. In zwei Sätzen erläutert der Eigentümer den Stand der Dinge: „Erlbau hat sich zurückgezogen. Und wir suchen einen neuen Investor.“
Manch einer im Ort will gehört haben, dass in das Haus an der Loisachstraße 59 wieder Flüchtlinge einziehen, wie vor einigen Jahren schon einmal. Das verneint Stephan Scharf, Sprecher des Landratsamtes. Zwar hatte die zuständige Abteilung im Haus vor einiger Zeit Kontakt mit dem Besitzer, doch offenbar ging dies nicht von der Behörde aus. Derzeit sei keine Unterbringung im Hotel Hirth geplant, betont Scharf. „Dies wurde den Eigentümern auch so mitgeteilt.“
Müller äußert sich dazu nicht. Er sagt nur: „Es gibt alternative Ideen.“ Diese will er jedoch in der Öffentlichkeit nicht erläutern. Seine Wunschlösung wäre es, dass das Haus in der guten, langen Tradition als Hotel weitergeführt wird, betont er. „Aber wenn es einmal verkauft wird, haben wir keinen Einfluss darauf, was damit passiert.“
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Das Hotel Hirth
Der Name Hotel Hirth geht auf den früheren Besitzer, den Verleger und Schriftsteller Georg Hirth, zurück. Einst trafen sich in dem Haus an der Loisachstraße 59 namhafte Künstler. Christian Morgenstern und Kurt Tucholsky sollen dort an Werken gearbeitet haben. Erich Kästner schuf dort angeblich „Das doppelte Lottchen“. Seit etwa sechs Jahren steht das Gebäude leer, ab April 2014 waren dort ein paar Jahre Flüchtlinge untergebracht. Für das neue Vier-Sterne-Hotel sollte das bestehende Haus samt Nebengebäude und Pferdestall abgerissen werden.