Eine einzigartige Wetterlage, bauliche und gesetzliche Erschwernisse sowie individuelles Fehlverhalten der Bürger haben Anfang Juni dazu geführt, dass weite Teile des Stadtgebiets unter Wasser standen. Die Stadträte standen am Dienstagabend daher vor der Frage: Wie viel Schutz vor derartigen Katastrophen kann und will die Stadt sich leisten?
Überschwemmte Straßen, vollgelaufene Keller, heillos überlastete Abwasserkanäle und Schäden, die in die Millionen gehen: Das Hochwasser am ersten Juni-Wochenende hat in Stadt und Landkreis Dachau tiefe Spuren hinterlassen. Im Stadtrat mühte man sich am Dienstagabend daher um eine Aufarbeitung der Katastrophe.
Die Initiative dazu war von den Kollegen des Bündnis für Dachau ausgegangen. Wobei es ihnen vor allem um die Frage ging: Wie konnte es passieren, dass das Klärwerk dermaßen an beziehungsweise über seine Kapazitätsgrenzen gelangte? Zur Erinnerung: Die Stadtwerke hatten den Bürgern Anfang Juni geraten, auf Dusch- und Waschgänge zu verzichten.
Dachaus Feuerwehr-Chef Thomas Hüller und Jürgen Schmidt, Bereichsleiter Technik bei den Stadtwerken, kamen dazu in den Sitzungssaal. Und, so viel sei verraten, ließen mit ihren Berichten die Stadträte in vielerlei Hinsicht beeindruckt zurück.
Lehren aus der Hochwasserkatastrophe
Hüller zufolge war seine Dachauer Feuerwehr vom frühen Samstagmorgen, 1. Juni, bis Dienstagabend, 4. Juni, mit 80 haupt- und ehrenamtlichen Kräften praktisch rund um die Uhr im Einsatz. Die Kollegen leisteten dabei 2000 Einsatzstunden, verteilten 50 000 Sandsäcke im Stadtgebiet und arbeiteten an 420 Einsatzstellen. Die schriftliche Nachbearbeitung der Einsätze – sprich: die Einsatzberichte – sind bis heute noch nicht alle geschrieben. Bis Juli immerhin hatte es die Wäscherei der Feuerwehr geschafft, zirka 600 Sätze Einsatzkleidung gewaschen zu haben. Und ebenfalls positiv vermerkte Hüller die zahlreichen Kuchenspenden der Bevölkerung für seine Kameraden. Dies sei „für die Moral der Truppe sehr wichtig“ gewesen!
Für den Stadtwerke-Bereichsleiter Schmidt hatte die Katastrophe eine Vorgeschichte. Die Böden waren zu Zeiten der Katastrophe bereits gesättigt, Grundwasserpegel sowie die Pegel der Dachauer Bäche und der Amper waren hoch. In Kombination mit dem tagelangen Regen führte dies zu einer kompletten Überlastung der Regen- und Abwasserkanäle, damit einhergehend zu einer Überlastung der Kläranlage Dachau, massiven Überschwemmungen im Bereich Etzenhausen und rund um den Pollnbach sowie zum Austritt von Schmutzwasser im Bereich der Würmmühle.
In Etzenhausen, so Schmidt, komme hinzu, dass die Kombination aus dem überlaufenden Webelsbach und den Brückenbauwerken zu einer Art „Staustufe“ geführt hätten. Dass die Regenwasserkanäle von Pullhausen, Lohfeld und Webling in den Webelsbach „entwässern“, hätte die Lage zusätzlich verschärft.
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Die Straße Am Webelsbach hätte besser Im Webelsbach geheißen.
Ebenfalls wenig hilfreich war es, dass Bürger in ihrer Verzweiflung Abwasserschächte öffneten, da der vorhandene Regenwasserkanal entweder bereits voll oder gar nicht vorhanden war. Allein am 1. Juni, berichtete Schmidt, hätten „enorme“ Mengen Wasser die Abwasserkanäle der Stadtwerke geflutet. Dieses Wasser sei dabei sowohl aus Dachau, als auch den drei Nachbargemeinden Röhrmoos, Schwabhausen und Bergkirchen gekommen.
So habe beispielsweise die aus Webling-Nord ins Abwassernetz der Stadtwerke eingespeiste Menge das 4932-Fache der ansonsten üblichen Tagesmenge betragen. Bergkirchen leitete an jenem 1. Juni um 1400 Prozent mehr Abwasser nach Dachau als sonst, Webling-Süd um 1541 Prozent mehr. Pumpwerke und -schächte, so Schmidt, waren heillos überlastet, zumal auch Oberflächen- und Grundwasser in die Abwasserkanäle drückte.
Kläranlage an der Grenze
In der Folge geriet die Kläranlage an ihre Grenzen. An der Würmmühle gab an einem Schacht die Abdichtung auf – den Anwohnern, so berichtete Stadtrat Christian Hartmann (CSU), lief buchstäblich Sch... in die Keller. Um die Kläranlage zu schützen, so Schmidt, seien sogenannte Notauslässe und Notumgehungen der Kläranlage geöffnet und schließlich – nach entsprechender Genehmigung – auch ungeklärtes Abwasser in die Würm geleitet worden. Erst am 12. Juni habe man die letzte Entlastungspumpe am Klärwerk ausgeschaltet.
Wie will sich die Stadt vor Hochwasser schützen?
Was bedeutet all das nun für die Zukunft? Oberbürgermeister Florian Hartmann stellte klar, dass man für „größere Maßnahmen“ erstens viel Geld und zweitens die Erlaubnis des Wasserwirtschaftsamts brauche. Als größere Maßnahme schlug Schmidt etwa vor, zusätzliche Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet zu bauen, oder den Gröbenbach bei ähnlichen Ereignissen durch eine Flutung des Stadtwalds zu entlasten.
Außerdem, so Hartmann, müsse man sich bei derlei kosten- und zeitintensiven Maßnahmen auch die Frage stellen, inwieweit eine Katastrophe, die vielleicht alle zehn Jahre stattfindet, einen derartigen Aufwand rechtfertige? Die Forderung vieler Bürger, „einfach die Kläranlage zu vergrößern“, sei technisch und wirtschaftlich ohnehin nicht darstellbar. Die Rohre hätten dann „zehnfache Querschnitte, die bringen wir gar nicht in die Straße“.
Risiko E-Auto
Das Juni-Hochwasser führte bei den Verantwortlichen der Stadtwerke Dachau zu vielen Erkenntnissen, und eine davon lautet: „Ein Fuhrpark mit 100 Prozent Elektrofahrzeugen stellt in einer Krisensituation ein Risiko dar.“ Laut Stadtwerke-Bereichsleiter Jürgen Schmidt hätte sich in diesen Katastrophen-Tagen, an denen die Stadtwerke-Techniker rund um die Uhr an vielen Orten im Einsatz sein mussten, nämlich gezeigt: „Die Reichweite der E-Autos ist zu gering und das Laden dauert zu lang.“ Um Auto-Engpässe in Zukunft zu vermeiden, gibt es laut Schmidt nur eine Lösung: „Wir brauchen auch wieder ein paar Verbrenner.“
Was also bleibt? Vor allem die Erkenntnis, dass die Bürger besser informiert werden müssen. Laut OB Hartmann erstelle das Landratsamt derzeit einen Infoflyer, der – individualisiert für jede Gemeinde im Landkreis – den Bürgern erklärt, wie sie sich bei Hochwassern verhalten und, vor allem, wohin sie in diesem Fall das Wasser aus ihren Kellern und Häusern abpumpen sollen.
Zudem wollen die Stadtwerke ein System zur Online-Pegelmessung der Gewässer, aber auch der Kanäle installieren. Schmidt zufolge solle dies als „Frühwarnsystem“ dienen und auch öffentlich für Bürger einsehbar sein.