Die Schwerindustrie konnte man in den 60er-Jahren im Ruhrgebiet buchstäblich riechen – und zwar tagtäglich. Die Luft in meinem Heimatort Duisburg war sehr schlecht, Atemwegserkrankungen waren an der Tagesordnung.
Auch die Arbeit an den Stahlöfen war hart. Es war für mich normal, dass mein Großvater, der aus der DDR (Brandenburg) geflüchtet war, oder mein Vater, ein griechischer Gastarbeiter, erschöpft von den harten Schichten nach Hause kamen und immer wieder auch von Arbeitsunfällen erzählten.
In den 80er-Jahren wurde mit dem Strukturwandel der Montanindustrie in Rhein und Ruhr zwar die Luft besser, doch dafür wurden die Arbeitsplätze weniger.
Besonders deutlich wurden die Veränderungen durch die Stilllegung der Stahlproduktion in Duisburg-Rheinhausen. Dies war ein Ereignis, dessen Ausmaß die ganze Region in einen Schockzustand versetzte. Und das buchstäblich, denn der Strukturwandel kam nicht schleichend, sondern sehr plötzlich.
Über Jorgo Chatzimarkakis
Der Deutsch-Grieche Jorgo Chatzimarkakis ist CEO des europäischen Wasserstoffverbandes Hydrogen Europe. Dieser vertritt die Interessen der Wasserstoffindustrie sowie ihrer Akteure und fördert Wasserstoff als Wegbereiter für eine emissionsfreie Gesellschaft. Mit nahezu 500 Mitgliedern, darunter über 25 EU-Regionen und mehr als 30 nationale Verbände, deckt Hydrogen Europe die gesamte Wertschöpfungskette des europäischen Ökosystems für Wasserstoff ab.
Vom Strukturbruch zur Wasserstoffchance
Jahrzehntelang hat das Ruhrgebiet seitdem versucht, diese Schockwellen mit der verbleibenden Stahlproduktion in Duisburg und anderswo zu verarbeiten.
Doch die Notwendigkeit, CO₂-neutral zu werden, setzte den Stahl in Deutschland unter besonderen Druck. Mit der Wasserstoffrevolution kam endlich wieder eine neue Perspektive.
Zunächst erschien alles nur wie ein ferner Traum: Könnte man Stahl wirklich klimaneutral produzieren? Ja – mit Wasserstoff! Dabei würde gerade die noch existierende Stahlproduktion in Duisburg und der Hafen zentral sein, denn der Hochlauf bedarf verlässlicher Abnehmer, und der Stahl ist eben der größte Abnehmer. Der Hafen Duisburg könnte ein notwendiger Katalysator sein, über den Wasserstoff importiert und nicht nur in Rhein und Ruhr, sondern auch in ganz Deutschland verteilt werden könnte.
Doch genau der Hochlauf stockt. Die notwendige Infrastruktur, wie leistungsfähige Pipelines und Speicher, ist entweder nicht vorhanden oder in den Händen weniger, die Innovation eher verwalten als vorantreiben. Kleine und mittlere Unternehmen stehen unfreiwillig oft nur am Rand, statt im Zentrum dieser Transformation, obwohl hier viel Innovationsgeist zu finden ist.
Echte Transformation braucht Tempo, Planung und Beteiligung
Was auch fehlt, ist ein echter Masterplan, der Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch bringt – nicht in Talkshows, sondern in den Werkshallen, auf den Baustellen und in den Stadtverwaltungen.
Denn Wasserstoff wird nicht von selbst zum Gamechanger – dafür braucht es entschlossene politische Leitplanken, massive Investitionen und einen klaren Fahrplan. Momentan sind es oft Pilotprojekte mit Symbolwirkung, die angestoßen werden, doch es fehlt an der Skalierung.
Wir dürfen aber nicht länger warten: Die immer rascher fortschreitende Deindustrialisierung Deutschlands ist ja kein abstrakt-drohendes Gespenst mehr, sondern täglich in Medienmeldungen abzulesen: Pleiten von Einzelhandelsketten, Absatzeinbrüche in der Automobilindustrie mit Auswirkungen auf die so wichtige Zulieferindustrie, Verlagerung von Arbeitsplätzen.
Einer der Gründe sind auch die viel zu hohen Energiepreise. Es ist ein toxisches Paradox: Während die Politik Dekarbonisierung fordert, lässt sie jene im Regen stehen, die sie realisieren sollen – etwa durch unklare Fördermittel, schleppende Genehmigungsverfahren oder einen permanenten regulatorischen Zickzackkurs.
Anstatt Industrieunternehmen zu Partnern der Transformation zu machen, werden sie zu Prüflingen in einem Laborexperiment degradiert, bei dem sich die Versuchsbedingungen ständig ändern. So verliert Deutschland nicht nur wirtschaftliche Schlagkraft, sondern auch Vertrauen – in die Politik, in Planbarkeit, in Zukunft.
Duisburg als Symbol für die industrielle Zukunft Deutschlands
Wenn wir den Strukturwandel nicht nur ökologisch und ökonomisch, sondern auch psychologisch gestalten wollen, müssen wir den Menschen vor Ort Perspektiven bieten, die konkret und greifbar sind – mit Jobs, mit Bildung, mit sichtbaren Erfolgen. Nur so wird aus der Angst vor Deindustrialisierung eine Lust auf Transformation.
Statt per Schocktherapie sollte dieser Prozess aber Schritt für Schritt erfolgen, damit die Menschen ihn auch annehmen. Schon drei Jahre Ampel haben gezeigt, dass rasch von oben verfügte Veränderungen Menschen nicht dazu bringen, diese Dinge auch wirklich zu tun. Schrittweise vorzugehen ist der beste Weg, um den dringend erforderlichen Strukturwandel ökologisch zu gestalten und sozial abzufedern.
Der Unterschied zu den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts ist auch, dass die Industrie heute dazu bereit ist. Die globale Vernetzung und die geopolitischen Veränderungen erfordern rasches Handeln. Auf der anderen Seite ist es heute in der Tat möglich, zum Beispiel durch den Einsatz von Wasserstoff in all seinen Formen, sozusagen ein neues Betriebssystem in die industriellen Prozesse einzufügen.
Dabei könnten wir auf einem Fundament aufbauen, das einst Europa stabilisierte: Die einstige Montanunion – Vorgängerin der heutigen EU – war mehr als ein Wirtschaftsprojekt: Sie war ein Friedensversprechen durch Energie- und Rohstoffsicherheit. Genau diese Verbindung aus politischem Weitblick und industrieller Integration brauchen wir heute wieder – als echte Energie-Union, nicht als politisches Schlagwort.
Um die drohende Deindustrialisierung aufzuhalten, muss die Koalition aus Union und SPD einen Wasserstoff-Masterplan aus den Leitplanken des Koalitionsvertrags ableiten.
Für Wasserstoff könnten gute Jahre kommen: Wasserstoff wird an 16 Stellen erwähnt, die Union bringt Technologieoffenheit und Wirtschaftspolitik, die SPD den Willen für zukunftsfähige Arbeitsplätze.
Und Duisburg? Die stolze, alte Stahlstadt könnte so zum größten Wasserstoff-Hub Deutschlands werden – ein industrieller Sprung, der diesmal keine negativen Auswirkungen auf die Luftqualität hat, sondern hilft, das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.
Dieser Beitrag stammt aus dem EXPERTS Circle – einem Netzwerk ausgewählter Fachleute mit fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung. Die Inhalte basieren auf individuellen Einschätzungen und orientieren sich am aktuellen Stand von Wissenschaft und Praxis.