Deutschland lebt von Annahmen, die ökonomisch nicht mehr tragen. Das ist der Kern der Warnung von Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). In einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" fordert er einen ehrlicheren Blick auf Arbeit, Rente und Wachstum – und benennt fünf „Lebenslügen“, die das Land ausbremsen.
Deutschland braucht, so der BDA-Chef, weniger Beruhigung und mehr Realismus. Der soziale Zusammenhalt lasse sich nur sichern, wenn Politik und Gesellschaft unbequeme Wahrheiten anerkennen – und entsprechend handeln.
Kampeters Analyse berührt zwar reale Probleme, blendet aber auch Widersprüche aus. Ein genauer Blick auf die fünf Punkte zeigt, wo seine Kritik trägt und wo sie verkürzt ist.
1. „Die Rente ist sicher“: Die Frage ist für wen und für wen nicht?
Das Versprechen aus Zeiten günstiger Demografie hält nach Kampeters Einschätzung nicht mehr. Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner. Die Folge: steigende Beiträge, wachsende Steuerzuschüsse oder sinkende Leistungen. Die demografische Entwicklung treffe nicht nur die Rente, sondern auch Pflege- und Krankenversicherung. Reformen seien unausweichlich – politisch werde das jedoch oft verdrängt.
Zur Einordnung: Die demografische Rechnung ist unbestreitbar. Immer mehr Rentner treffen auf weniger Beitragszahler. Ohne Reformen steigen entweder Beiträge und Steuern – oder das Rentenniveau gerät unter Druck. Die Frage ist weniger, ob die Rente sicher ist, sondern zu welchem Preis und für wen. Sicherheit heute bedeutet wachsende Belastung für Jüngere.
2. Weniger Arbeit schadet nicht – Aber hilft sie auch?
Während andere Länder über längere Arbeitszeiten und Produktivität diskutieren, streite Deutschland über Feiertage und die Vier-Tage-Woche. Kampeter verweist darauf, dass die Bundesrepublik bereits heute eines der niedrigsten Arbeitsvolumina unter den Industrieländern aufweist. Ursache sei nicht mangelnde Leistungsbereitschaft, sondern ein System, das Arbeit zu häufig unattraktiv mache – etwa durch steuerliche Fehlanreize, starre Arbeitszeitmodelle und unzureichende Betreuung für Kinder.
Zur Einordnung: Die Debatte um die Vier-Tage-Woche zielt meist nicht auf weniger Leistung, sondern auf gleiche Leistung in kürzerer Zeit. Produktivität, Digitalisierung und Arbeitsorganisation bleiben in Kampeters Argumentation außen vor. Internationale Pilotprojekte zeigen: Weniger Zeit kann teils sogar mehr Output bringen – allerdings nicht in allen Branchen. Dass ein Plus an Arbeitsstunden, auch durch die Streichung eines Feiertages, nicht automatisch ein Plus an Produktivität bedeutet, lässt Kampeter außen vor.
3. Wachstum ist keine Sünde! Und was ist mit den Lebensgrundlagen?
Klimaschutz und wirtschaftliche Dynamik werden hierzulande oft gegeneinander ausgespielt. „Die Vorstellung, Verzicht, Askese oder „No Growth“ seien tragfähige Zukunftsmodelle, verfängt zunehmend. Sie ist bequem – und gefährlich“, so Kampeter.
Zur Einordnung: Dabei ist die Frage doch eigentlich nicht, ob wir Wachstum brauchen, sondern welches: Viele Kritiker wenden sich nicht gegen Wachstum an sich, sondern gegen ressourcenintensive Modelle. China macht es bereits vor und zeigt: Nachhaltiges Wachstum ist ökonomisch sinnvoll. Aber hierzulande offenbar politisch schwerer umzusetzen als die klassische Industrieexpansion. Nur welche Alternative gibt es, als ressourcenschonender zu wirtschaften, wenn wir andernfalls unsere eigenen Lebensgrundlagen sabotieren? Zumal die Green Economy boomt, nur gerät Deutschland dabei aktuell ins Hintertreffen.
4. Bildung ist ein Standortproblem? Chancengleichheit auch
Internationale Vergleichsstudien zeigen aus Sicht der Arbeitgeber deutliche Defizite. Viele Schüler verfehlten grundlegende Kompetenzen. Der schleichende Qualitätsverlust gefährde langfristig Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit – werde politisch aber noch immer unterschätzt.
Zur Einordnung: Deutschland hat nachweislich ein Problem mit Bildung und Chancengleichheit. Internationale Studien wie PISA und OECD-Vergleiche zeigen, dass der Bildungserfolg hierzulande besonders stark von der sozialen Herkunft abhängt. Kinder aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien erreichen deutlich seltener höhere Schulabschlüsse und ein Studium. Auch der frühe Übergang auf unterschiedliche Schulformen verstärkt soziale Ungleichheiten statt sie auszugleichen. Insgesamt ist das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich überdurchschnittlich selektiv und bietet nicht allen Kindern die gleichen Startchancen.
5. Deutschen lehnen den Wandel ab? Das tut eher die Politik
Reformen gelten laut Kampeter in Deutschland häufig als Bedrohung. Und das sei ein zentrales Problem. Denn wer Wandel blockiere, sichere keine Arbeitsplätze, sondern riskiere sie. Gerade in Branchen im Umbruch fehle eine ehrliche Kommunikation darüber, was sich ändern müsse und was nicht mehr finanzierbar sei.
Zur Einordnung: Auch zahlreiche namhafte Top-Ökonomen unterschiedlicher politischer Couleur warnen seit Jahren vor strukturellen Blockaden. Von Marcel Fratzscher (DIW) über Clemens Fuest (ifo) bis Michael Hüther (IW): Einig sind sich die Ökonomen vor allem in einem Punkt: Ohne strukturelle Reformen wächst der wirtschaftliche und soziale Druck weiter.