Im Interview erklärt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, was den Auto-Zulieferern in der Region gerade Probleme macht.
Landkreis – Hoerbiger gibt sein Batteriegeschäft auf und verkauft sein Kompressor-Werk in Schongau, Hirschvogel baut 500 Stellen an den deutschen Standorten ab und Winning BLW hat einen Insolvenzantrag gestellt: Die aktuelle Lage der Automobil-Zulieferer beschäftigte den Landkreis in den vergangenen Monaten oft. Im Interview erklärt Bertram Brossardt, Hauptgeschäfstführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), was den Auto-Zulieferern derzeit Probleme macht und wie es wieder bergauf gehen kann.
Herr Brossardt, mit welchen Schwierigkeiten haben die Automobil-Zulieferer gerade zu kämpfen?
Die Automobilhersteller und -zulieferer stehen unter enormem Druck. Hohe Energie- und Arbeitskosten, eine überbordende Bürokratie, die schwache Nachfrage in vielen Märkten – verbunden mit zunehmenden Handelshemmnissen – belasten sie schwer. Die angespannte Gesamtsituation hat auch in Bayern einen Abbau an Produktionskapazitäten und Mitarbeitern in Gang gesetzt. Zudem zeichnet sich aktuell eine erneute Halbleiter-Krise ab. Oberbayern ist mit seinen vielen Zulieferbetrieben davon besonders betroffen.
Eine Abkehr vom strikten Verbrenner-Verbot 2035 ist unumgänglich.
Hoerbiger hat sich kürzlich dazu entschieden, sein Batteriegeschäft aufzugeben. Geht der Trend in der Auto-Industrie wieder zurück zum Verbrenner?
Der nachhaltigen, klimaneutralen Mobilität gehört die Zukunft. Dabei spielt die Elektromobilität eine zentrale Rolle. OEMs (Erstausrüster, Anm. d. Red.) und Zulieferer haben auf Basis von entsprechenden politischen Entscheidungen in den letzten Jahren in Forschung, Entwicklung und Produktion investiert, um den Wandel aktiv zu gestalten. Die Automobil-Industrie befindet sich mitten in der Transformation. Allerdings verzögert sich der Hochlauf der Elektromobilität unter anderem wegen der konjunkturell bedingt schwachen Nachfrage in vielen Märkten und dem Ladeinfrastrukturausbau, der in der EU nur schleppend vorankommt. Aus diesem Grund ist inzwischen klar, dass eine Abkehr vom strikten Verbrenner-Verbot 2035 unumgänglich ist. Nur mit Technologieoffenheit kann die Transformation zu einer klimaneutralen Mobilität gelingen. Deshalb müssen die Flottengrenzwerte dringend überarbeitet werden, und die massiven Strafandrohungen für das Verfehlen von Flottenzielen vom Tisch. Stattdessen muss sich die EU um den Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur kümmern und für Hybrid-Fahrzeuge sowie erneuerbare Kraftstoffe faire Lösungen finden.
Wie bewerten Sie die Zukunftsaussichten für die Automobil-Zulieferer?
Die Zulieferbranche ist sehr innovativ. Viele Unternehmen aus diesem Bereich sind hochspezialisierte Experten auf ihrem Gebiet und haben in der Vergangenheit mit ihren Impulsen und ihrem Entwicklungs-Knowhow erheblich zur internationalen Technologieführerschaft beigetragen. Jetzt fehlt vielen von ihnen der finanzielle Spielraum, um notwendige Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Das bremst die Innovationskraft der gesamten Automobil-Industrie aus – gerade mitten in der Transformation und im Strukturwandel der Branche ist das fatal. Hier müssen wir ansetzen und für Entlastung sorgen. Denn: Das Potenzial der Zulieferer, weiter international erfolgreich zu sein, ist nach wie vor da.
Welche politischen Weichenstellungen sind konkret nötig, um die Auto-Zulieferer wieder auf die Erfolgsspur zu bringen?
Die Automobil-Zulieferer müssen deutlich entlastet werden, damit sie die nachhaltige Mobilität der Zukunft mitgestalten können. Zusätzliche Belastungen müssen abgewandt und die Rahmenbedingungen für die Unternehmen insgesamt verbessert werden. Dazu zählen eine bezahlbare Stromversorgung und ein konsequenter Abbau unnötiger Berichts- und Dokumentationspflichten. Eine weitere wichtige Stellschraube zur Verbesserung der Standortbedingungen in Deutschland sind die Personalkosten. Deutschland ist ein Hochlohnstandort. Zusammen mit dem ohnehin hohen Entgeltniveau haben ständig steigende Lohnzusatzkosten zur Folge, dass Unternehmen im Vergleich zu ihren Konkurrenten im internationalen Vergleich Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Ziel muss eine grundlegende Reform auf der Einnahmen- und Ausgabenseite der Sozialversicherungssysteme sein, die sie nachhaltig stabilisiert, Unternehmen entlastet und zugleich eine generationengerechte Finanzierung sicherstellt. Ohne eine solche Reform wird gegen Ende der aktuellen Legislaturperiode der Gesamtbeitragssatz bei 45 Prozent des Bruttoentgelts liegen.