„Verunsicherung ist groß“: Automobilzulieferer Winning BLW stellt Insolvenzantrag - Mitarbeiter bangen um Zukunft

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Das Werk von Winning BLW in Penzberg ist einer von drei Standorten des Unternehmens in Deutschland. Früher befanden sich auf dem Areal an der Seeshaupter Straße das MAN-Werk und später HAP, das vor fünf Jahren geschlossen wurde.. © Wolfgang Schörner

Das Unternehmen Winning BLW hat einen Insolvenzantrag gestellt. Betroffen ist davon auch das Penzberger Werk des Automobilzulieferers mit seinen rund 230 Mitarbeitern. Es war erst vor zwei Jahren von München an die Seeshaupter Straße umgezogen. Unter den Mitarbeitern ist die Verunsicherung groß.

Penzberg - Das Unternehmen Winning BLW mit Hauptsitz in Remscheid hat am Montag einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Das bestätigte am Dienstag auf Nachfrage das Amtsgericht Wuppertal, wo der Antrag einging. Als vorläufiger Sachwalter wurde ein Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht aus Wuppertal bestellt. Das Unternehmen gab auf Anfrage der Heimatzeitung keine Auskunft.

Der Automobilzulieferer hat drei Standorte in Remscheid, Penzberg und Duisburg mit zusammen etwa 900 Mitarbeitern. Rund 230 sind im Penzberger Werk an der Seehaupter Straße beschäftigt. Dort werden vor allem Getriebeteile für Nutzfahrzeuge wie Lastwagen und Busse sowie im kleineren Rahmen für landwirtschaftliche Maschinen hergestellt.

Die Mitarbeiter in Penzberg wurden am Montagnachmittag zum Schichtwechsel über den Insolvenzantrag informiert. „Im Moment sind alle sehr verunsichert, weil viele Dinge unklar sind“, erzählt ein Mitarbeiter, der bei der IG Metall ist. Wieso kam es zu der finanziellen Schieflage? Er berichtet, dass das Auftragsvolumen in den vergangenen Wochen stark zurückgegangen sei. Es sei immer schwieriger geworden, die Kosten zu decken. Ähnlich sei dies an den anderen Standorten. Auch der Umzug von München nach Penzberg könnte ihm zufolge eine Rolle gespielt haben.

Man stehe aber in gutem Kontakt mit der Geschäftsführung, erzählt der IG-Metaller. Man werde zusammen versuchen, eine Lösung zu finden und eine gemeinsame Zukunft zu haben. Wird dies von Erfolg gekrönt sein? „Ich hoffe schon, wir haben aus meiner Sicht gute Produkte.“ Sie seien am Markt attraktiv, man habe auch neue Anfragen. „Ich glaube, dass wir Chancen haben und es weitergehen kann.“

Penzberg-Umzug „unfassbar teuer“

Auf Nachfrage äußerte sich am Dienstag auch Karl Musiol, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Weilheim. Zur Gesamtsituation des Unternehmens könne er momentan zwar nichts sagen, aber zur Lage des Penzberger Werks. Die Krise hat nach seiner Ansicht nichts mit dem Auftragsvolumen und den aktuellen Schwierigkeiten der Automobilzulieferer zu tun, da in Penzberg keine Teile für Personenwagen hergestellt werden. Penzberg habe kein Auslastungsproblem, so Musiol.

Probleme sind ihm zufolge dagegen durch den Umzug von München nach Penzberg entstanden. Vor zwei Jahren war, wie berichtet, das Münchner Werk an die Seeshaupter Straße gewechselt. Winning BLW mietete dafür das Gelände von der Hörmann-Gruppe. Das Unternehmen teilte damals mit, dass es einen „deutlich zweistelligen Millionen-Betrag“ in den neuen Standort investiere.

„Dieser Umzug war unfassbar teuer“, erklärt Musiol. Zugleich sei die alte Produktivität nicht wieder erreicht worden. Dies habe zu einer wirtschaftlich schwierigen Situation geführt, die dem Unternehmen von vorneherein klar gewesen sei. Es habe dies auch als Investition in die Zukunft gesehen. Allerdings seien die Gesellschafter immer zurückhaltender geworden beim Zuschießen von Investitionen.

Die Mitarbeiter erhalten nun vorerst bis Ende 2025 ihren Lohn als Insolvenzgeld. IG-Metaller Musiol erzählt, dass es einen Ergänzungstarifvertrag gibt, der längere Arbeitszeiten, weniger Grundentgelt und weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld als im Flächentarifvertrag vorsieht. Laut einer Klausel gilt er aber nicht mehr, wenn ein Insolvenzantrag gestellt wird. Es gilt nun der normale Flächentarifvertrag. Fallen Mehrstunden, die geleistet werden müssen, weil Schichten eingeteilt sind und Aufträge abgearbeitet werden müssen, auf dem Arbeitszeitkonto an, sind sie laut Musiol bei einer Insolvenz nicht geschützt.

IG Metall: Schlag ins Gesicht

Die IG Metall Weilheim reagierte jetzt auf den Bericht mit einer öffentlichen Erklärung. Sie spricht von einem „Schlag ins Gesicht“ der Mitarbeiter.

„Viele von ihnen haben über Jahre hinweg mit großem Engagement zur Leistungsfähigkeit und zum Erfolg des Unternehmens beigetragen“, erklärte der 1. Bevollmächtigte Karl Musiol in der Mitteilung. Zuletzt seien die bayerischen Beschäftigten sogar den Umzug von München nach Penzberg – dies war vor zwei Jahren – mitgegangen, „der für fast alle mit massiven Einschränkungen wegen stundenlanger Pendelei verbunden ist“. Musiol verlangt, dass Geschäftsführer und Gesellschafter jetzt Verantwortung übernehmen. „Sie müssen gemeinsam mit dem Sachwalter und der Sanierungsberatung Lösungen für die Zukunft entwickeln, um den Erhalt der Arbeitsplätze und der Standorte zu sichern“.

Zugleich stellt die IG Metall in ihrer Erklärung mehrere Forderungen auf: Zum einen verlangt sie „Transparenz über die wirtschaftliche Lage und die geplanten Sanierungsschritte“, zum anderen die „Einbindung der Beschäftigtenvertretung in alle relevanten Entscheidungen“. Ebenso fordert sie eine „Zukunftssicherung für die Beschäftigten in Duisburg, Remscheid und Penzberg“ sowie „verlässliche Perspektiven für die Beschäftigten und ihre Familien“. Zuletzt verlangt sie „politische Unterstützung, um die industrielle Basis in der Region zu stärken und den Beschäftigten eine Zukunftsperspektive zu geben“. Für die IG Metall sei klar, dass die Arbeitsplätze bleiben müssen. Musiol ergänzte, er sei optimistisch für das Penzberger Werk.

„Bereits vor Monaten Alarm geschlagen“

Die IG Metall Weilheim erklärte gegenüber der Heimatzeitung zudem, dass sie bereits vor Monaten Alarm geschlagen sowie Betriebsrat und Belegschaft mobilisiert habe. „Wir haben Wissenschaftler des Transformationsprojekts transform.by in den Betrieb geholt, um Maßnahmen für die Zukunft der Arbeitsplätze bei Winning BLW in Penzberg zu entwickeln“, so Musiol. „Unsere Arbeit steht kurz vor Abschluss. Wir erwarten nun, dass Sachwalter, Sanierungsberater und Geschäftsführer unsere Maßnahmen berücksichtigen und umsetzen.“

Der Gewerkschafter berichtete auch, dass das Unternehmen bereits vor fünf Jahren insolvent gewesen sei und von einem tschechischen Investor aufgekauft wurde. Die Kosten seien offenbar unterschätzt worden. Allein der Umzug von München nach Penzberg habe Millionen gekostet. In Penzberg sind ihm zufolge aktuell etwa 180 Mitarbeiter ganz direkt von der Insolvenz betroffen. 70 weitere würden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Tagen in die Insolvenz geschickt.

Von MAN bis HAP

Auf dem Gelände an der Seeshaupter Straße in Penzberg eröffnete MAN 1966, dem Jahr der Bergwerksschließung, ein Werk, in dem anfangs Omnibusse gefertigt wurden. 2005 entschied MAN, es in eine eigenständige GmbH auszugliedern. Das Erbe trat im Juli 2005 die Firma ACP an. MAN blieb Hauptkunde.

Anfang 2006 übernahm die Hörmann-Gruppe, ebenfalls ein Automobilzulieferer, 50 Prozent der Anteile von ACP, im August 2008 auch die andere Hälfte. Ab 2012 hieß das Werk „Hörmann Automotive Penzberg“, kurz HAP. Im April 2019 gab der Hörmann-Konzern die Schließung bekannt, die schrittweise bis Juli 2020 vollzogen wurde.