Leonid Iwaschow ist russischer Militärexperte und für seine kritische Haltung zu Russlands Krieg gegen die Ukraine bekannt. Bereits vor der Invasion am 24. Februar 2022 sprach er sich offen gegen den Plan von Russlands Machthaber Wladimir Putin aus.
Nun hat Iwaschow ein Video auf Youtube veröffentlicht, in dem er nach rund 1400 Tagen Invasion Bilanz zieht.
Sein Fazit: "Ich halte die 'Militärische Sonderoperation' für ein extrem dummes Ereignis", sagt Iwaschow in dem Video. Er spricht von einem "Verbrechen".
In dem Video analysiert Iwaschow die Folgen des Krieges für Russland:
Die geopolitische Situation: "Russland ist international isoliert. Nur eine Handvoll Staaten - sechs oder sieben - stimmen für unsere Positionen in der UN-Vollversammlung. Andere enthalten sich oder stimmen prinzipiell gegen uns", so Iwaschow.
Die interne Situation in Russland: "Wir beobachten einen Krisenzustand der Wirtschaft, eine Krise der Kultur und eine Krise der spirituellen Dimension des Lebens."
Im Video: Putin droht vor Friedenstreffen: "Lösen alle Probleme mit militärischen Mitteln"
"Sie haben fünfzehn Flugzeuge versprochen – ich weiß nicht, ob überhaupt eines davon gestartet ist"
Einen eigenen Teil des Videos widmet Iwaschow der Zivilluftfahrt: "Sie ist zusammengebrochen. Putin hat nicht einmal gesagt, wie viele Flugzeuge wir haben. Ich gebe ehrlich zu, ich habe gesucht und gesucht und weiß immer noch nicht, wie viele Zivilflugzeuge heute tatsächlich fliegen können. Zwei? Drei? Sie haben für 2025 fünfzehn Flugzeuge versprochen – ich weiß nicht, ob überhaupt eines davon gestartet ist", rechnet der Militärexperte vor.
"Heute ist die zivile Luftfahrt zerstört. Wir zerlegen Airbus- und Boeing-Flugzeuge in Ersatzteile, nur um ein paar Dutzend in der Luft zu halten."
"Das ist eine schwere Katastrophe"
Iwaschow weiter: "Der letzte Hightech-Sektor, der uns noch geblieben war, war die Raumfahrt. Wir hatten zwei Startrampen in Baikonur für bemannte Starts. Unter dem Vorwand, 'Geld zu sparen', wurde eine davon in ein Museum umgewandelt. Der letzte Start fand im November statt. Der Startkomplex selbst wurde zerstört. Wir haben jetzt keine bemannten Startkapazitäten mehr."
Sein bitteres Fazit: "Das ist eine schwere Katastrophe."
"Das Schlüsselereignis ist die militärische Sonderoperation"
Für all diese Entwicklungen macht der Militärexperte den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich. "Das Schlüsselereignis, das all dies seit 2022 miteinander verbindet, ist die militärische Sonderoperation."
Er erklärt: "Es gibt verschiedene Ebenen der Kriegsführung: taktische, operative, strategische – und darüber hinaus die Geopolitik. Unsere Erfolge bestehen nur auf taktischer Ebene. Operativ schlägt die Ukraine mit Raketen und Drohnen zurück, wobei sie sich auf Informationen der Nato stützt".
In dem Video greift Iwaschow noch weitere Punkte auf:
- "Das Bildungsniveau sinkt"
- "Die Wissenschaft ist in kritischem Zustand"
- "Das Justizsystem ist vollständig korrupt"
- "Es gibt keine echte nationale Sicherheitsstrategie"
- "Die demografische Entwicklung ist katastrophal"
"Das System ist so gebaut, dass Putin im Zentrum steht – daher ist alles auch Putins Verantwortung"
Iwaschow kritisiert Putin für diese Entwicklungen scharf: "Das ganze System ist so gebaut, dass Putin im Zentrum von allem steht – und daher ist alles auch Putins Verantwortung. Aber er lebt in einer anderen Realität, umgeben von Lob und Propaganda. Er glaubt ernsthaft, dass er erfolgreich ist, dass die Armee die beste der Welt ist. Diese gefährliche Illusion führt zu einer Katastrophe. Die Geschichte zeigt uns: Wenn Desaster nicht adressiert werden, führen sie zu noch viel schlimmeren Dingen".
Ukrainischer Diplomat: "Bemerkenswert, ihn so sprechen zu hören"
Auch in der Ukraine wird das Video zur Kenntnis genommen. "General Iwaschow war jahrelang einer der Vertreter von Putins Russland bei allen möglichen internationalen Konferenzen", so Olexander Scherba, früherer Botschafter der Ukraine in Österreich. Laut Scherba sei Iwaschow in dieser Funktion auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz gewesen. "Es ist bemerkenswert, ihn so sprechen zu hören."