"Eines Tages im Juli vergangenen Jahres ging ich mit einem Mann, der mir Morddrohungen geschickt hatte, zum Abendessen." So beginnt ein Bericht der amerikanisch-russischen Journalistin Vera Papisova, der im "Cosmopolitan"-Magazin erschien.
Er ist Teil eines bemerkenswerten Experiments, das die heute 35-Jährige 2024 in den USA durchführte. Sie datete bewusst Männer mit konservativen bis rechten Ansichten. "Es war das Jahr vor der US-Wahl, und ich wollte verstehen, wie die Amerikaner politisch ticken", sagte sie dem "Spiegel" in einem aktuellen Interview.
Papisova stammt aus einem liberalen Elternhaus
Papisova suchte, so erzählte sie es dem Nachrichtenmagazin, Menschen, die ihr ihre politischen Einstellungen erklärten. Demokraten zu finden, sei einfach gewesen. "Aber in New York, wo ich lebe, wollte fast kein Republikaner mit mir reden."
Sie sei auf eine konservative Dating-App aufmerksam geworden. Die Journalistin entschied, auf diese Weise Menschen mit völlig konträren politischen Ansichten kennenzulernen. Papisova selbst stammt aus einem liberalen Elternhaus.
"Ich durchforstete ihre Profile, um herauszufinden, woher diese Männer kamen, warum sie sich scheinbar gegen all das stellten, wofür ich mein ganzes Berufsleben lang gekämpft hatte: Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit, reproduktive Selbstbestimmung, die Gleichstellung von LGBTQIA+", heißt es in ihrem "Cosmopolitan"-Beitrag.
Sie wollte eigenen Angaben zufolge in Erfahrung bringen, ob romantische Beziehungen zwischen gegensätzlichen Gruppen in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung möglich sind. Und, ob Dating dazu beitragen könnte, Differenzen zu überbrücken und aufeinander zuzugehen.
"Sobald es um Politik ging, verhielten sie sich gruselig"
Die Männer, die sie im konservativen Dating-Kosmos traf, waren laut Papisova oft finanziell gut gestellt. Viele vertraten ein klassisches Rollenbild, wollten also zum Beispiel, dass Frauen zu Hause bleiben und sich von ihren Männer versorgen lassen, sagte sie dem "Spiegel".
Papisova beschreibt viele Dates als "nervenaufreibend". Einige Männer hätten "ihre Gefühle null im Griff" gehabt. "Sobald es in den Gesprächen um Politik ging, verhielten sie sich teilweise gruselig", sagte die 35-Jährige dem Nachrichtenmagazin.
Ein Mann brüllte zum Beispiel im Restaurant herum, früher habe man "linke, weiße Huren aufgehängt". "Es heißt, Frauen seien emotional – aber in Wahrheit war ich dauernd damit beschäftigt, die Emotionen dieser Männer runterzuregeln", so Papisova.
Papisova traf sich mit Mann, der ihr gedroht hatte
Ihre wahrscheinlich extremste Dating-Erfahrung hängt mit jenem Mann zusammen, der im Restaurant laut wurde. Denn er war es, der ihr einst Morddrohungen geschickt hatte, wie sie im "Cosmopolitan"-Artikel erklärt. "Ich bringe dich langsam um …", soll der Mann Papisova mehrfach gemailt haben, während sie als Redakteurin für ein Magazin arbeitete.
"Dass wir bei der Dating-App ein Match hatten, war Zufall. Er wusste wohl nicht, dass ich dieselbe Person war, die er online bedrohte", sagte sie im Gespräch mit dem "Spiegel". Wie sich herausstellte, hatte ihr Date-Partner eine traurige Vergangenheit.
Er war wohl Sportler, begann aber irgendwann, Drogen zu nehmen und zu trinken. Inzwischen sei der Mann clean und versuche anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen. Aber: "Online schrieb er immer noch furchtbare Dinge, zum Beispiel über Frauen", so Papisova.
Nach vier Dates brach Papisova das Kennenlernen ab
Nach vier Verabredungen sagte sie dem Mann, dass sie sich nicht mehr mit ihm treffen wolle, weil ihre Ansichten zu unterschiedlich seien. Zwar konnte sich die Journalistin durchaus vorstellen, sich weiter mit ihm über Dinge jenseits von Politik zu unterhalten und Zeit mit dem Mann zu verbringen.
Aber sie schreibt im "Cosmopolitan"-Beitrag auch: "Würde ich jemals eine romantische Beziehung mit ihm eingehen wollen? Nein. Nur weil ich seine Sichtweise nun zumindest teilweise verstand, hieß das nicht, dass ich mit ihm intim werden wollte."
Der Mann sei verwirrt über den Cut gewesen - hatte er doch geglaubt, viele ihrer Einstellungen würden übereinstimmen. Für Papisova stand fest, dass das nicht so war. Und dass ihr Gegenüber das gewusst hätte, "hätte er mir irgendwelche Fragen über mich gestellt".