„Ein schmerzhafter Prozess“: Warum der Egglburger See unaufhaltsam verlandet

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Tausendblatt, keine Alge, überwuchert den Egglburger See bei Ebersberg. Schön sieht das nicht aus, ist aus naturschutzfachlicher Sicht auch nicht bedenklich - aber  ein Zeichen der Verlandung des Sees.
Tausendblatt, keine Alge, überwuchert den Egglburger See bei Ebersberg. Schön sieht das nicht aus, ist aus naturschutzfachlicher Sicht auch nicht bedenklich - aber ein Zeichen der Verlandung des Sees. © Peter Kees

Der Egglburger See ist das einzige vollständige Naturschutzgebiet im Landkreis. Ob seiner kränklich-braunen Optik macht sich die Bevölkerung Sorgen um das Ebersberger Schmuckstück. Beim Ortstermin im Schilf erklärt Amtsbiologin Roswitha Holzmann, weshalb es besser um den See steht, als er aussieht – und seine Zeit dennoch abläuft.

Ebersberg – Schließlich erwischt der See sie doch. Roswitha Holzmann rutscht mit dem Gummistiefel ab, der mit sattem Schmatzen bis über den Rand im Wasser versinkt. Als die Biologin tief im Schilfgürtel zurück auf die Ufergrasnarbe geklettert ist, schaut sie auf ihr Hosenbein und muss lachen: „Ein bisschen nass werde ich immer!“ Es scheint, als wehre sich der Egglburger See gegen den Besuch. Auch der EZ-Fotograf erlebt das per Stolper-Sturz ins (trockene) Schilf. Sei es dem See verziehen, Ebersbergs Natur-Wahrzeichen ist kein Ort, an dem der Mensch herumtrampeln sollte.

Zufrieden ist Roswitha Holzmann mit dem See.
Zufrieden ist Roswitha Holzmann mit dem See. © Peter Kees

Kränkliche Optik: Der Egglburger See ist Sorgenkind für viele in Ebersberg

Den Hiesigen gilt der Egglburger See als Sorgenkind, der kränklichen Optik wegen: Über weiten Teilen der Wasseroberfläche liegt seit Jahren ein hartnäckiger grün-brauner Pflanzenteppich. Das löst Beunruhigung bei den Einheimischen und Erholungssuchenden aus. Roswitha Holzmann, stellvertretende Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) im Landratsamt, schaut einer über den Seerosenteppich vorbeiziehenden Königslibelle nach und sagt: „Wir sind eigentlich ganz zufrieden.“

Besuch im Schilfgürtel: Die Biologin Roswitha Holzmann (re.) von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und der EZ-Reporter blicken von der Ufergrasnarbe aus auf den Seerosenteppich am Westufer des Egglburger Sees.
Besuch im Schilfgürtel: Die Biologin Roswitha Holzmann (re.) von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und der EZ-Reporter blicken von der Ufergrasnarbe aus auf den Seerosenteppich am Westufer des Egglburger Sees. © Peter Kees

Das Naturschutzgebiet quillt an diesem Spätsommertag schier über vor Leben. Teichrohrsänger, Mönchsgrasmücken, Gänsesäger und die raren Flussseeschwalben; zählt die Naturschützerin auf: Die Vogelpopulation sei so zahlreich und vielfältig wie schon lange nicht mehr. Am Ufer gegenüber sieht sie einen Falken aufsteigen. Dazu kommen Teichmuscheln, verschiedene Weißfische, Spring- und Wasserfrösche, die Wasserfledermaus. Biber und Kormoran dürfen sich hier vor den Türen der Kreisstadt tummeln. „Wo, wenn nicht hier?“, findet die Biologin vom Amt. Die knapp 76 Hektar große „Vogelfreistätte Egglburger See“ ist (abgesehen von einem Zipfelchen des Kupferbachtals südlich von Glonn) das einzige Naturschutzgebiet im Landkreis Ebersberg. Doch seine Uhr tickt.

Viele Tier- und Pflanzenarten, kein Algenproblem: Naturschutzbehörde ist zufrieden

Von der Wasserkante aus, wo sich der würzige Duft des Schilfs mit dem feuchten Geruch der Seepflanzen vermischt, blickt Roswitha Holzmann auf den lebendigen Teppich, der den See überwuchert wie Moos und Flechten ein lang nicht gereinigtes Terrassenpflaster. „Das sind keine Algen“, betont sie; dafür sei das Wasser heuer zu klar: Der Löwenanteil des Bewuchses entfalle auf das Tausendblatt, Myriophyllum, eine Wasserpflanze, die in Verlandungszonen von Gewässern vorkommt, wo sie es nicht weit bis zum nährstoffreichen Grund hat. Es ist ein Anzeiger, dass der zwei, drei Meter tiefe Egglburger See eine Art Gesamtverlandungszone ist. „In einigen Generationen werden wir hier wahrscheinlich keinen See mehr haben, sondern wie das Kirchseeoner Moos ein Egglburger Moos“, sagt die Biologin. „Ein schmerzhafter Prozess und etwas, das die Leute nicht gerne hören wollen. Aber der Egglburger See verlandet. Das ist Tatsache.“

Die seltene Flussseeschwalbe fliegt über den See.
Die seltene Flussseeschwalbe fliegt über den See. © Helmut Stocker

Geschuldet sei das der Wannenform unterhalb des „Os“ genannten Gletschermoränenrests, auf dem heute das Kirchlein von St. Michael Egglburg steht. Unterhalb stauten die Benediktinermönche des Klosters Ebersberg vor rund 1000 Jahren das Wasser für die Fischzucht. Doch seitdem seien mit dem Regenwasser von den umliegenden Hängen immer mehr Nährstoffe ins Wasser gelangt, die wiederum das Pflanzenwachstum antreiben, was wiederum zu Sedimentablagerung am Grund führe. „Alles, was in den See reinkommt, bleibt im See“, fasst es die Gewässerspezialistin vom Landratsamt zusammen. Die Stadt Ebersberg, die UNB und die umliegenden Landwirte seien dazu in engem Austausch – schließlich seien letztere auf die Flächen zur Versorgung ihres Viehs angewiesen und Tauschflächen kaum zu finden. Ziel sei es, über allmähliche Anpassung der Bewirtschaftung den Düngemitteleintrag gemeinsam möglichst einzudämmen, um den Verlandungsprozess zu verlangsamen. Ganz aufzuhalten sei er aber ohnehin nicht. „In noch mal 1000 Jahren ist das hier kein See mehr.“

Mähen oder Ausbaggern? - „Ein Wahnsinn!“

Kann man da nicht etwas Handfesteres unternehmen? Roswitha Holzmann zieht einen braunen A4-Umschlag voll loser Zettel hervor, balanciert auf dem „Bulten“ genannten Seggengras-Buckel zwischen Schilf und Wasser neben dem eigenen Gleichgewicht auch noch Paragrafen und Tabellen. „Entkrautung des Egglburger Sees“, steht über dem Fachpapier, in dem die UNB eine mögliche Rettungsmaßnahme durchgerechnet hat: Das wiederholte Abmähen und Entsorgen des Pflanzenteppichs, um dem See die Nährstoffe zu entziehen, dürfte schnell eine Millionensumme kosten und hunderte Lastwagenladungen an abzufahrendem Biomaterial anfallen lassen – ohne erst eine einzige Schwimmbaggerschaufel Schlick vom Grund zu heben. „Wo sollen die Laster alle fahren?“, fragt Holzmann mit Blick auf den dichten, insekten- und vogeldurchschwirrten Schilfgürtel rund um den See.

Eine Großlibelle sitzt im Schilfgürtel.
Eine Großlibelle sitzt im Schilfgürtel. © Landschaftspflegeverband Ebersberg

Diese Materialmassen müssten auch noch ufernah zwischenlagern, um mitausgehobenen Amphibien oder seltenen Libellenlarven wie jenen der Azurjungfer eine Überlebenschance zu lassen. Dazu gelte: „Die Vögel haben Vorrang.“ Haubentaucher, Reiherente, Teichhuhn: Es gibt kaum ein gangbares Zeitfenster im Jahr, in dem die zig Arten nicht mit Brut oder Mauser zugange sind. „Ein Wahnsinn!“, fasst Naturschutz-Fachfrau Roswitha Holzmann ihre Einschätzung eines solchen Eingriffs zusammen, der dem empfindlichen Biotop wohl mehr schade als nutze. Laichkraut, Blaualge, Schraubalge: Bis auf das störrische Indische Springkraut sei die heimische Artenwelt intakt. Würde man hier der Bevölkerung zuliebe maschinell eingreifen, wäre das ein eher kosmetischer Eingriff, lässt Holzmann durchklingen. Für eine Schönheits-OP ist den Naturschützern der Egglburger See zu kostbar.

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